Wirtschaft

Der Niedergang von Wirecard So hat Braun sein Lebenswerk zerstört

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Markus Braun ist gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro auf freiem Fuß.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Münchener Staatsanwaltschaft nimmt Ex-Wirecard-Chef Braun fest. Es sind dramatische Stunden, für ihn und fürs Unternehmen. Inzwischen ist Braun auf Kaution frei, aber die Fragen bleiben: Wie konnte es zu diesem beispiellosen Absturz einer Dax-Firma kommen? Hat es jemals so etwas gegeben? Kann das Unternehmen in seiner jetzigen Form überleben? Antworten auf die wichtigen Fragen im Wirecard-Drama.

Was wird Markus Braun vorgeworfen?

Die Münchener Staatsanwaltschaft legt dem umstrittenen Ex-Wirecard-Chef "unrichtige Angaben" in den Bilanzen und Marktmanipulation zur Last. In Betracht kommen aber auch noch andere Straftaten. "Wir führen unsere Ermittlungen ergebnisoffen", teilte die Sprecherin Anne Leiding mit. Ausgelöst hatte die Krise die Weigerung der Wirtschaftsprüfer von EY, den Jahresabschluss 2019 abzusegnen. Nach ihren Erkenntnissen klafft eine Lücke von über 1,9 Milliarden Euro, über die es keine Nachweise gibt. Die Prüfer deuteten dies als Hinweis auf Bilanztäuschung. Zwei philippinische Banken, wo das Geld auf Treuhandkonten liegen sollte, teilten wenig später mit, dass dieses Geld gar nicht existiert. Markus Braun tritt daraufhin zurück. Am Dienstag wird er festgenommen, dann auf Kaution wieder freigelassen.

Wie ist der Skandal ans Licht gekommen?

Die Affäre ist der Schlussakt eines Dramas, das sich seit über einem Jahr hinzieht. Die britische "Financial Times" (FT) hat Wirecard wiederholt falsche Bilanzierungen bei Auslandstöchtern vorgeworfen. Im Oktober 2019 hieß es, ein beträchtlicher Teil der Umsätze mit Drittfirmen in Asien beruhe womöglich auf Scheingeschäften. Braun hat die Berichterstattung immer zurückgewiesen. Als es nach den ersten "FT"-Artikeln zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse kam, schalteten sich die Finanzaufsicht Bafin und die Münchener Staatsanwaltschaft ein - allerdings zunächst mit Ermittlungen gegen die Finanzjournalisten, nicht gegen Wirecard.

Eine eigens vom Wirecard-Aufsichtsrat beauftragte Sonderprüfung durch KPMG konnte die Vorwürfe der Zeitung nicht entkräften. Die Prüfer kommen im Gegenteil zu dem Schluss, dass die Manipulationsvorwürfe nicht haltlos sind: Das Wirecard-Management würde Untersuchungen behindern und bei internen Kontrollen mauern. Die Finanzaufsicht ermittelt zu dem Zeitpunkt bereits, ob Wirecard den Kapitalmarkt über Insiderinformationen rechtzeitig und vollständig informiert hat. Mittlerweile hat die Bafin bei der Aufsicht über Wirecard Fehler eingeräumt. Was dort passiert sei, sei ein "totales Desaster".

Wie funktioniert das Geschäftsmodell?

Wirecard wickelt Zahlungen via Smartphone oder Kreditkarte an der Ladenkasse ab. Den meisten Verbrauchern dürfte dabei gar nicht bewusst sein, wer ihre Bezahlvorgänge steuert. Kooperiert wird unter anderem mit Visa, Mastercard und American Express. Eine weitere Zusammenarbeit gibt es mit dem chinesischen Bezahldienst Alipay. Das Geld der Käufer fließt dabei immer über den Umweg Wirecard an die Händler.

Wirecard überprüft auch die Kreditwürdigkeit der Kunden und garantiert die Bezahlung selbst bei Zahlungsausfall. Hierfür hinterlegt das Unternehmen Geld auf Unterkonten. Für die damit verbundenen Risiken erhält es eine Provision sowie Kundendaten. Ein wichtiger Bereich, wo Wirecard aktiv ist, ist die Reisebranche: Seit 2007 ist das Unternehmen zum Beispiel für die Zahlungsabwicklung und Kreditkontrolle für den Reiseanbieter Tui und die Fluggesellschaft KLM zuständig. Dieses Geschäftsmodell steht jetzt im Zentrum der Manipulationsvorwürfe. Ein weiteres Standbein sind Dienste zur Unterstützung des stationären Handels bei der Digitalisierung - angefangen von digitalen Waagen bis hin zu Kameras und Sensoren. Wirecard bietet zum Beispiel eine "unsichtbare" Bezahlung beim Verlassen eines Supermarktes. Hierfür werden biometrische Kundendaten genutzt.

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Ist Wirecard nach Brauns Abgang noch zu retten?

