Wirtschaft

Wege aus der Gaskrise "Mit geringem Aufwand lässt sich viel Energie sparen"

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Bereits kleine Nachrüstungen können Kosten einsparen.

(Foto: picture alliance / Fotostand)

Wie Deutschland sich aus der Gasabhängigkeit befreien kann, wird kontrovers diskutiert. Dem Energieexperten Martin Pehnt zufolge sind dafür auch einschneidende Maßnahmen notwendig. In den Haushalten könne aber recht einfach viel Energie gespart werden, sofern die Politik die richtigen Instrumente an die Hand gibt, sagt der Chef des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Die Angst vor einem Gaskollaps ist groß in Deutschland. Wie schaffen wir es aus der Gasabhängigkeit?

Martin Pehnt: Wir haben derzeit drei große Fragestellungen. Zunächst stellt sich die Frage, wie wir kurzfristig, mit niedrigschwelligen Maßnahmen, Gas sparen. Dabei geht es um Vorkehrungen, bei denen die Verbraucher nicht auf Handwerker angewiesen sind. Die zweite Frage ist: Wie bereite ich mich auf einen Heizungstausch vor und welche Alternativen habe ich für eine Gasheizung? Heizungen gehen oft im Winter kaputt, und dann muss ein Ersatz - beispielsweise eine Wärmepumpe oder ein Wärmenetz-Anschluss - schnell organisiert werden. Dann ist da noch die dritte Frage: Wie kriege ich mein Haus in den nächsten zehn Jahren insgesamt klimaneutral und mit erneuerbaren Energien beheizt, sodass ich nicht am Tropf von irgendwelchen Gasdiktatoren hänge. Dafür brauche ich in der Regel eine Energieberatung oder einen Sanierungsfahrplan. Meine Überlegung ist aber, die ersten beiden Punkte zu verknüpfen. Die Menschen müssen dabei unterstützt werden, kurzfristig Gas einzusparen und perspektivisch ganz davon loszukommen.

Wie soll das aussehen?

Ich fordere seit einigen Monaten einen Gassparcheck. Dabei kommen Experten in die Häuser und Wohnungen, um zu untersuchen, wo Gas gespart werden kann. Das können Heizungsbauer bei der obligatorischen Wartung, Schornsteinfeger bei der Feuerstättenschau oder gezielt eingesetzte Energieberater sein. Die können etwa Thermostatventile austauschen, ineffiziente Pumpen identifizieren und Wege finden, die Temperatur abzusenken. Also nicht nur die Raumtemperatur, sondern vor allen Dingen auch die Vorlauftemperatur der Heizung. Das spart Energieverluste und ist auch wichtig, wenn man später eine Wärmepumpe einbauen möchte. Zudem geht es darum, die Warmwasservorbereitung zu optimieren, etwa durch Zeitschaltuhren bei Zirkulationspumpen und Wasserspar-Einrichtungen. Eine Sache, die jeder selbst vornehmen kann, ist, die Heizkörpernischen und Heizungsrohre in ungeheizten Räumen mit Wärmedämmung auszustatten. Das ist schnell erledigt.

Wie viel Gas kann durch solche Maßnahmen eingespart werden?

Insgesamt kann ein solcher Gassparcheck ohne große Investitionen mindestens zehn Prozent Gas einsparen – und zwar sofort. Wer ein bisschen Geld in die Hand nimmt, spart noch mehr. Mit einem vergleichsweise geringen Aufwand lässt sich also schon eine beträchtliche Menge Energie sparen.

Das kostet natürlich erstmal Geld. Sollen die Verbraucher die Kosten selber tragen?

Mein Wunsch an die Politik ist, dass dieser Gassparcheck den Verbraucherinnen und Verbrauchern bezahlt wird. Wenn dieser allen Besitzern einer Gasheizung angedeiht wird, liegen wir bei einer Größenordnung von einer Milliarde Euro für Deutschland. Damit gewinnen wir aber die Sicherheit, möglichst gut durch den Winter zu kommen. Und gleichzeitig schützen wir noch das Klima. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat am Donnerstag einen verpflichtenden Heizungscheck angekündigt - das geht schon in diese Richtung.

Was kann noch gemacht werden?

Natürlich sollte in einer solchen Beratung auch auf Verhaltensänderungen hingewiesen werden: Kürzer duschen, nur einen Raum beheizen und so weiter. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von kleineren Investitionen, etwa zu prüfen, ob sich ein Solarkollektor auf dem Dach nachrüsten lässt. Bei uns im Institut haben wir einen kleinen Wärmetauscher in die Duschwanne eingebaut. Der wärmt das Duschwasser mit dem ablaufenden warmen Wasser vor. Das kostet zwar einige Hundert Euro, wir können dadurch aber 10 bis 15 Prozent Energie beim Duschen einsparen. Daneben ist es aber auch wichtig, das Gesamtgebäude in den Blick zu nehmen. Die Dämmung einer Außenwand, Kellerdecke oder obersten Geschossdecke spart beispielsweise richtig viel Energie. Dafür muss man Geld in die Hand nehmen, es gibt aber auch eine gute staatliche Förderung.

Das sind alles Dinge, die am guten Willen des Einzelnen liegen. Besteht die Gefahr, dass sich am Ende nicht genug Leute darum kümmern wollen?

