Wirtschaft

Ölpreis sinkt, Gas bleibt knapp Nur Putin kann Europas Gaskrise abwenden

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In Mallnow an der deutsch-polnischen Grenze kommt derzeit viel weniger russisches Gas an, als benötigt würde, um die leeren Speicher in Deutschland zum Winter aufzufüllen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der globale Energiemarkt entspannt sich, doch in Europa bleibt einer der wichtigsten Energieträger knapp. Kaltes Wetter und ungewöhnlich geringe Lieferungen in den vergangenen Wochen sorgen dafür, dass die Europäer in den kommenden Monaten völlig von der Gunst des Kreml abhängig sind. Das ist wirtschaftlich und politisch besorgniserregend.

Es tut sich was bei der Energie: Auf dem globalen Ölmarkt brechen die Preise dramatisch ein, und auch deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher spüren nach Monaten des steilen Anstiegs eine leichte Entspannung bei Sprit und Heizöl. Die Rohölpreise stürzten von ihren diesjährigen Höchstständen im Oktober um rund 20 Prozent ab. Heizöl ist im Monatsvergleich mehr als zehn Prozent billiger geworden, und für Superbenzin meldete der ADAC immerhin einen Rückgang von gut sieben Cent in den vergangenen zwei Wochen.

Trotz dieser Entspannung ist eine Energiekrise in Europa in den kommenden Wintermonaten keineswegs abgewendet. Denn mit dem Rohöl wird ein wichtiger Energieträger günstiger, ein anderer wird allerdings immer knapper. Beim Erdgas spitzt sich die Versorgungslage weiter zu. "Es hat sich auf den Gasmärkten im letzten Monat nichts zum Besseren verändert, aber einiges zum Schlechteren", sagt Hanns Koenig, Co-Chef und Mitgründer der Beratungsfirma Aurora Energy Research.

Vor Wochen waren die Großhandelspreise für Erdgas in Europa bereits deutlich stärker in die Höhe geschossen, als die anderer Energieträger. Der Grund: Die Gasspeicher, die zumindest einen Teil der Versorgung hierzulande im Winter sicherstellen können, waren vor Beginn der Heizsaison ungewöhnlich leer. Gleichzeitig kam aus Russland, Europas mit Abstand wichtigstem Lieferanten, deutlich weniger Gas als zu erwarten gewesen wäre. Erste Fabriken, etwa von Düngemittelherstellern in Großbritannien, die große Mengen Erdgas benötigen, stellten bereits ihren Betrieb ein. Mehrere Gasanbieter meldeten Insolvenz an, da sie die Preise für die Endkundinnen und -kunden nicht so schnell erhöhen konnten, wie ihre Beschaffungskosten steigen.

Alternativen bereits ausgeschöpft

In der aufkommenden Panik versprach Russlands Präsident Wladimir Putin Europa, deutlich mehr Gas zu liefern, sobald die Speicher im eigenen Land gefüllt seien. Das sollte Anfang November der Fall gewesen sein. "Bei den Gasflüssen hat sich in den vergangenen Wochen fast nichts geändert", stellt allerdings Koenig fest. "Aus Russland kommt immer noch deutlich weniger Erdgas an als normalerweise zu dieser Jahreszeit. Gleichzeitig war das Wetter zuletzt ungewöhnlich kalt und der Verbrauch daher hoch. Deshalb sind die Gasspeicher auch nicht gefüllt worden."

Europas Abhängigkeit von Russland hat sich damit kurzfristig noch einmal deutlich erhöht. Dass in dieser Situation die zuständige Bundesnetzagentur den Zertifizierungsprozess der neuen Pipeline Nord Stream 2 aus formalen Gründen stoppte, sorgte für zusätzliche Anspannung. Die Hoffnung, dass die von Moskau gewollte, im Westen aber hochumstrittene Leitung schnell in Betrieb gehen und Russland mutmaßlich aus politischen Gründen zurückgehaltenes Gas schnell liefern würde, ist damit obsolet.

Handlungsoptionen haben Deutschland und Europa damit kaum noch, außer auf einen milden Winter und Putins guten Willen zu hoffen. "Kurzfristig hat Europa keine Chance, sich aus der Abhängigkeit von Russland zu befreien. Wenn der Winter so kalt bleibt oder noch kälter wird und Russland seine Lieferungen nicht herauffahren sollte, könnten die Gaspreise noch einmal deutlich steigen", sagt Koenig. Kurzfristige Alternativen gebe es kaum oder sie würden, wie etwa mehr Stromerzeugung mit Kohle statt Gas, bereits voll genutzt. "Die Politik könnte versuchen, die Nachfrage zu senken, etwa indem Industriebetriebe mit hohem Erdgasbedarf heruntergefahren werden. Das hat allerdings ebenfalls erhebliche negative Konsequenzen", erklärt Koenig. So stiegen beispielsweise schon jetzt die Getreidepreise, weil einige Düngemittelfabriken wegen der hohen Kosten für das Gas ihre Produktion heruntergefahren beziehungsweise ihre Preise erhöht haben.

"Kombination mit Truppenaufmarsch Besorgnis erregend"

Das ist nicht nur für die Bewohner der rund 20 Millionen mit Gas beheizten Wohnungen allein in Deutschland eine beängstigende Perspektive. Koenig verweist auf die akuten politischen Spannungen zwischen Russland und Europa vor allem im Zusammenhang mit dem Konflikt im Osten der Ukraine. "Die Kombination aus der kurzfristig starken Abhängigkeit Europas von Russland auf dem Gasmarkt und dem Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine ist Besorgnis erregend."

Ein schwacher Trost ist angesichts der drohenden politischen und wirtschaftlichen Krise, dass sich nach Ende des Winters eine deutliche Entspannung auf dem Gasmarkt abzeichnet. Die Preise für Gaslieferungen im kommenden Sommer liegen laut den Futures an der Börse mehr als die Hälfte unter denen für Januar und Februar. Zum Preisniveau der vergangenen Jahre wird der Gasmarkt auf absehbare Zeit aber wohl kaum zurückkehren.

Hanns Koenig mahnt dazu, Lehren für die Zukunft zu ziehen. "Großverbraucher, die nun durch den Preisanstieg getroffen wurden, sollten aus dieser Krise lernen, sich nicht auf billiges Gas im Überfluss am Spotmarkt zu verlassen und sich zukünftig mit langfristigen Lieferverträgen absichern." Damit bekämen auch Gasexporteure wie die amerikanischen Flüssiggasproduzenten die notwendige Sicherheit für Investitionen in den Ausbau ihrer Kapazitäten. So könnte auf lange Sicht auch die Abhängigkeit von Russland reduziert werden.

Quelle: ntv.de

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