Wirtschaft

"Welt-Handelsindex" Handel könnte bald zur alten Stärke finden

Der Burgfrieden zwischen den USA und China ist nur von kurzer Dauer. Daher ist auch der Welthandel noch lange nicht auf Erholungskurs. Die Konflikte schwelen weiter, es kommen sogar neue hinzu. Der "Welt-Handelsindex" konnte zuletzt dennoch ein wenig Boden gut machen.

Der "Welt-Handelsindex" konnte im Juli leicht auf 69,8 Prozentpunkte zulegen. Das unterstreicht die bereits im Mai eingeleitete positive Tendenz. Dennoch ist der Anstieg alles andere als deutlich. Zwar zeigt die Handelsaktivität weiter nach oben. Doch von einem Befreiungsschlag kann deswegen noch keine Rede sein. Auch aufgrund des immer noch schwelenden Handelsstreits blieben große Impulse aus. Das muss allerdings nicht zwingend ein schlechtes Zeichen sein: In den vergangenen Monaten wurden einige Geschäfte wegen der drohenden Zölle vorgezogen. Dass der "Welt-Handelsindex" dennoch zulegen kann, ist angesichts dieser bereits in den Vormonaten getätigten Abschlüsse sogar positiv zu werten.

Es besteht zumindest die Hoffnung, dass der Handel auch in den kommenden Monaten weiter zur alten Stärke zurückfindet. Zwar kündigte US-Präsident Donald Trump jüngst 10 Prozent Zölle auf die restlichen 300 Milliarden US-Dollar Handelsvolumen mit China zum 1. September an. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Trump mit dieser Drohung lediglich den Druck auf bevorstehende Verhandlungen erhöhen will.

Wie Ende Juli bekannt wurde, wollen China und die USA nach der Sommerpause erneut verhandeln. Trump stört sich weiter daran, dass China mehr in die USA exportiert als umgekehrt. Nun will China mehr US-Agrarerzeugnisse erwerben. Trump fordert darüber hinaus Maßnahmen gegen Urheberrechtsverletzungen und die Beseitigung von Handelshemmnissen. Obwohl die Forderungen auf beiden Seiten noch immer bestehen und es keine Einigung gibt, ist die mögliche Rückkehr an den Verhandlungstisch doch ein positives Zeichen. Die Sorge vor einem langanhaltenden Handelskrieg besteht aber nach wie vor.

China profitiert von Diskrepanz

Dr. Markus C. Zschaber

Dr. Markus C. Zschaber

Der Blick auf die Handelsbilanzen zeigt: Die zugrunde liegenden Spannungen sind noch lange nicht aufgehoben. Darüber hinaus finden sich sogar Argumente, die den harten Trump-Kurs zumindest teilweise stützen. Das US-Handelsbilanzdefizit stieg im Mai weiter und lag mit 55,50 Milliarden US-Dollar deutlich über dem Vormonatswert von 51,2 Milliarden US-Dollar und auch über den Erwartungen der Analysten. Damit haben die USA erneut deutlich mehr Waren und Dienstleistungen importiert als exportiert.

Wer von dieser Diskrepanz unter anderem profitiert, zeigt der Blick auf die Handelsdaten Chinas. Der Handelsbilanzüberschuss kletterte im Juni auf 50,98 Milliarden US-Dollar nach 41,66 Milliarden zuvor. Auch dieser Wert übertraf die Erwartungen der Analysten deutlich. Positiv gestaltete sich auch die Entwicklung innerhalb der Eurozone. Der Handelsbilanzüberschuss betrug im Mai 23 Milliarden US-Dollar. Das sind ebenfalls deutlich mehr als im Vormonat (15,7 Milliarden US-Dollar) und mehr als erwartet (16,3 Milliarden US-Dollar).

Vordergründig stimmen die Zahlen zum Welthandel positiv und unterstreichen die Entwicklung des "Welt-Handelsindex". Mit Blick auf die bevorstehenden Verhandlungen zwischen China und den USA sind die Ergebnisse jedoch Wasser auf die Mühlen von Trump. Die kommenden Zahlen werden zeigen müssen, ob die Ungleichgewichte im Welthandel tatsächlich so stark ausgeprägt sind oder nicht. Dabei geht es nicht nur um das Verhältnis zwischen den USA und China. Die US-Regierung will im Herbst auch Strafzölle gegen die EU prüfen. Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier sieht das Risiko, dass es wirklich zu Maßnahmen seitens der USA gegen die EU kommt, bei 50 Prozent. Maßgeblich benachteiligt wären im Falle von Zöllen wohl vor allem deutsche Automobilhersteller. Aus diesem Grund hat die EU bereits signalisiert, ihrerseits die Zölle auf PKW auf null senken zu wollen.

