Wirtschaft

Plattenbausiedlung im Wandel "In Marzahn wird es nie eine Kiez-Kultur geben"

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Der Zuzug nach Marzahn-Hellersdorf hält seit 2010 unvermittelt an. Inzwischen wohnen 270.00 Menschen am östlichen Stadtrand.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zu DDR-Zeiten sind die Plattenbausiedlungen in Berlin-Marzahn heiß begehrt. Nach der Wende folgt der Image-Wandel. Im Interview mit n-tv.de erzählt Standortmarketing-Leiter Oleg Peters, warum viele Bewohner der ersten Stunde den Stadtteil verlassen haben und ob die Platte den Wohnungsnotstand lösen kann.

n-tv.de: Die Plattenbausiedlungen von Marzahn galten Ende der 1070er-Jahre als Prestigeprojekt. Was hat sie so besonders gemacht?

Oleg Peters: In Marzahn wurden damals nicht nur 100.000 Wohnungen in weniger als 15 Jahren gebaut. Es entstanden gleichzeitig auch 360 sogenannte gesellschaftliche Bauten wie Kitas, Schulen, Einkaufs- und Dienstleistungseinrichtungen, Polikliniken und Kulturstätten. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Architekten, die sich der Bauhaus-Tradition verschrieben hatten, probierten damals, eine eigene Stadt zu bauen. Dabei haben sie viel Raum für Grünflächen gelassen. Herausgekommen ist eine Großsiedlung, in der nicht so eng wie im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt gebaut wurde.

Was war der Grund für diesen Kraftakt?

In den 70er-Jahren litt Berlin unter extremer Wohnungsnot. West-Berlin hatte schon Anfang der 60er- Jahre begonnen, durch Groß- und Geschosswohnungsbau Wohnraum für die wachsende Bevölkerung zu schaffen. Ost-Berlin sanierte damals noch Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg. Dadurch ist dann sogar noch Wohnraum verloren gegangen, weil Wohnungen zusammengelegt, Hinterhöfe entkernt und Toiletten in die Wohnungen eingebaut wurden.

Und wieso entschieden sich die Architekten für Marzahn als Standort für ihr Projekt?

Mit einem großen Gewerbegebiet, einem Heizkraftwerk, einer Kläranlage und einer Anbindung an die S-Bahn gab es bereits eine komplette Infrastruktur. Die Idee war, dass die Menschen möglichst nah an ihrem Arbeitsplatz wohnen sollten.

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Oleg Peters ist Leiter des Standortmarketing Marzahn-Hellersdorf.

Und was für Menschen zogen dann dorthin?

Ein Großteil hatte zuvor in schlechten Wohnverhältnissen in Prenzlauer Berg oder Weißenseee gewohnt. Viele waren einfach froh über eine Wohnung, in der fließend warmes Wasser aus der Wand kam und die über Fernwärme geheizt wurde. In den Plattenbauten sind die unterschiedlichsten Menschen zusammengekommen. Die Anekdote, dass damals der Professor neben dem Arbeiter gewohnt hat, ist kein Märchen. Das ist tatsächlich so gewesen.

Viele Menschen finden Plattenbausiedlungen zu Recht trist. Die Architektur ist sehr gleichförmig. Wozu sollte denn diese Monotonie gut sein, welche Ideologie steckte dahinter?

Auch wenn der Grundtyp "Wohnungsbauserie 70" weit verbreitet war, sind damals eine Vielzahl von verschiedenen Gebäuden gebaut worden. Klar, sicherlich waren die genormt. Das war aber auch der Sinn. Sonst hätten niemals so viele Wohnungen in so kurzer Zeit entstehen können. Die Gleichmacherei lässt sich nicht wegdiskutieren. Das stimmt. Wenn wir heute überlegen, wie die Wohnungsnot der Stadt gelöst werden soll, kann man auf diese Monotonie sicherlich verzichten.

Würden Menschen neuen Wohnraum in neuen Plattensiedlungen denn annehmen? Dafür müsste wohl erst einmal das Imageproblem der Platte beseitigt werden.

Nicht nur die hippen Innenstadt-Bezirke sind voll vermietet. Auch in Marzahn-Hellersdorf herrscht wenig Leerstand. Die Platte ist flexibel. In den Jahren nach der Wende haben sich die Wohnungen durch Sanierungen enorm verändert. Nur noch zwei oder drei Prozent der Wohnungen sind im Originalzustand. Aufzüge wurden nachgebaut, Fassaden und Grundrisse verändert. Inzwischen sind sogar viele Wohnungen barrierefrei. Die Sanierungen haben dazu beigetragen, dass die Leute geblieben sind und die Platte heute schätzen. Was auch oft vergessen wird: Die Mieten sind ja nicht nur deshalb so niedrig, weil wir hier am Stadtrand sind, sondern weil diese Plattenbauweise mit Fernwärme versorgt wird. Der Betriebskostenanteil liegt bei unter zwei Euro pro Quadratmeter. Das gibt es in keinem anderen Bezirk.

