Wirtschaft

So teuer wird der Strom "Manche Preiserhöhungen sind Wucher"

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"Energie-Discounter sind teilweise sehr aggressiv unterwegs", sagt Verbraucherschützer Moeschler.

(Foto: picture alliance / Goldmann)

Viele Stromkunden bekommen zurzeit unliebsame Post von ihrem Anbieter, alle müssen sich auf höhere Preise einstellen. Welche Erhöhungen angemessen sind und wann sich ein Wechsel lohnt, erklärt Matthias Moeschler, der das Portal verbraucherhilfe-stromanbieter.de betreibt und selbst Stromverträge vermittelt, im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Überall sind zurzeit Horrorgeschichten über Preissprünge zu hören. Kunden der Stadtwerke Flensburg zum Beispiel haben vergangene Woche ein Angebot bekommen: Der Arbeitspreis für ihren Strom steigt demnach von rund 25 auf 55 Cent pro Kilowattstunde, wenn die bisher vereinbarte Preisgarantie zum Jahreswechsel endet. Auch der Grundpreis steigt leicht. Mehr als eine Verdopplung klingt ganz schön drastisch - was ist von der Preiserhöhung zu halten?

Matthias Moeschler: Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 2500 Kilowattstunden pro Jahr in einem Zweipersonenhaushalt steigen die monatlichen Stromkosten damit von gut 60 Euro im Monat auf fast 130 Euro. Der bisherige Arbeitspreis von 25 Cent war aber sehr günstig, und weniger als 55 Cent sind aktuell gar nicht so leicht zu finden. Dass die betroffenen Kunden nur wenige Tage Zeit hatten, sich zu entscheiden, ob sie das Angebot annehmen, finde ich allerdings nicht fair. Und wenn sie nicht zugestimmt haben, fällt die Preiserhöhung nach meiner Erfahrung noch höher aus - oder den Kunden wird sogar gekündigt.

Welche Preisspanne wird Stromkunden zurzeit angeboten, wie viel müssen sie mindestens bezahlen?

Spitzenreiter war meines Wissens DB Energy mit einer Erhöhung auf 157 Cent pro Kilowattstunde in Einzelfällen - die wollen offensichtlich Kunden loswerden. Evita erhöhte auf satte 102 Cent, Shell auf 71. Das kann durchaus als Wucher angesehen werden und ist meiner Meinung nach vermutlich anfechtbar. Ganz vereinzelt gibt es Angebote ab 35 Cent, gut jeder zweite Kunde kann Tarife ab 47 Cent erhalten. 55 Cent sind aber durchaus realistisch, nicht unverschämt.

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Matthias Moeschler

(Foto: verbraucherhilfe-stromanbieter.de)

Wo finde ich die günstigeren Angebote?

Das ist leider schwer. Die bekannten Vergleichsportale sind in der Regel sehr teuer, bis auf wenige Ausnahmen in bestimmten Städten. Es gibt Spezialfälle wie zum Beispiel Eon, die Kunden 37 Cent pro Kilowattstunde angeboten haben, wenn sie dort angerufen haben. Ein anderes Beispiel ist der überregionale Anbieter Energie Südbayern, der in manchen Regionen 35 Cent bietet. Auch Energiemakler vermitteln Verträge zu Sonderkonditionen. Grundsätzlich empfehle ich Tarife mit Preisgarantie und mehrere Angebote einzuholen. Auch beim Grundversorger sollte man nach Sondertarifen mit Preisgarantie fragen.

Grundversorger galten doch bisher als eher teurer, hat sich das geändert?

Momentan sind Grundversorger sogar oft günstiger, aber auch sie werden ihre Preise erhöhen. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man zu ihnen wechselt. Die Grundversorger beschaffen die Energie langfristig. Wenn zum Beispiel ein Grundversorger über drei Jahre einkauft, dann hat dieser zwei Drittel seiner Energie noch günstig einkaufen können. Der Preisvorteil geht aber über die Jahre verloren, weil auch die Grundversorger teuer nachkaufen müssen. Das heißt, die Preiserhöhung kommt später, aber sie kommt definitiv.

Welche Kunden sind von den aktuellen Strompreiserhöhungen betroffen?

Letztlich werden alle Kunden eine Preiserhöhung bekommen, egal ob diese in der Grundversorgung sind oder einen Sondervertrag abgeschlossen haben. Von Vorteil sind Verträge mit Preisgarantie. Allerdings haben einzelne Anbieter Kunden sogar vor Auslaufen der vereinbarten Preisgarantie die Verträge gekündigt - dies ist in meinen Augen nicht zulässig und die betroffenen Kunden sollten sich wehren.

Verhalten sich manche Anbieter fairer als andere?

Energie-Discounter wie Immergrün, Voxenergie, Primastrom oder Extraenergie sind teilweise sehr aggressiv unterwegs. Sie haben in den vergangenen Jahren kurzfristig eingekauft, weil es günstiger war. Vor einem Jahr hat sich der Wind gedreht. Um ihre Verluste zu reduzieren, haben sie die Preise drastisch erhöht und teilweise sogar Kunden rausgeschmissen. Stadtwerke verhalten sich im Vergleich dazu deutlich kundenfreundlicher. Sie kaufen in der Regel langfristig ein und stehen deshalb aktuell weniger unter Druck. Außerdem sind sie meist nicht so skrupellos, weil sie mit ihrer Region verbunden sind. Ich selbst vermittle vor allem Verträge mit Stadtwerken oder großen Energieversorgern. Auch Stadtwerke verhalten sich aber nicht immer kundenfreundlich. Hamburg Energie und Schwarzwald Energy zum Beispiel haben Verträge zum Laufzeitende gekündigt. Maingau Energie und Rheinpower fallen mit starken Preiserhöhungen auf.

Noch größer sind die Summen bei den Gaspreiserhöhungen. Was empfehlen Sie hier?

Die Preissteigerungen beim Gas sind noch drastischer und Alternativen leider noch schwieriger zu finden. Ich empfehle das Gleiche wie beim Strom: zwischen der Grundversorgung und Sonderverträgen mit Preisgarantie abzuwägen. Auch beim Grundversorger sollten sich Verbraucher nach Sonderverträgen erkundigen. In den meisten Fällen werden die Grundversorger aktuell günstiger sein, aber auch sie werden wie gesagt die Preise erhöhen.

Mit Matthias Moeschler sprach Christina Lohner

Quelle: ntv.de

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