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Mit der BMW K 1600 Grand America auf dem Blue Ridge Parkway in South Carolina, USA.
Mit der BMW K 1600 Grand America auf dem Blue Ridge Parkway in South Carolina, USA.(Foto: Hermann Köpf)
Dienstag, 12. Juni 2018

Mit der K 1600 durch die USA: BMW Grand America - das First-Class-Bike

Von Holger Preiss, Greenville

So wie es Autos gibt, die mit Antrieb, Ausstattung und Motorisierung in der Oberklasse fahren, gibt es auch Motorräder, die das tun. Eines dieser Luxus-Bikes ist die BMW K 1600 Grand America. Und wo kann man eine Bagger besser testen als in den USA?

Mehr Komfort als die BMW K 1600 Grand America kann ein Motorrad kaum bieten.
Mehr Komfort als die BMW K 1600 Grand America kann ein Motorrad kaum bieten.(Foto: Hermann Köpf)

Wer die Bagger erfunden hat, ist nicht ganz klar. Fakt ist, dass es in erster Linie Harley-Davidson und die Marke Indian waren, die mit ihren Choppern den Grundstein für die überdimensionierten Reisemotorräder legten, die noch heute in großer Zahl die Highways in den USA befahren. Aber anders als die coolen Rocker-Bikes muss ein Bagger zuladen können und Fahrer und Sozius echten Komfort bieten. Diesem Anspruch will BMW mit der Grand America gerecht werden, einem im Vergleich zu "normalen" Motorrädern echten Monster. Ein 1,6-Liter-Sechszylinder schiebt sagenhafte 364 Kilogramm Lebendgewicht an und drückt 175 Newtonmeter per Kardanwelle auf das 190er Hinterrad. Wer will, kann diesen Straßenkreuzer auf zwei Rädern in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen.

Allein die Werte schreien danach, sich auf dieses Ross zu schwingen und einen Ausritt zu wagen. Und wo ginge das besser als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Start und Ziel soll Greenville sein. Ein beschauliches Städtchen mit knapp 60.000 Einwohnern im Herzen von South Carolina, in dessen Mitte der Falls Park on the Reedy für Ruhe und Entspannung sorgt. Mit der ist es auf jeden Fall vorbei, wenn die Grand America zum Leben erweckt wird. Schlüssellos und auf Tastendruck weckt der Autor den Sechszylinder, der bereits bei einem leichten Dreh am Gasgriff wie ein Jet kurz vor dem Start klingt. Und eigentlich ist die größte BMW von einem solchen Fluggerät auch optisch gar nicht so weit entfernt.

Der Road Jet

Selbst neben einem Hot Rod macht die BMW K 1600 Grand America eine gute Figur.
Selbst neben einem Hot Rod macht die BMW K 1600 Grand America eine gute Figur.(Foto: Hermann Köpf)

Stilistisch findet die Grand America ihre Basis in der K 1600 B. Da ist das hohe Windschild, die windschnittige Verkleidung an der Front, der Tank, der fließend in die Sitzbank übergeht und die tief angeordneten Seitenkoffer, die die Silhouette strecken und gleichsam von den verchromten Endschalldämpfern untermalt werden, die für die jetartige Geräuschkulisse zuständig sind. Selbst das mächtige Topcase mit integrierter Rückenlehne für den Sozius kann das Bild nicht stören, vermittelt vielmehr das Gefühl, dass man hier in der Business Class reist. Damit das so ist, wurde durch einen niedrigen Heckrahmen die Sitzhöhe in der zweiten Reihe um 70 Millimeter reduziert, während der Pilot zwischen einer Sitzbankhöhe von 750 oder 810 Millimetern je nach Größe wählen kann.

