Wirtschaft

Robinhood geht an die Börse Rächer der Enterbten oder Zockerbude?

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Mehr als 22,5 Millionen Nutzer hat Robinhood.

(Foto: REUTERS)

Robinhood strebt bei der Premiere an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq, wo die Anteilsscheine unter dem Tickerkürzel "HOOD" ab heute gelistet werden, eine Bewertung von 35 Milliarden Dollar an. Laut Insidern verfehlt das Fintech das Ziel knapp. ntv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist Robinhood denn eigentlich?

Robinhood ist ein Fintech, ist also in Sachen "Financial Technology" unterwegs. Die Firma wurde 2013 von Vlad Tenev und Baiju Bhatt gegründet, die an der Universität Stanford zusammen wohnten. Kern ist eine App, um mit Aktien, Optionen und Kryptowährungen zu handeln. Der Anspruch des Startups ist gewaltig: Es will die Finanzindustrie revolutionieren. Die App ist einer der Wegbereiter einer jüngeren Generation von Anlegern am US-Finanzmarkt.

Was macht Robinhood so besonders?

Die Trading-App ermöglicht einen unkomplizierten und kostenlosen Handel. Die Bedienung macht es leicht, mit nur einem Klick Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen. Funktion und Optik sprechen vor allem junge Nutzer an, deren Durchschnittsalter liegt bei 31 Jahren. Die Hälfte von ihnen hat vorher noch nie an der Börse investiert. Zum Erfolg der App tragen auch Features bei, die den Eindruck vermitteln, Börsengeschäfte seien wie ein Spiel.

Ist das ein Problem?

Das ist Ansichtssache. Robinhood wird immer wieder vorgeworfen, eher ein Glücksspiel-Anbieter als ein seriöser Finanzdienstleister zu sein. Scott Galloway, Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der New York University, wählt einen drastischen Vergleich: Die neuen Online-Handelsplattformen seien die neuesten Crack-Dealer, denen es darum gehe, bei den Kunden ständig die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin auszulösen. Sie setzten alles daran, um mit Game-Elementen ständig neue Deals anzuschieben: "Die Broker-App sieht aus wie ein buntes Interface von Candy Crush." Dem Börsenprospekt zufolge öffneten Nutzer 2020 im Schnitt fast siebenmal täglich die Robinhood-App. Der "New York Times" zufolge spekulieren Robinhood-Nutzer mit den riskantesten Finanzprodukten und machen das häufiger als Kunden anderer Broker. Ihre Unerfahrenheit kann zu außerordentlich hohen Verlusten führen.

Was ist das Geschäftsmodell?

Im Gegensatz zum rebellischen Bogenschützen setzt Robinhood trotz des Namens nicht auf Umverteilung von oben nach unten, sondern will Profite erwirtschaften. Und je häufiger die Kunden Aktien kaufen und verkaufen, umso mehr Geld verdient Robinhood. Das Unternehmen handelt nicht selbst an den Märkten, sondern reicht die Kundenaufträge an Wall-Street-Konzerne weiter und kassiert dafür eine Gebühr. Die Händler verdienen dann an der Differenz zwischen An- und Verkaufspreisen von Aktien. Die ist zwar nur marginal, unterm Strich kommt aber doch eine üppige Summe zusammen.

Deshalb gewährt ihnen das Unternehmen auch Kredite, um damit Aktien zu kaufen. Das klingt verführerisch und sehr praktisch, ist aber hochriskant. Während die App-Nutzer damit auf Pump an den Börsen zocken, verdient Robinhood zusätzlich an den Zinsen.

Und was sagt Robinhood dazu?

Als ein lautstarker Kritiker sei zunächst auch Charlie Munger, der Stellvertreter von US-Starinvestor Warren Buffett, zitiert. Er schimpft über das "dreckige" Geschäftsmodell. Das Unternehmen weist das als "enttäuschend und elitär" zurück. Robinhood erschließe Menschen den Aktienmarkt, die keinen Zugang zu vererbten Vermögen hätten. Es gehe darum, die Finanzwelt zu demokratisiere. Es sei doch gut, dass es durch Robinhood viele neue Investoren an den Finanzmärkten gebe.

