Wirtschaft

Aufstieg zur Stahl-Supermacht Wie China Trumps Strafzölle umgeht

China Stahlwerk.jpg

Um seine Dominanz auf dem Stahlmarkt zu verteidigen, expandiert China immer mehr ins Ausland.

(Foto: REUTERS)

Washingtons Zorn lässt China kalt: Peking unterläuft Donald Trumps Sanktionen, indem es seine Produktion im Ausland hochfährt. Denn der Stahlstreit ist im Kern kein Handelskonflikt. Sondern ein weltweiter Wirtschaftskrieg.

Noch vor wenigen Jahren sah es für das Stahlwerk in der serbischen Kleinstadt Smederevo nicht gut aus. Die veraltete Fabrik kam nicht aus der Verlustzone. Der serbische Staat, der sie einst gebaut und jahrelang subventioniert hatte, wollte sie nicht länger künstlich am Leben erhalten. Auch dem Stahlriesen US Steel, an den sie zuvor verkauft worden war, war es nicht gelungen, das Werk auf Kurs zu bringen. Doch dann kam plötzlich Hilfe aus ganz unerwarteter Richtung: China.

2017 kaufte Pekings Staatskonzern Hesteel die marode Stahlfabrik. Er wickelte die Industrieruine nicht etwa ab, sondern steigerten ihre Produktion auf Rekordniveau. Geld spielte dabei keine Rolle. Mit Millionenkrediten von chinesischen Staatsbanken und Staatsfonds vollbrachten die Manager aus Fernost ein Wunder: Das Werk in Smederevo exportierte Stahl in die USA - bis US-Präsident Donald Trump im März Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumexporte aus allen Ländern der Welt einführte.

So wie in Smederevo macht es Peking überall. Weil die meisten Länder schon lange Anti-Dumping-Zölle auf Stahlexporte aus China erheben, sei das Reich der Mitte zu einer neuen Strategie übergegangen, um seine Dominanz auf dem Weltmarkt zu erhalten, schreibt das "Wall Street Journal" (WSJ). China kaufe seit einigen Jahren Stahlfabriken im Ausland und baue seine Kapazitäten dort kontinuierlich aus. Auch die neuen Strafzölle der US-Regierung, die nach Ablauf des zweimonatigen Aufschubs nun auch für die EU, Kanada und Mexiko gelten, werden Peking dabei kaum stoppen. Denn bei der Offensive geht nicht um wirtschaftliche Logik, sondern darum, im globalen Wettlauf mit den USA die Oberhand zu gewinnen.

Verluste sind Peking egal

Washington und Peking führen einen weltweiten Wirtschaftskrieg. Als größte Volkswirtschaft hat das Reich der Mitte das Land der unbegrenzten Möglichkeiten schon abgelöst. Der Stahlmarkt ist ein Schauplatz dieses Konfliktes: Laut Weltstahlverband hat Peking seinen Weltmarktanteil seit der Jahrtausendwende von 15 auf rund 50 Prozent mehr als verdreifacht. Die Stahlbranche in Nordamerika hat sich in der gleichen Zeit von  rund 16 auf 7 Prozent mehr als halbiert. In Europa ist sie sogar von fast 25 Prozent auf nur noch 12 Prozent Weltmarktanteil geschrumpft.

China produziert seit Jahren viel mehr Stahl als es selbst verbraucht und wirft den Überschuss zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt. Wirtschaftliche Verluste sind Peking dabei egal. Es geht um Verdrängung. Für Chinas Führung ist Stahl ein Pfeiler beim Aufstieg ihres Landes zur globalen Wirtschaftsmacht. Deshalb wird der Stahlkrieg nicht nur in serbischen Kleinstädten ausgetragen.

Die Regierungen in Europa, den USA und vielen anderen Ländern haben als Reaktion auf diese Dumpingstrategie mehr als hundert Strafzölle auf Stahlexporte direkt aus China aufgelegt. Die Regierung in Peking hat zwar zugesagt, die Produktion bis 2020 zu drosseln. Gleichzeitig fährt sie sie aber in Ländern hoch, für die Strafzölle bislang noch nicht galten.

Die chinesische Regierung hat dafür ein Programm aufgelegt, das es Konzernen erleichtert, mit Rückendeckung von Chinas Staatsbanken Fabriken im Ausland zu eröffnen oder zu kaufen. Die Hersteller würden dafür hunderte Milliarden Dollar von der China Development Bank, der Bank of China und dem chinesischen Staatsfonds CIC bekommen, schreibt das WSJ. "China verlegt ganze industrielle Cluster ins Ausland und setzt dort die Überproduktion von Stahl, Aluminium, Zement, Glas und Textilien fort", zitiert das Blatt Tristan Kenderdine, den Chef der Beratungsfirma Future Risk. "Nichts davon ist wirtschaftlich tragbar unter Angebot-Nachfrage-Gesichtspunkten ohne Staatssubventionen."

Weltweite Vorherrschaft durch die Hintertür

Laut WSJ sind in Malaysia, Indonesien und Serbien bereits chinesische Stahlwerke mit einer Produktionskapazität von rund 9 Millionen Tonnen in Betrieb. Weitere Fabriken mit einer Leistung von 8,5 Millionen Tonnen werden derzeit gebaut, unter anderem in Indien. Und weitere Projekte mit einem Ausstoß von insgesamt rund 20 Millionen Tonnen sind in Planung. Damit wird allein Chinas ausländische Stahlproduktion bald die Hälfte der US-Stahlproduktion betragen.

In Brasilien soll zum Beispiel noch in diesem Jahr der Grundstein für eines der größten Stahlwerke der Welt gelegt werden. Ein chinesisches Konsortium will acht Milliarden Dollar investieren, obwohl Brasiliens Stahlindustrie schon jetzt nicht ausgelastet ist. ThyssenKrupp musste eine ähnliche Megafabrik im vergangenen Jahr mit Milliardenverlusten wieder abstoßen - der größte Fehlschlag der Firmengeschichte. Denn anders als chinesische Staatskonzerne muss der deutsche Stahlkocher wirtschaftlich agieren und kann nur dort investieren, wo es sich rechnet.

Chinas Stahlgiganten fassen dagegen inzwischen sogar im Rostgürtel der USA Fuß. In Pittsburgh hat der Staatskonzern Tsingshan ein marodes Stahlwerk wiederbelebt, das 2016 eben wegen der Billigkonkurrenz aus China geschlossen werden musste. Statt Stahl in den USA herzustellen importiert die Firma nun Brammen aus einem Tsingshan-Werk in Indonesien. Sie hat eine Ausnahme von den neuen Strafzöllen beantragt, die Trump im Frühjahr eingeführt hat.

Auch in Europa fährt China mit dem Werk in Smederovo die gleiche Strategie. Während auf Stahllieferungen aus China hohe Anti-Dumping-Zölle fällig werden, kann China aus seiner Fabrik in der serbischen Kleinstadt zollfrei in alle EU-Länder exportieren. "Für uns ist das serbische Werk ein trojanisches Pferd", sagte eine Vertreterin des europäischen Stahl-Lobbyverbands Eurofer dem WSJ.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema