Wirtschaft

Forstwirtschaft klagt an Holzpreise boomen, Waldbesitzer leiden

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Holz gilt als Baustoff des 21. Jahrhunderts. Die Waldbesitzer wollen nun stärker vom Boom profitieren.

(Foto: picture alliance / Photononstop)

Holz ist teuer wie nie. Das wird zum Problem für Handwerker: Zimmermänner, Schreiner und Dachdecker kommen nur noch schwer an das "Gold der Baustelle". Profitieren müssten eigentlich Waldbesitzer, doch die kriegen vom Kuchen viel zu wenig ab, kritisiert die Forstwirtschaft.

Selten zuvor wurde weltweit so viel gebaut wie aktuell. Die Corona-Krise macht's möglich. Weil keine Urlaubsreisen anstehen, wird renoviert. Als Baustoff wird immer häufiger das klimafreundliche Holz eingesetzt. Seit Jahren steige der Anteil an Holzbauten konstant um ein Prozent, meldet der Bundesverband der Deutschen Säge- und Holzindustrie.

Das müsste die Waldbesitzer eigentlich freuen. Doch das Gegenteil ist der Fall, beklagt Georg Schirmbeck, selbst Forstbesitzer im Teutoburger Wald und Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Man habe trotz Holzboom immer noch die Preise von vor drei Jahren, also bevor Borkenkäfer, extreme Hitze und Dürre sowie erhebliche Sturmschäden die Wälder schwer beschädigt hätten. Der Preis pro Festmeter sei zwar regional unterschiedlich, liege derzeit aber meist etwa zwischen 70 und 80 Euro.

"Vor der Säge ist das Leben mühsam"

"Damit sind wir im langjährigen Durchschnitt im unteren Bereich." Gleichzeitig stellen man aber eine Verdrei- oder sogar Vervierfachung des Schnittholzpreises fest. "Vor der Säge ist das Leben mühsam. Unsere Leute im Wald kriegen Mindestlohn und müssen bei schlechtem Wetter gefährliche Arbeiten ausführen. Aber wenn das Holz an der Säge vorbei ist, gibt es Preise, die für uns überhaupt nicht nachvollziehbar sind", bemängelt Schirmbeck.

Nicht nachvollziehbar deshalb, weil Konstruktionsholz doppelt so teuer ist wie vor einem Jahr. Für Dachlatten verlangt der Fachhandel sogar das Dreifache.

Getrieben wird die Entwicklung nicht nur vom heimischen Corona-Boom. Auch in den USA wird gezimmert, was das Zeug hält. Wegen der Waldbrände in Kalifornien müssen die Amerikaner sogar importieren, sei einigen Monaten verstärkt deutsches Nadelholz. Sägewerke hierzulande machen mit den USA ein gutes Geschäft, Holz ist in den USA noch knapper und teurer. In China sieht es ähnlich aus.

Das wiederum ist nicht nur für deutsche Hobby-Handwerker schlecht, sondern auch für professionelle. Sie müssen neues Holz teilweise selbst zu überteuerten Preisen aus dem Ausland importieren. Manch eine Zimmerei sitzt ganz auf dem Trockenen, weil der Markt schlicht und einfach leergekauft ist und gehamstert wird. Beim Holz macht sich der "Klopapier-Effekt" bemerkbar. Die Säge- und Holzindustrie spricht von "extremer Verunsicherung am Markt". Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen befürchtet sogar Baustopps wegen des Materialmangels.

"Wenn wir ein bisschen mehr abkriegen, sägen wir"

Ein Appell des Deutschen Fortwirtschaftsrates könnte die Situation kurzfristig sogar noch weiter verschärfen. Waldbesitzer sollten ihr Holz nur zu marktgerechten Preisen abgeben, fordert Präsident Schirmbeck. Es könne nicht sein, das Waldbesitzer seit Längerem unter einem schlechten Holzmarkt leiden, teilweise draufgezahlt haben und steuerfinanzierte Hilfsprogramme benötigen, um den Wald an den Klimawandel anzupassen, gleichzeitig aber von den hohen Marktpreisen nichts abbekommen.

"Das Geld ist ja im Umlauf. Wenn wir nur ein bisschen mehr von dem Kuchen abkriegen, dann sägen wir, was die Industrie, der Handel und das Handwerk haben wollen. Dann haben wir kein Problem. Aber wie soll ich denn meinen Kindern irgendwann erläutern, dass ich 80 oder 100 Jahre altes Holz, das über drei Generationen hinweg gepflegt und entwickelt worden ist, nach den katastrophalen Borkenkäfer- und Trockenjahren jetzt noch ein weiteres Mal verscherble?"