War da nicht was mit Gamestop?

Ja. Robinhood spielte eine wesentliche Rolle bei den Aktienturbulenzen beim Videospielhändler Gamestop. Hier hatten sich Hobby-Trader in Internet-Foren verabredet, um den Kurs der Aktie durch gemeinsame Käufe nach oben zu treiben - mit Erfolg. Dabei half, dass sie ihre Spekulationen als Kampf von Gut (sie selbst) gegen Böse (die Finanzindustrie) inszenierten. Gamestop wurde zu einem Kräftemessen zwischen im Internet organisierten Hobby-Zockern und Hedgefonds - der für einige Hedgefonds sehr teuer wurde.

Verdient Robinhood Geld?

Bisher ist das nicht der Rede wert - aber das kann sich ändern. Im vergangenen Jahr erzielte Robinhood einen Gewinn von sieben Millionen Dollar bei einem Umsatz von 959 Millionen. Im ersten Quartal dieses Jahres lag der Umsatz schon bei 522 Millionen Dollar - und der Verlust bei 1,4 Milliarden Dollar. Robinhood wächst rasant, deshalb nehmen Investoren selbst hohe Verluste in Kauf.

Gamestop hat immer wieder Ärger, oder?

Auch das. Der Discount-Broker war zuletzt bei vielen seiner eigenen Nutzer in Ungnade gefallen, weil er den Handel mit einigen heißgelaufenen Aktien eingeschränkt hatte. Vor allem bei den Papieren des Videospielhändlers Gamestop sorgte dies für Stress. Robinhood geriet in den Verdacht von Absprachen mit Hedgefonds, streitet dies jedoch ab.

Dabei hat Robinhood ohnehin schon eine Menge rechtlichen Ärger. Im Juni hakte die Firma eine wichtige juristische Baustelle ab und nahm dabei ein hohes Bußgeld der US-Finanzaufsicht Finra in Kauf. Wegen angeblicher Irreführung von Kunden, zu lascher Kontrollen bei riskantem Optionshandel und technischer Pannen zahlte das Startup bei dem Vergleich fast 70 Millionen Dollar. Mit 57 Millionen Dollar entfällt das Gros auf eine Geldstrafe - laut Finra die höchste, die je von der Behörde verhängt wurde. Zudem laufen in den USA verschiedene Sammelklagen von Nutzern. Darüber hinaus gibt es einen brisanten Rechtsstreit mit der Familie eines Kunden, der sich 2020 im Alter von 20 Jahren in der - falschen - Annahme das Leben genommen hatte, dass er enorme Verluste beim Handel mit Aktienoptionen erlitten habe.

Wie groß ist Robinhood eigentlich?

Robinhood hat mittlerweile mehr als 22 Millionen Kunden. Im vergangenen Jahr hat sich die Nutzerzahl verdoppelt. Die Firma geht davon aus, dass zwischen 2016 und 2021 in den USA fast die Hälfte aller neuen Wertpapier-Konten bei Robinhood eröffnet wurden. Zum Ende des ersten Quartals 2021 lagen in Robinhood-Depots Aktien im Volumen von rund 65 Milliarden Dollar. Hinzu kamen zwei Milliarden Dollar in Optionen, 11,6 Milliarden Dollar in Kryptowährungen und 7,6 Milliarden Dollar in bar.

Wie viel ist Robinhood wert?

Die Plattform hat einem Insider zufolge bei seinem Börsendebüt 2,1 Milliarden Dollar eingesammelt. Bei der Neuemission seien 55 Millionen Aktien zu einem Preis von 38 Dollar pro Stück und damit am unteren Ende der angestrebten Preisspanne von 38 bis 42 Dollar ausgegeben worden, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Durch den Börsengang wird Robinhood mit 31,8 Milliarden Dollar bewertet. Damit ist Robinhood eines der wertvollsten US-Unternehmen, die in diesem Jahr den Sprung aufs Parkett gewagt haben. Zur Einordnung: Die Deutsche Bank hat einen Börsenwert von knapp 26 Milliarden Dollar.

Quelle: ntv.de, mit rts/dpa

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