Wirtschaft

Deutsche Bank soll fusionieren Scholz bastelt an einem Milliardenrisiko

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(Foto: REUTERS)

Finanzminister Scholz ist bereit, den Weg für eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank zu ebnen. Doch Politiker, Wissenschaftler und Aktionärsschützer halten das für keine gute Idee.

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Mutmaßungen, mit wem die Deutsche Bank denn nun fusionieren werde. Vor wenigen Tagen bereicherte Andreas Treichl, Chef des österreichischen Konkurrenten Erste Group, die Debatte mit einer frappierenden Idee. Statt mit der Commerzbank das Glück zu suchen, riet er dem Frankfurter Kreditinstitut, solle es mit den Sparkassen zusammenzugehen. So entstünde einer der größten Finanzkonzerne der Welt, was "für ganz Europa ein Segen" wäre. Ihm schwante allerdings, "dass dies nie zustande kommen wird", weshalb die Sparkassen-Finanzgruppe dazu lediglich erklärte: Treichls Einschätzung zur Realisierung seines Vorschlags sage alles Nötige.

In gewisser Weise dürfte der Österreicher trotzdem Christian Sewing und Olaf Scholz aus dem Herzen gesprochen haben. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank möchte das Unternehmen, das Jahre der Negativschlagzeilen hinter sich lassen will, zu alter Stärke zurückführen. Und dem Bundesfinanzminister schwebt ein noch größerer nationaler Champion vor, der das Zeug zum Global Player hat und der deutschen Wirtschaft rund um den Erdball bei ihrer Finanzierung hilft. Deshalb gilt Scholz als Fan einer Fusion des heimischen Marktführers und der Commerzbank.

"Too big to fail"

Aus Sicht von Finanzpolitikern, Wissenschaftlern und Aktionärsschützern birgt diese Variante jedoch eine Gefahr: Ihrer Meinung nach wäre sie "too big to fail", also viel zu groß, um sie im Falle einer schweren Krise oder gar Pleite nicht mit Steuergeldern retten zu müssen, damit sie nicht andere Teile der Wirtschaft in den Abgrund zieht.

Jan Krahnen, Direktor des SAFE-Zentrums für eine nachhaltige Finanzarchitektur in Europa an der Goethe-Universität Frankfurt/Main, nennt als "wichtige Kriterien" für eine Fusion: "Synergien bei den Kosten und der digitalen Technik", aber auch, dass die neu entstandene Bank nicht `too big to fail´ werden dürfe. "Im Interesse eines stabilen Finanzmarktes wäre ein europäischer statt eines nationalen Champions viel besser." Das sieht Klaus Nieding, Vizepräsident der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ähnlich. "Ein Zusammengehen von Deutscher Bank und Commerzbank ergibt keinen Sinn für die Unternehmen und - vor allem - nicht für den Staat."

Aber würde "too big to fail" bei einer internationalen Fusion nicht erst recht gelten? Nach aktuellem Stand würde die gemeinsame Marktkapitalisierung beispielsweise von Deutscher Bank und der französischen BNP Paribas - die in Finanzkreisen als ein Kandidat gehandelt wird - 70 Milliarden Euro betragen. "Ja", sagt Nieding. "Aber im Fall der Fälle würde es nicht allein den deutschen Steuerzahler treffen." Er habe nichts gegen Größe an sich. "Es gilt jedoch: Je internationaler die ganze Geschichte ist, und je mehr Staaten involviert wären, desto leichter wäre es, ein mögliches Insolvenzrisiko zu schultern."

"Das schlechteste aller Szenarien"

Danyal Bayaz, Finanzexperte der Grünen im Bundestag, verlangt derweil eine Mitsprache des Parlaments im Falle einer Fusion der beiden deutschen Banken. Er begründet dies mit möglichen Gefahren für die Finanzmarktstabilität sowie den 15 Prozent, die der Bund nach wie vor an der Commerzbank hält. Der Anteil stammt aus dem Milliardenengagement des Staates zur Rettung des Unternehmens im Zuge der Lehman-Pleite vor einem Jahrzehnt. "Ein Zusammenschluss der beiden angeschlagenen Großbanken würde die Too-big-to-fail-Problematik verschärfen und damit das Risiko einer Finanzmarktkrise in Deutschland vergrößern", sagt Bayaz. Das Zusammengehen löse nicht die strukturellen Probleme deutscher Banken.