Doch bevor der Autor beim Jet-Start abhebt, will er sich lieber langsam an die Wuchtbrumme herantasten. Das Mapping mit Dynamic, Rod und Rain wird auf Letzteres getestet, die Dämpfung auf Comfort gestellt. Lautlos rastet der erste Gang nach einem sanften Druck des linken Fußes ein und die Grand America schiebt an. Ziel sind die Blue Ridge Mountains, ein Teil der Appalachen, die sich im Osten Nordamerikas über eine Strecke von 2400 Kilometern vom US-Bundesstaat Alabama bis in die kanadische Provinz Québec erstrecken. Soweit soll die Reise mit der Grand America nicht gehen, obgleich schnell klar wird, dass das kein Problem wäre.

The American Way of Riding

Pause mit der BMW K 1600 Grand America am Lake Lure.
Pause mit der BMW K 1600 Grand America am Lake Lure.(Foto: Hermann Köpf)

Sanft gleitet sie durch Ortschaften und über die Highways. Schalten? Kein Problem. Wer will, kann die Grand America mit einem Quickshifter bestücken, über den, ohne die Kupplung zu betätigen, die Gänge so sanft über sechs Stufen geführt werden, dass es eine Lust ist. Beim Beschleunigen muss die Drosselklappe übrigens nicht mehr über den Gasgriff geschlossen werden. Die Gangwechsel erfolgen nahezu ohne Zugkraftunterbrechung. Das heißt, beim Zurückschalten mit geschlossenen Drosselklappen wird per Zwischengas automatisch eine Drehzahlanpassung vorgenommen. Wer es auf dem Highway mal etwas eiliger hat, der kann im Dynamic-Modus den Jet dann auch mal abheben lassen. Ab 7750 Kurbelwellenumdrehungen liegen die schon erwähnten 160 PS an und bereits 2500 Umdrehungen früher wird das maximale Drehmoment von 175 Newtonmetern zur Verfügung gestellt.

Allerdings endet der Tiefflug bei 162 km/h. Die Reglementierung erfolgt elektronisch und ist dem "American Way of Riding" geschuldet, sagt BMW. Das bedeutet, dass man gerade bei Motorrädern vom Schlage einer Grand America mit reichlichen Individualisierungen im Heckbereich rechnet, was zu deutlichen Veränderungen der Radlast führen könnte. Wie dem auch sei, man erreicht die Endgeschwindigkeit mit der Grand America mühelos. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist man damit aber ohnehin zu schnell. Schließlich reden wir hier von 101 mph. Hinzu kommt, dass eine voll beladene Grand America 560 Kilogramm auf die Waage bringen kann. Eine Masse, die es dann auch wieder zu stoppen gilt. Dafür zuständig sind zwei Doppelscheibenbremsen vorne und eine Einscheibenbremse mit jeweils 320 Millimetern Durchmesser. Wenn die Zangen hier zupacken, dann wirft der Kapitän den Anker. Selbstredend mit ABS-Pro-Unterstützung.

Take Me Home, Country Roads

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Das mit der Geschwindigkeit sollte aber nur eine Randnotiz sein, denn eigentlich will kein Mensch mit einer Grand America rasen. Das ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass es nur bedingt Spaß macht, zum anderen entspricht es auch nicht dem Charakter des Bikes. Wer hier unterwegs ist, der will das Windschild elektrisch nach oben fahren, die Füße auf den vorderen Trittbrettern in die "Feet Forward" Position bringen und die Soundanlage auf volle Pulle drehen, weil dort nämlich gerade "Take Me Home, Country Roads" von John Denver läuft. Ja, der gute Denver besingt zwar primär West Virginia in seinem Song, aber auch die Blue Ridge Mountains finden Erwähnung. Und, wir erinnern uns, genau dorthin führt den Autor die Grand America oder besser das Navi, das im Dashboard des Motorrads untergebracht ist. Das genaue Ziel ist der Blue Ridge Parkway, eine als national Scenic Byway ausgewiesene Panoramastraße, die 469 Meilen längs der Blue Ridge Mountains verläuft. Sie verbindet den Shenandoha-Nationalpark in Virginia mit dem Great-Smoky-Mountains-Nationalpark in North Carolina.

