Wirtschaft

Tech-Firmen bekommen Prügel Warum Peking ein Börsenbeben auslöst

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Harte Zeiten für zahlreiche Tech-Firmen Chinas.

(Foto: REUTERS)

Viele chinesische Technologiefirmen haben derzeit ein Problem: Sie sind ins Visier der Staats- und Parteiführung geraten. Die Aktienkurse einstiger Vorzeige-Konzerne stürzen in die Tiefe.

Chinas Regierung hat für ein Börsenbeben gesorgt. Die Aktienkurse zahlreicher Unternehmen rauschen seit einigen Tagen in den Keller, vor allem Tech-Konzerne leiden. Der Nasdaq China Golden Dragon, in dem die US-Aktien chinesischer Firmen versammelt sind, steuert auf den heftigsten Monatsverlust seit der Finanzkrise zu - das aktuelle Juli-Minus beträgt 22,5 Prozent.

Nasdaq Golden Dragon China
Nasdaq Golden Dragon China 10.977,05

Damit haben sich Milliarden Dollar Börsenwert in Luft aufgelöst. Der Grund: Peking hat massive Regulierungsmaßnahmen eingeleitet gegen Technologie-Unternehmen. Zunächst sind das Firmen, die große Datenmengen besitzen. Im Visier sind auch Unternehmen, die an US-Börsen gelistet sind. Außerdem steht der Bildungssektor im Fokus. Aber auch andere Branchen sind betroffen.

Die Regulierungswelle sorgt auch für starke Verluste an den Börsen in Shanghai und in Hongkong. In Shanghai verlor der CSI-Index, der die Aktien der 300 größten börsennotierten Unternehmen vom chinesischen Festland beinhaltet, im Juli rund 8 Prozent und erlitt damit stärkere Verluste als beim Corona-Schock im Februar vergangenen Jahres.

Zum ersten Mal sichtbar wurde Pekings neuer Kurs beim Börsengang von Didi Chuxing. Der erfolgreiche Fahrdienstleister, der Uber aus der Volksrepublik verdrängt hatte, war Ende Juni in den USA an die Börse gegangen - und das, obwohl Chinas Cyberspace-Aufsicht vorher dringend davon abgeraten hatte. Kurz nach dem triumphalen Börsendebüt mit satten Kursgewinnen wurde App-Stores in China verboten, die Didi-App in China weiterhin zum Download anzubieten. Der Aktienkurs brach ein. Doch das war erst der Anfang. Didi muss sich auf eine harte Strafe einstellen.

Schlechtes Image

Es sieht zwar ganz danach aus, dass Peking an Didi ein Exempel statuiert. Denn Gründer Cheng Wei hat mit dem Börsengang die Staats- und Parteiführung herausgefordert. Doch das ist nicht der einzige Grund: Peking will heimische Tech-Firmen von ausländischen Börsen fernhalten. Die Regierung fürchtet, dass sie von den dortigen Behörden gezwungen werden könnten, ihren riesigen Datenschatz zur Verfügung zu stellen - und den Zugriff wollen Chinas Behörden exklusiv.

Die ersten chinesischen Tech-Firmen haben ihre US-Börsenpläne nun auf Eis gelegt, darunter die Tiktok-Mutter Bytedance und der Medizin-Datendienstleister LinkDoc. Derweil kommen auch die Kurse von in den USA gelisteten Firmen wie etwa dem Online-Giganten Alibaba, dem Suchmaschinen-Betreiber Baidu, und dem Social-Media-Riesen Tencent unter die Räder. Zur Einordnung: Tencent ist an der Börse derzeit etwa 546 Milliarden Dollar wert. Das bedeutet, dass die We-Chat-Mutter seit dem Höchststand Mitte Februar etwa 396 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung verloren hat.

Das illustriert eindrucksvoll, welche Folgen Pekings Kehrtwende an den Börsen hat. Hatte die Führung Internet-Konzerne lange als Treiber von Innovation und als Symbol der wachsenden wirtschaftlichen Potenz Chinas gesehen, ist das nun anders. Die Branche wird nun eher als Sicherheitsrisiko und als Ursache von sozialen Problemen gesehen. In der Volksrepublik hat das eine immense Bedeutung. Denn politische und gesellschaftliche Stabilität hat für die Kommunistische Partei die allerhöchste Priorität.

Fünf Euro Tageslohn

Das erklärt auch das Vorgehen gegen Firmen, die im Bildungsbereich aktiv sind. Am vergangenen Wochenende hatte die chinesische Regierung eine Reform des privaten Bildungssektors angekündigt. Unternehmen, die Nachhilfe-Programme anbieten, dürfen künftig keine Gewinne erzielen oder an die Börse gehen. Peking versucht damit, die immensen Bildungskosten für Familien in den Griff zu bekommen.

In China gibt es für Schüler eine harte Abschlussprüfung, die "Gaokao". Diese "Große Prüfung" entscheidet maßgeblich über das zukünftige Leben der Schulabgänger - und setzt sie deshalb unter immensen Druck. Wer eine hohe Punktzahl holt, kann sich für die besten Hochschulen in China bewerben. Wer schlecht abschneidet, dem bleibt in der Regel bloß der Gang zu Mittelklasse-Hochschulen, was später oft Auswirkungen auf Job-Angebote hat. Eltern bringen viel Geld auf, um ihren Kindern zu möglichst guten Schulnoten zu verhelfen. Die privaten Institute richten ihre Angebote nicht nur an schwächere Schüler, die in ihrer Klasse nicht mitkommen. Auch für die Besten eines Jahrgangs ist es völlig normal, am Wochenende privaten Unterricht zu buchen, um so noch besser abschneiden zu können als ohnehin schon. Dies hat eine florierende Industrie von Nachhilfeschulen geschaffen.

Für die Unternehmen ist die Ankündigung Pekings ein schwerer Schlag. Sollten sie tatsächlich wie angekündigt künftig in gemeinnützige Unternehmen verwandelt werden, inklusive Verbot von Wochenend-Unterricht, ist ihr Geschäftsmodell am Ende. Die Folge: An den Börsen geht es auch für sie in den Keller.

Ein weiteres Beispiel für Pekings Regulierungs-Rundumschlag ist Meituan. Auch für die Aktien des Liefergiganten geht es steil abwärts. Zuvor waren neue Vorschriften veröffentlicht worden, die die Rechte der Essensausfahrer stärken - beispielsweise werden Mindestlöhne in der Branche eingeführt. Bisher hat Meituan die Fahrer etwa mit drastischer Verdienstkürzung bestraft, wenn sie nicht schnell genug beim Kunden waren, auch wenn sie wegen dichten Verkehrs nichts für die Verspätung konnten. Die Arbeitsbedingungen stehen landesweit in der Kritik, nachdem das Staatsfernsehen einen Beitrag über einen Beamten der Pekinger Stadtverwaltung ausgestrahlt hatte, der undercover einen harten Tag lang als Essenslieferant für Meituan unterwegs war und mit umgerechnet fünf Euro Lohn nach Hause ging.

Quelle: ntv.de, mit rts/dpa

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