Florian Toncar, finanzpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, sagt, die Entscheidung müssten die Institute selbst treffen. Er plädiert allerdings auch für eine internationale Lösung - und das nicht allein wegen eventueller Gefahren für die Staatskasse. Ein Konzern aus Deutscher Bank und Commerzbank wäre stark vom Binnenmarkt abhängig, sagt er. Generell stehe er "Sanierungsfusionen, mit der die Partner auf ihre jeweiligen Probleme reagieren", sehr skeptisch gegenüber. In einer solchen Konstellation Synergien zu heben, dauere Jahre und koste unglaublich viel Managementkapazität. "Und häufig klappt es gar nicht. Das wäre dann für den Finanzplatz Deutschland das schlechteste aller Szenarien."

In der Bundesrepublik gebe es ein breites Angebot an Geldhäusern für Privatkunden und den Mittelstand, nicht aber an Bankkonzernen, die in der Lage seien, ihre Kunden mit ins Ausland zu begleiten, sagt Toncar. Inzwischen könnten das Kapitalmarktgeschäft, die Beratung bei komplexen Transaktionen wie Unternehmensfusionen oder -zukäufen sowie das Schmieden von Kreditkonsortien in vielen Fällen nur durch Unterstützung von ausländischen - in der Regel US-amerikanischen - Banken gestemmt werden. "Nimmt man hier den Bedarf der deutschen Volkswirtschaft zum Maßstab, würde ein Zusammengehen von Coba und Deutscher Bank diese Lücke gerade nicht füllen." Wenn die Kooperation oder Fusion einer deutschen Großbank mit einem europäischen Institut insgesamt Sinn ergebe, "dann sollten wir das politisch nicht verdammen, sondern willkommen heißen".

Das Finanzministerium nimmt - wie die Banken - generell nicht Stellung "zu Spekulationen und hypothetischen Fragestellungen". Sewing wird auf der Bilanzpressekonferenz diesen Freitag bei allgemeinen Aussagen zu dem Thema bleiben, wenn er dazu befragt wird. Bekannt ist allerdings, dass die Argumente für und gegen eine nationale Fusion im Hause Scholz in alle Richtungen erörtert und gewichtet werden. Klar ist auch: Ein internationaler Zusammenschluss wäre - schaut man auf die geringe Marktkapitalisierung der Deutschen Bank - nie und nimmer eine "Fusion unter Gleichen", egal ob es die Schweizer UBS oder eine französische Bank wäre. Das ebenfalls gehandelte Szenario, erst einen größeren nationalen Champion zu schmieden, der sich dann mit einer europäischen Großbank zusammenschließen könnte, ist kaum binnen weniger Jahre zu realisieren.

US-Banken sind profitabler

Dem Bundesfinanzministerium wird nicht entgangen sein, dass die Finanzaufsicht BaFin und die Europäische Zentralbank ein Zusammengehen auf nationaler Ebene skeptisch sehen - sowohl betriebswirtschaftlich als auch mit Blick auf die Stabilität des Finanzmarktes. Finanz-Professor Krahnen weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Fusion zweier deutscher Institute "dem Geist der mühevoll geschaffenen Bankenunion widersprechen würde". Das Abkommen diene ja gerade dazu, ""too big to fail" zu verhindern. "Banken werden gezwungen, sich passend zu ihrer Größe mit Kapitel auszustatten, damit sie entweder Krisenschäden komplett privat auffangen können oder bei einer Pleite so abgewickelt werden können, dass der Finanzsektor nicht insgesamt ins Wanken gerät."

Der nationale Champion werde gerne mit dem Wunsch verbunden, zu den Amerikanern aufzuschließen, so der Wissenschaftler. "Aber die eigentliche Stärke der US-Konkurrenten ist ja nicht deren Größe, sondern die Profitabilität. Und die fehlt den deutschen Wettbewerbern." Durch einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank würden im Zuge des Abbaus von Filialen und Arbeitsplätzen Kosten gespart, was den Gewinn erhöhe. "Aber effizientes Schrumpfen macht weder einen Global Player noch garantiert es Profitabilität."

Oder wie es Aktionärsschützer Nieding vor einem Jahr ausdrückte: "Zwei Lahme, die sich zusammentun, ergeben keinen Olympia-Langstreckenläufer." Hat sich daran etwas geändert? "Nein." Die Deutsche Bank habe es noch nicht mal geschafft, die Postbank zu integrieren, sagt er. "Die berühmten Synergien, die man da schafft, das ist nichts weiter als ein Blutbad unter Angestellten."

Quelle: n-tv.de