Gerne wäre der Autor die ganze Strecke gefahren, aber dafür reichte die Zeit nicht. Dafür führt der Weg aber am Lake Lure und am Mountains Lake Hotel vorbei. Eben jenem Hotel, das seinerzeit als Kulisse im Kino-Hit "Dirty Dancing" genutzt wurde. Sie erinnern sich an die Szene, als Johnny Castle das Mauerblümchen Baby im See stehend über den Kopf hebt? Fehlt nur noch, dass jetzt im Radio "The Time of My Life" von Bill Medley und Jennifer Warnes gespielt wird. Aber auch das nur eine Anekdote und eine wirklich tolle Kulisse auf dem Weg zum kurvenreichen Parkway, auf dem die Grand America ihre dynamische Seite unter Beweis stellen soll.

Die BMW K 1600 Grand America vor einem Wasserfall, den es erst nach den schweren Unwettern in South Carolina gibt.
Die BMW K 1600 Grand America vor einem Wasserfall, den es erst nach den schweren Unwettern in South Carolina gibt.(Foto: Hermann Köpf)

Und tatsächlich, das Ergebnis ist mehr als erstaunlich. Absolut willig folgt die BMW den Richtungsbefehlen, neigt sich freundlich ohne Murren und Zwang in die jeweils vorgegebene Kurve. Selbst enge Kehren lassen sich mit einer nicht geahnten Schräglage auf der Verkehrslinie durchlaufen. Grund dafür ist neben der nahezu perfekten Gewichtsverteilung auch das elektronisch gesteuerte Fahrwerk. In der in den Bergen gewählten Einstellung Road sorgt es für eine vollständig automatisierte Dämpfungsanpassung, die nicht nur den Komfort, sondern vor allem die Traktion unterstützt. Nicht so kurventauglich ist der Modus Cruise. Hier liegt der Schwerpunkt vor allem auf einer sehr sanften Dämpfung. Damit wirkt der Dampfer dann beim Lauf ums Eck doch etwas schwammig.

Leicht und vergnüglich wie ein Roller

Am Ende ist es so: Ist die Grand America in Bewegung, dann fährt sie sich so leicht und vergnüglich wie ein Roller. Aber wehe, die trägen Massen müssen aus dem Stand bewegt werden. Das wird vor allem bei zwei Manövern deutlich: beim Anfahren am Berg und beim Rangieren. Aber auch hier bietet BMW Lösungen. Zum einen kann optional eine Berganfahrhilfe geordert werden, die das Lösen der Bremsen noch für drei Sekunden verzögert und zum anderen gibt es eine Rückfahrhilfe. Während Erstgenanntes keiner weiteren Erklärung und Übung bedarf, ist die Rückwärtsfahrt nicht ohne. Aktiviert wird sie durch einen Knopf an der linken Lenkerarmatur. Mittels Druck auf den Startknopf wird jetzt Gas gegeben und die Fortbewegung ausgelöst. Und genau das bedarf der Übung, denn eigentlich ist der Fahrer gewohnt, den Vortrieb über den Gasgriff zu dosieren.

Am Ende des Tages und in der untergehenden Sonne passt die Grand America nicht nur hervorragend in die Blue Ridge Mountains, sondern hat auch die Prüfung als universelles Luxus-Reisemotorrad bestanden. Wer sich jetzt mit dem Gedanken trägt, einen solchen Gleiter auf zwei Rädern sein Eigen zu nennen, der möge bedenken, dass er mindestens 25.000 Euro bereithalten sollte. Wenn es gar eine Vollausstattung mit adaptivem Kurvenlicht, Reifendruckkontrolle, Berganfahrhilfe, schlüssellosem Zugang, Alarmanlage, Schaltassistent und intelligentem Notruf sein soll, dann sollten weitere 4000 Euro eingeplant werden.

Quelle: n-tv.de