Viele Bewohner der ersten Stunde haben Marzahn dennoch mittlerweile den Rücken zugekehrt. Zwischen 1990 und 2009 verließ jeder Vierte den ehemaligen Vorzeige-Bezirk. Wieso?

In dem Gewerbegebiet Lichtenberg-Nordost haben zu DDR-Zeiten 55.000 Menschen gearbeitet. Nach der Wende ging ein Betrieb nach dem anderen pleite. Zum einen mussten viele ihrem Arbeitsplatz hinterherziehen. Zum anderen waren manche nach der Wende auch einfach finanziell besser aufgestellt als vorher. Aufgrund der neuen Einkommenssituation haben sich einige in Kaulsdorf, Mahlsdorf oder Biesdorf ein Einfamilienhaus gebaut oder sind gleich ins umliegende Brandenburg gezogen.

Es gab nicht nur eine große Abwanderungsbewegung, der dereinst junge Bezirk altert auch schneller als anderer Berliner Stadtteile. Wie erklären Sie das denn?

Viele der Erstbezieher haben den Bezirk nie verlassen. Hohes Alter ist in Marzahn kein Grund für einen Umzug, weil der Bezirk diesen Trend erkannt hat. Von den bereits angesprochenen Sanierungen haben besonders die Älteren profitiert. Gerade bei den Elf-Geschossern wurden die Fahrstühle so umgebaut, dass sie auch für Menschen mir Rollatoren gut erreichbar sind.

Und wieso ziehen so wenige junge Leute nach Marzahn?

Es gibt ein paar Dinge, die lassen sich bei uns nicht realisieren. Es wird hier nie eine Kiez-Kultur geben. Das ist ausgeschlossen. Viele junge Leute steigen lieber in die S-Bahn vor der Tür. Mit der Stadtbahn brauchen sie nur 15 Minuten bis zu den Kneipen und Cafés an der Warschauer Straße. Jeder, der hier versucht hat, etwas Ähnliches aufzubauen, ist bislang gescheitert.

Im Jahr 2001 wurden im Zuge des Programms "Stadtumbau Ost" 5000 Wohnungen in Marzahn abgerissen. Inzwischen zwingen steigende Mieten in der Innenstadt die Menschen wieder, an den Stadtrand zu ziehen. War der Rückbau des Wohnungsleerstands damals ein Fehler?

Er war aus einem ganz bestimmten Grund ein Fehler: Das "Stadtumbau Ost"-Programm war ein Bundes-Programm, das vom Grundsatz in der Überlegung nicht falsch war. In Ostdeutschland war der Rückbau in Orten wie Schwedt oder Hoyerswerda zwingend nötig. Dort sind im hohen Maß Industrien krachen gegangen. Plötzlich standen ganze Blocks leer. Um soziale Verwerfungen zu vermeiden, konnte man dem nur mit Abriss begegnen. In Marzahn hingegen war klar: Auch wenn viele Menschen ihre Jobs verloren haben, in den Gewerbegebieten werden sich wieder Unternehmen ansiedeln und neue Jobs entstehen.

Was für eine Zukunft prognostizieren Sie dem Bezirk?

Mit Prognosen und Schlussfolgerungen sollte man immer sehr vorsichtig sein. Der Bevölkerungsrückgang stoppte 2010. Der Zuzug nach Marzahn-Hellersdorf hält seitdem unvermittelt an. Der Senat geht davon aus, dass Marzahn-Hellersdorf im Jahr 2030 280.000 Einwohner haben wird. Aber schon heute wohnen 270.000 Menschen im Bezirk und wir haben gerade mal 2019. Im Bezirk drehen sich wieder wie vor 40 Jahren an allen Ecken Baukräne und das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft. Sowohl in den Einfamilienhausgebieten von Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf als auch in der modernen Großsiedlung – der Bezirk spricht sich als attraktiver Wohnstandort mit grünem Umfeld immer mehr herum.

Würden Sie sagen, die Platte kann den Wohnungsnotstand von heute lösen?

Gegenfrage: Was wäre denn, wenn wir die 100.000 Plattenbauten damals nicht gebaut hätten? Ein solches Großbauprojekt wird in dieser Form trotzdem so nicht wiederholt werden können. Die politischen und ökonomischen Verhältnisse sind einfach nicht mehr dieselben wie noch vor 40 Jahren. Ob Berlin so etwas wie einen neuen 13. Bezirk braucht, ist auch deswegen schwierig zu beantworten, weil es gar keine geeignete Fläche dafür gibt. Eine Lösung kann in der Zukunft nur länderübergreifend funktionieren. Und da sind wir noch ganz am Anfang.

Mit Oleg Peters sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

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