Es gibt durchaus Überlegungen, einen solchen Gassparcheck verpflichtend zu gestalten. Das wäre dann in etwa wie, wenn mein Auto zum TÜV muss. Dort werde ich ja auch beraten. Auf europäischer Ebene werden bereits Instrumente diskutiert, die Gebäudeeigentümer zur Sanierung verpflichten. Das wäre natürlich über einen längeren Zeitraum gestreckt. In Deutschland plant die Bundesregierung zudem die Einführung der sogenannten 65 Prozent Erneuerbare Regel. Das heißt, jeder Heizkessel, der ab 2024 neu eingebaut wird, muss zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien beheizt werden. Das wäre ein durchschlagendes Instrument. Mir ist dabei sehr wichtig, dass diese Regelungen auch sozial flankiert werden: etwa durch eine besonders gute Förderung für sozial schwächere Gebäudeeigentümer oder für Gebäude mit einem hohen Sozialwohnungsanteil.

Viele Kommunen sparen aktuell nach eigenem Ermessen Gas. Was kann eine Stadt effektiv umsetzen?

Jede Kommune sollte sich eine Wärmestrategie überlegen. In Baden-Württemberg und anderen Bundesländern sind bereits bestimmte Kommunen verpflichtet, eine solche Wärmeplanung vorzulegen. Da geht es um die Fragen: Welche Stadtteile eignen sich für eine gebündelte Fernwärmeversorgung? Wo liegen Gasnetze, die man weiterentwickeln kann? Wo kann auf Wärmepumpen umgestellt werden? Wo können erneuerbare Energien oder Abwärme genutzt werden? Das ist eine kommunale Aufgabe. Es gibt auch Überlegungen, das bundesweit verpflichtend zu machen. Kommunen können aber noch mehr tun. Oftmals haben sie eigene Stadtwerke und arbeiten eng mit Energieversorgern zusammen. Die können entsprechende Umrüstungsangebote an Kunden herantragen. In der Wärmewende spielen Kommunen eine sehr wichtige Rolle, weil sie am besten wissen, was vor Ort geeignet ist.

Berlin erwägt zum Beispiel, das Brandenburger Tor nachts nicht mehr anzustrahlen. Sind solche Maßnahmen wirklich ausschlaggebend oder handelt es sich vielmehr um Symbolpolitik?

In der jetzigen Situation bin ich dafür, nach jedem Strohhalm zu greifen. Da ist Symbolpolitik auch gar nicht schlecht. Viele haben noch die autofreien Sonntage aus den 1970er Jahren vor Augen. Das hat als solches kaum Benzin und Diesel gespart, war aber ein Symbol für nachfolgende Maßnahmen. Wenn das Brandenburger Tor nicht mehr beleuchtet wird, ist das Signal: Wir müssen mit Energie verantwortungsvoll umgehen. Das ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer zu kurz gekommen.

Manche Immobilienkonzerne wollen die Heiztemperatur von Mietern nachts drosseln oder das warme Wasser zu bestimmten Tageszeiten abstellen. Ist das noch verhältnismäßig?

Wir haben im Moment einfach nicht den Luxus, entscheiden zu können, sondern brauchen auch Eingriffe, die auf individueller Ebene spürbar werden. Einfach, weil wir uns in einer noch nie dagewesenen Notlage befinden. Solange die Gesundheit nicht gefährdet und das grundsätzliche Wohlbefinden gewährleistet ist, müssen solche Maßnahmen möglich sein.

Es entsteht jedoch auch der Eindruck, dass die Probleme auf sozial Schwächere abgewälzt werden, während wohlhabende Menschen sich nicht zwangsläufig einschränken müssen.

Diese Krise hat eine ganz große soziale Sprengkraft. Das hat ganz unterschiedliche Konsequenzen. Es muss diskutiert werden, wie man sozial Schwächere finanziell auffängt. Letztlich geht es aber auch um einen Schutz, damit diese Haushalte nicht auf explodierenden Kosten sitzen. Denn die Rechnung zahlt man in der Regel erst hinterher. Wenn Menschen dann feststellen, dass sie sich das gar nicht leisten können, ist es schon zu spät. Maßnahmen, Kommunikation und staatliche Unterstützung müssen hier ineinander greifen.

Wie hoch ist das Einsparpotenzial in der Wirtschaft? Die Industrie etwa hat ja einen immensen Gasverbrauch.

Viele Unternehmen haben die Möglichkeit, über Hybridheizungen oder "Bifuel-Anlagen" auf andere Brennstoffe oder auch Strom auszuweichen. Wir reden da über kurzfristige Einsparungen von acht bis zehn Prozent des industriellen Gasverbrauchs. Darauf sollte zurückgegriffen werden. Es gibt zudem den Vorstoß, durch die Auktionierung von Einsparmaßnahmen einen finanziellen Anreiz zu setzen und die Umsetzung wirtschaftlicher Effizienzmaßnahmen zu fordern. Aber natürlich ist es auch Aufgabe der Bundesnetzagentur festzulegen, welche Betriebe unvermeidlich sind und welche in die Pflicht genommen werden müssen, mehr Gas einzusparen. Das ist für die Übergangszeit eine regulatorische Aufgabe.

Ist die Gaskrise auch eine Chance, den Umstieg auf erneuerbare Energien voranzubringen, oder sehen sie Rückfall-Tendenzen?

Wir müssen trennen zwischen dem, was kurzfristig passiert und dem, was auf längere Sicht angestoßen wird. Kurzfristig, in diesem Jahr, werden wir mehr Kohle und mehr Flüssiggas verwenden, und selbst im Moment haben wir noch immer recht viel Gas in unserem Stromsystem. Aber die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes hat einen großen Stein ins Rollen gebracht und Flaschenhälse beseitigt. Wenn wir entlang dieses Weges weitergehen, wird der Ausbau der erneuerbaren Energien gelingen. Insgesamt ist durch den Krieg und durch die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels die Erkenntnis überall gewachsen, dass erneuerbare Energien ein überragender Teil der Lösung sind.

Mit Martin Pehnt sprach Marc Dimpfel

Quelle: ntv.de

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