Versorgungsengpässe bei Display-Fertigung

Skeptisch zeigte sich auch der Handelsversicherer Euler Hermes und warnt Ende Juli davor, dass Rückgänge der deutschen Handelsgeschäfte ein Indikator für eine weltweite Abschwächung sein könnten. Hintergedanke ist die gute Integration Deutschlands in den weltweiten Warenaustausch. Aus diesem Grund könnte eine schwache Entwicklung in Deutschland Rückschlüsse auf den Welthandel zulassen.

Eine Eigenschaft als Frühindikator wird auch Südkoreas Exporten zugemessen. In den ersten 20 Juli-Tagen gingen die Exporte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 14 Prozent zurück. Besonders deutlich war der Rückgang im Bereich der Halbleiter. Der Export von Chip-Erzeugnissen brach innerhalb der ersten zwanzig Juli-Tage um 30 Prozent ein. Auch Ausfuhren nach China gingen um rund ein Zehntel zurück. Hinzu kommen Ende Juli Medienberichte über Handelsspannungen mit Japan: Nippon habe zuletzt Exporte in den südkoreanischen Technologiesektor erschwert.

Nach Ansicht von Experten drohen im Bereich der Display-Fertigung mittelfristig Versorgungsengpässe. Japan verlangt inzwischen eine Erlaubnis, um für Displays benötigte Chemikalien nach Südkorea ausführen zu dürfen. Diese Erlaubnis zu erteilen dauere rund 90 Tage. Da Japan weltweit führend in der Herstellung dieser Chemikalien ist, wird es schwer für Südkorea, auf andere Zulieferer auszuweichen.

Während Japan und Südkorea auf Konfrontation gehen, gibt es andernorts positive Signale: Trump stellt dem neuen britischen Premier Boris Johnson ein Handelsabkommen in Aussicht. Auch zwischen den USA und Brasilien soll es ein bilaterales Abkommen geben. Die Abmachung gilt als Reaktion auf den Mercosur-Pakt, den die EU mit Staaten Südamerikas kürzlich vereinbart hat. Obwohl die EU-Kommission bereits grünes Licht gegeben hat und die Chancen für europäische Exporteure als groß angesehen werden, stockt nun der nationale Ratifizierungsprozess. Das Abkommen könnte negative Folgen für die Umwelt haben, so Kritiker. Der Vergleich mit dem kanadischen Abkommen CETA zeigt, wie lange eine Ratifizierung dauern kann: Obwohl der Prozess bei CETA schon 2017 begonnen hat, haben bislang erst dreizehn EU-Länder zugestimmt.

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Noch ist es zu früh, um aus diesen Ereignissen weitreichende Folgen für den Welthandel abzuleiten. Die Konjunkturdaten haben im Juli weltweit eine leicht positive Tendenz gezeigt. Auch die Stimmungsindikatoren haben für keine allzu großen Enttäuschungen gesorgt. Die verhalten positive Tendenz bildet der "Welt-Handelsindex" mit seinem jüngsten Anstieg ab. In der EU und auch in Deutschland bleibt die Industrie allerdings schwach. Innerhalb der kommenden Monate wird sich entscheiden, ob Nachfrage aus Volkswirtschaften, in denen die Wirtschaft noch runder läuft als in der EU, das Geschäft der Industrie in der Eurozone ankurbeln kann. Das Handelsbarometer signalisiert aber auch, dass die Lage noch immer als angespannt gelten muss. Schwelende Konflikte, wie der zwischen den USA und China sowie der EU oder auch die jüngste Eskalation zwischen Japan und Südkorea zeigen, dass Freihandel gerade heute ein langwieriger Prozess ist.

Funktionsweise Welt-Handelsindex:

Der Welt-Handelsindex fasst alle relevanten Daten aus den vier primären Transport- und Handelswegen (Schifffahrt, Schiene, Straße und Lufttransport) zusammen, gewichtet diese und verdichtet sie in einem Index. Der Index bietet zum ersten Mal ein Gesamtbild des Welthandels zusammengefasst in einer Zahl, erfasst damit unter anderem auch die Auswirkungen der Globalisierung und überwindet funktionale und regionale Beschränkungen, der zum Beispiel nur regional ausgerichteten Indikatoren. Weißt der Welt - Handelsindex einen Stand zwischen 85 und 100 Punkten aus, befindet sich der Welthandel im Expansionsmodus. Je höher oder tiefer die Punktezahl ist, umso besser respektive schlechter steht es um den Welthandel. Weißt der Welthandelsindex dagegen einen Stand zwischen 55 und 85 Punkten aus, befindet sich der Welthandel in seinem Trendwachstumskanal. Indexstände zwischen 55 und 0 Punkten bedeuten, dass der Welthandel sich in Kontraktion befindet und schrumpft.

Quelle: Die Vermögensverwaltungsges. Dr. Markus C. Zschaber mbH stellt den Index monatlich exklusiv dem "manager-magazin-online" und dem "Nachrichtensender n-tv" zur Verfügung. Informationen zum Index unter www.zschaber.de oder www.kapitalmarktanalyse.com

Quelle: n-tv.de

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