Grundsätzlich hätten die Forstbesitzer auch nichts gegen Exporte, macht Schirmbeck deutlich. "Wenn wir clevere Handelsleute haben, die das Holz für gute Preise in der Welt verkaufen, finden wir das ganz toll und wird von uns gefördert." Die Waldbesitzer hätten jedoch mehr als "Almosen" verdient, so der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete.

Auf einen konkreten Preisvorschlag für den Festmeter Holz will sich der Verbandspräsident nicht festlegen. Die Österreichischen Bundesforsten würden als Minimum für den Sommer aber 150 Euro anstreben. Eine Zahl, an der man sich grundsätzlich orientieren könne, findet Schirmbeck. "Dann können wir unsere Leute im Wald ordentlich bezahlen und mit modernem Gerät in den Wald fahren. Wenn der Preis aber auf diesem Niveau bleibt, hängen wir dauerhaft am Subventionssack der Regierung. Daran kann auch keiner Interesse haben."

Milliardenschäden durch Waldschäden

Die Forstwirtschaft steht wegen der enormen Waldschäden seit ein paar Jahren unter Dauerdruck. "Die durch die Extremwetterereignisse von 2018 bis 2020 verursachten Schäden in der Forstwirtschaft belaufen sich auf mehr als 12,7 Milliarden Euro", schreibt der Forstwirtschaftsrat in einer im März veröffentlichten Studie. Dies sei das Zehnfache des jährlichen Nettogewinns der gesamten Branche. Gleichzeitig würden die Soforthilfeprogramme der Politik nur etwa 10 bis 15 Prozent der Schäden abfedern.

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"Es gibt Waldbesitzer, die mehr oder weniger ihr ganzes Vermögen verloren haben. Die haben an der ein oder anderen Ecke noch ein bisschen was stehen, da ist der ein oder andere dann schon zum Sägen gezwungen, auch zu niedrigen Preisen", gibt Schirmbeck zu bedenken.

Die Forstwirte seien deshalb "schlecht gelaunt" und würden ihn darin bestärken, die Probleme anzusprechen. "Ich kriege einen Riesenzuspruch aus der Szene, aber wir wollen es ja nicht auf einen Knall ankommen lassen. Das Schlimmste ist, dass in der öffentlichen Diskussion jetzt plötzlich rüberkommt, dass wir kein Holz mehr hätten. Das ist totaler Quatsch."

Die Sägewerke arbeiten an der Kapazitätsgrenze, dadurch sind die Lieferzeiten länger, bei gleichzeitig erhöhter Nachfrage im In- und Ausland. Auf dem einzelnen Hektar stehe derzeit sogar mehr Holz als je zuvor in Deutschland. Demnach würden Nachhaltigkeitsgrundsätze eingehalten, eine Flächenstilllegung brauche es nicht. Holz gebe es genug und es wachse auch schnell genug nach, trotz der enormen Waldschäden in den vergangenen drei Jahren, macht Georg Schirmbeck deutlich. Nicht umsonst gelte Holz als Baustoff des 21. Jahrhunderts.

Holzbau schützt das Klima

Der Wald und die nachhaltige Holznutzung entlasten die Atmosphäre jährlich um 127 Millionen Tonnen CO2 - das entspricht 14 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen. Der Holzbau sei deshalb "die entscheidende Maßnahme für den Klimaschutz", nur auf diesem Wege könnten die Klimaschutzziele erreicht werden, sagt Schirmbeck. "Wir müssen den nachhaltig wachsenden Rohstoff Holz entschieden mehr einsetzen."

Von der Politik erwartet Schirmbeck ansonsten "eigentlich gar nichts", wie er sagt. "Die sollen sich raushalten", die Marktteilnehmer müssten die Preistreiberei in den Griff bekommen. Aktuell werde auf ihn geschimpft, aber diese Phase werde vorübergehen, ist der Forstwirtschaftspräsident überzeugt: "Es will keiner, es soll keiner und es muss auch keiner das Geschäft verlieren. Und dann werden der Verstand wieder einsetzen und sich die Dinge insgesamt so entwickeln, wie sie sich entwickeln müssen."

Quelle: ntv.de

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