Wirtschaft

Autoindustrie in Corona-Krise Nach dem Einbruch - wann folgt der Boom?

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Rezession, das Bruttoinlandsprodukt schrumpft. Die Corona-Krise ist noch in vollem Gang, eine zweite Welle nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil. Was bedeutet das für die Automobilindustrie? Vier Szenarien sind möglich.

Aus den Geschichtsbüchern wissen wir: Epidemien gab es immer schon, doch die Menschheit hat sie alle überlebt. Und so wie es ein Leben nach Corona gibt, gibt es auch wieder bessere Zeiten in der Wirtschaft - vor allem in der so stark gebeutelten Autoindustrie. Eine Automobilkrise wie aktuell hat es nach dem Krieg nur 1973/74 in der ersten Ölkrise und in der Finanzkrise 2009 gegeben. Doch jedes Mal folgte eine fulminante Erholungsphase. Unklar ist nur, wann der Aufschwung einsetzt und wie stark er ausfällt.

Keine Rezession ähnelt der anderen, ebenso keine Erholung. Auguren haben es diesmal besonders schwer. Historische Anhaltspunkte aus der Vergangenheit für wissenschaftlich fundierte Prognosen nach Pandemieschocks gibt es nicht, alles ist neu, alles ist unsicher, sogar der Charakter des Sars-Cov-2-Virus selbst. Keiner weiß so recht, wann das "normale" Leben wieder einsetzen wird. Und wann der Autozyklus mit der Erholung wieder beginnt.

So viel ist mal sicher

Immerhin: Michael Hüther, Direktor IW, Köln, sieht bereits Licht im Tunnel: "Das Tal der Tränen ist erreicht ... der Absturz … ist zu einem Halt gekommen." Nur hat den Halt bisher keiner bemerken können angesichts der gewaltigen finanziellen Belastungen der Unternehmen, erwarteten 2,5 Millionen Arbeitslosen und 10 Millionen Kurzarbeitern - eine in Deutschland noch nie dagewesene Anzahl. Die alle vorerst kein neues Auto kaufen, so viel ist sicher.

Dass es zu einer wirtschaftlichen Erholung, insbesondere der Automobilkonjunktur kommen wird, ist sicher. Darüber aber, wann sie einsetzt und wie sie verläuft, gehen die Meinungen der Experten weit auseinander. Pessimisten sehen sogar gar keine Besserung vor 2022.

In der Konjunkturtheorie gibt es vier Prognose-Szenarien für die kommende Erholung: Entsprechend den Großbuchstaben V, W, U, L sind vier Aufschwungs-Szenarien denkbar. Allerdings immer vorausgesetzt, es kommt zu keiner zweiten Corona-Welle, sondern die Pandemie klingt langsam ab. Im ungünstigsten Fall kann also alles auch ganz anders kommen.

Szenario V

Der Konjunkturzyklus hat die Form eines V: steiler Abschwung und Rezession, danach fast nahtloser Übergang zu einem ebenso steilen Aufschwung. Ähnlich wie nach der ersten Ölkrise und wie 2009 nach der Finanzkrise. Bezogen auf 2020 würde die Rezession zwei Quartale andauern, im Sommer käme der Wendepunkt und im Herbst ginge es dann mit einer kräftigen Erholung wieder aufwärts mit Fortsetzung im Jahr 2021.

Ähnlich sieht IW-Chef Hüther auch den Verlauf der Gesamtwirtschaft: Nach dem historischen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes im zweiten Quartal um 12 Prozent wird demnach das dritte Quartal bereits wieder im Zeichen des Wachstumspfads stehen, der sich 2021 weiter fortsetzen wird.

Aus den Autozyklen der letzten Jahrzehnte wissen wir, dass die Automobilnachfrage stets als Erstes einbrach und die allgemeine Rezession anführte, dann aber ebenso früh in die Erholungsphase startete und je nach Schwere des Rezessionsverlaufs sogar sehr steil. Das lässt für das Restjahr 2020 hoffen.

Szenario W

Das W-Zyklus-Szenario ist das unspektakulärste, aber am häufigsten in der Nachkriegszeit eingetretene: Der Abschwung ist steil und kurz. Dann folgt eine ebenso steile, fiskal- und geldpolitisch angeschobene Erholung, die aber wiederum, nachdem der erste Nachholbedarf der Wirtschaft gedeckt ist, zunächst wieder abflaut. Anschließend setzt meist ein Quartal später der normale "natürliche", sich selbst tragende Aufschwung ein.

Szenario U

In diesem Fall droht eine längere Krisen-Wanderung durch da "Tal der Rezessions-Tränen", bevor es zu einer nur langsam an Fahrt gewinnenden Erholung kommt - und zwar nicht vor 2022. Die Rezessionskurve hätte dann die Form eines U. Der Aufschwung käme zwar irgendwann, aber zu spät. Die Autoindustrie würde global erheblich schrumpfen, die schwächeren Anbieter vor allem in der Zulieferindustrie würden reihenweise kollabieren.

Szenario L

Das "L" wäre das Worst-Case-Szenario: Bei einem L-Verlauf der Rezession bliebe die Erholung aus und die Weltwirtschaft würde sich in einer langanhaltenden Depression über mehrere Jahre befinden. In Kurzform: Das kapitalistische Wirtschaftssystem wäre am Ende, der Staat müsste in die Bresche springen. Karl Marx sähe sich im Prinzip bestätigt. Dieses Horror-Szenario ist wenig wahrscheinlich, denn da müsste quasi alles schieflaufen. Zur Beruhigung: Die Wirtschaftspolitik in allen Ländern beweist mit ihren Konjunkturprogrammen, dass man die Lektion aus 1929 gelernt hat.

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Fazit

Gewichtet man positive wie negative Einflussfaktoren und folgt den langjährigen Erfahrungen aus der Praxis, wird der kommende Aufschwung eine Mischung aus V und W sein. Konjunkturpakete und Nachholbedarfe tun ihre Wirkung. Es kommt zu einem relativ steilen Aufschwung. Dieser verlangsamt sich, bricht aber nicht ab, sondern setzt sich 2021 fort - zunächst verhalten, dann mit Unterstützung der Welt- und Binnenkonjunktur wieder kräftiger.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Für die Automobilkonjunktur gilt im Prinzip Ähnliches, nur alles etwas früher: Im dritten Quartal 2020 setzt die Erholung ein, die sich im vierten Quartal verstärkt, danach wieder etwas verflacht, um dann im weiteren Verlauf 2021 endgültig das Prädikat Aufschwung zu verdienen. Alles getragen vom Verbrenner.

Das Zulassungsergebnis in Deutschland von 2019 von rund 3,6 Millionen Fahrzeugen wird allerdings 2020 deutlich verfehlt. Zu erwarten ist ein Rückgang um etwa 750.000 Einheiten, also etwa 20 Prozent. 2021 steht dann voll im Zeichen der Erholung: Die Autoindustrie dürfte dann bei den wesentlichen Schlüsselzahlen wieder Anschluss an das Vor-Corona Niveau gewinnen.

Es geht also vor allem für die Zulieferer darum, die nächsten automobilen "Dürremonate" heil zu überstehen - bis die Erholung einsetzt. Dass es dazu kommt, ist sicher. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es keine weitere Corona-Welle oder einen politischen Schock geben wird.

Quelle: ntv.de