Die Zukunft von Wirecard ist ungewiss, weil das Vertrauen verspielt ist. Die Banken können jederzeit Kredite in Milliardenhöhe kündigen. Welche Kunden und welche Geschäftspartner bei der Stange bleiben, bleibt ebenfalls abzuwarten. Der Konzern hat praktisch keine Vermögenswerte, die er veräußern kann. Der wertvollste Besitz sind Kundenbeziehungen. "Wir sind nicht in der Lage, das wahre Profil des Unternehmens mit Überzeugung zu quantifizieren", sagt Analyst Robert Lamb von der US-Bank Citi, der sein Kursziel für die Wirecard-Aktie ausgesetzt hat. Die Ratingagentur Moody's zog ihr Rating für den Konzern komplett zurück mit der Begründung, es gebe keine ausreichenden, überprüfbaren Informationen mehr.

Dass Anleger Vertrauen bereits verloren haben, ist nicht zu übersehen: Die Aktie ist noch gut 17 Euro wert. Beim Aufstieg in den Dax kostete sie noch fast 200 Euro, die Marktkapitalisierung war damals höher als die der Deutschen Bank. Investoren fürchten, dass sich nun bald auch die Kunden abwenden werden. "Es besteht das Risiko, dass sich der Imageverlust auf das operative Geschäft niederschlägt", sagt Ingo Speich, Leiter des Bereichs Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft Deka, einem der Großinvestoren des Konzerns. "Reputation ist für einen Finanzkonzern wie Wirecard das A und O."

*Datenschutz

Dass Braun abtreten musste, ist eine Zeitenwende für Wirecard. Der gebürtige Wiener hatte 2002 mit nur 31 Jahren den Chefposten übernommen. Weggefährten bezeichnen ihn als Visionär und Analytiker mit einem guten Gespür für Trends. Es war Braun, der Wirecard entscheidend weiterentwickelt hat. Anfang der 2000er-Jahre betrieb das Unternehmen noch Glücksspiel- und Pornoseiten. Braun besorgte Kapital und eine Banklizenz. "Braun ist der strategische Kopf hinter Wirecard. Ohne ihn wäre der Konzern nicht mehr derselbe", sagte Unternehmensberater Marcus Mosen, der früher den Wirecard-Rivalen Concardis leitete, im Mai. Interimschef James Freis muss die Gläubiger nicht nur in Schach halten, sondern das Unternehmen auch neu erfinden. Citigroup-Analysten empfehlen als erste Maßnahme, Wirecard umzubenennen.

Könnte Wirecard zum Übernahmekandidaten werden?

Wirecard prüft derzeit verschiedene Umstrukturierungsmaßnahmen. Damit das Licht nicht komplett ausgeht, werden unter anderem Verkäufe von Geschäftsteilen erwogen. Potenzielle Käufer müssen jedoch befürchten, dass mehr Unregelmäßigkeiten ans Tageslicht kommen. Nach Ansicht von Beobachtern ist es einfacher, Kunden abzuwerben, als Teile der Wirecard-Geschäfte zu übernehmen.

Analyst Neil Campling vom Broker Mirabaud sieht schwarz für Wirecards Zukunft: "Die Kunden, die wenigen, die es wirklich gibt, werden sich nach alternativen Zahlungsanbietern umsehen", prophezeit er. Ein großer Wettbewerber in Europa ist die niederländische Adyen. "Wir sehen Adyen als sehr gut positioniert, um bestehende Wirecard-Kunden zu gewinnen", sagte Julian Serafini von der Bank Jefferies. Adyen habe bislang aber immer erklärt, vorzugsweise organisch wachsen zu wollen. Für die französische Worldline sei nur das Wirecard-Geschäft in Europa interessant, sie hätte weniger Bedarf an Teilen in Asien, vermuten Analysten.

Die Zukunft von Wirecard werden jetzt maßgeblich die Gläubigerbanken mitbestimmen. Wirecard in den Bankrott zu treiben, liegt nicht in ihrem Interesse, da dies auch noch den verbliebenen Restwert zerstören würde. Bei einem möglichen Umbau werden sie insofern ein gehöriges Wörtchen mitsprechen.

Gab es jemals einen vergleichbaren Absturz einer Dax-Firma?

Der Fall Wirecard weckt Erinnerungen an das Schicksal von MLP: Der Heidelberger Versicherungs- und Finanzmakler war 2001 kometenhaft in den Dax aufgestiegen und geriet wenige Monate später ins Visier von Hedgefonds und Leerverkäufern wie dem Neckermann-Erben Florian Homm - begleitet von Medienberichten, die Zweifel an der Bilanzierung weckten. Am Ende zeigte sich in Gutachten, dass die Finanztricks legal waren, das Vertrauen der Analysten aber war verloren. Vorstandschef Bernhard Termühlen warf 2003 hin. MLP ist an der Börse inzwischen nur noch 500 Millionen Euro wert und in keinem Index mehr gelistet.

Quelle: ntv.de, mit rts