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Gumpert kehrt mit Nathalie zurück und präsentiert mit ihr ein völlig neues Antriebskonzept.
Gumpert kehrt mit Nathalie zurück und präsentiert mit ihr ein völlig neues Antriebskonzept.(Foto: Holger Preiss)
Mittwoch, 25. April 2018

RG Nathalie rast mit Methanol: Gumpert feiert in China Comeback

Von Michael Gebhardt, Peking

Von schnellen Autos versteht Roland Gumpert, der einstige Audi-Motorsport-Chef und Vater des Gumpert Apollo, einiges. Jetzt präsentiert er einen Supersportler auf der Auto China, der neben Strom auch auf eine Brennstoffzelle setzt. Die verdaut aber ganz besonderen Treibstoff.

Bei den Formen bleibt sich Gumpert treu. Jedenfalls was die Optik eines Sportwagens, wie es der RG Nathalie ist, betrifft.
Bei den Formen bleibt sich Gumpert treu. Jedenfalls was die Optik eines Sportwagens, wie es der RG Nathalie ist, betrifft.(Foto: Holger Preiss)

Wasserstoff ist eine feine Sache, zumindest in der Theorie. Toyota Mirai, Hyundai Nexo oder Honda Clarity demonstrieren, wie sich in einer Brennstoffzelle daraus recht problemlos Strom erzeugen lässt, der den Elektroautos zu einer vollends alltagstauglichen Reichweite verhilft. Allein: Es gibt nur wenige Tankstellen, an denen der Treibstoff erhältlich ist und das Handling ist kompliziert. Es braucht viele hundert Bar Druck, um den komprimierten Wasserstoff ins Auto zu pumpen – und das kostet richtig viel Energie, was bei der Umweltbilanz gern übersehen wird.

Brennstoffzelle ja, Wasserstoff nein

Die Idee einer Brennstoffzelle als Range Extender hat Roland Gumpert, der, bevor er E-Autos entwickelte, mit über 800 PS starken V8-Motoren gearbeitet hat, überzeugt – der Gedanke an den komplexen Umgang mit dem Wasserstoff aber nicht. Also hat der Autobauer, der inzwischen den Posten des Chief Product Managers von Aiways innehat und Chef des deutschen Ablegers Gumpert Aiways ist, nachgedacht, wie man dieses Dilemma lösen konnte. Die Antwort ist simpel und steht in jedem Baumarkt im Regal: Methanol.

Sportlich dürfte sich auch der Fahrer im neuen RG Nathalie fühlen.
Sportlich dürfte sich auch der Fahrer im neuen RG Nathalie fühlen.(Foto: Holger Preiss)

Einfach gesagt, lässt sich aus Methanol und Wasser Wasserstoff und CO2 erzeugen. Genau das passiert im RG Nathalie, das CO2 wird durch einen Auspuff in die Natur geblasen, der Wasserstoff in einer Brennstoffzelle zu Strom verarbeitet. Der Vorteil liegt auf der Hand: Methanol ist flüssig und braucht keine besondere Behandlung, rein theoretisch ließe sich der einfachste Vertreter der Alkohole in einen herkömmlichen Benzintank füllen und könnte problemlos an der Tankstelle gezapft werden.

Grünes Methanol

Auch die Sache mit dem CO2-Ausstoß ist nur auf den ersten Blick ein Pferdefuß. Zum einen liegt die Emission pro gefahrenem Kilometer bei nur rund 30 Gramm, zum andern wurde, zumindest beim "grünem Methanol", dieses CO2 zuvor der Umwelt entzogen – zum Beispiel bei der Erzeugung des Treibstoffs in einer Biogasanlage. Nur das "schwarze Methanol", das aus Erdgas oder Kohle hergestellt wird, wirkt sich negativ auf die Umweltbilanz aus.

(Foto: Holger Preiss)

Was nach trockener Chemielehre klingt, hat Roland Gumpert in einen spektakulären Sportwagen gepackt: in den RG Nathalie. Die nach seiner Tochter benannte Flunder wirkt wie eine Mischung aus Audi TT (vorn) und Nissan GT-R (hinten) und gibt ihr Debüt dieser Tage auf der Auto Show in Peking. Dass die schnelle Nathalie in China ihre Premiere feiert, ist kein Zufall, sie ist Wegbereiter, Flaggschiff und Startschuss für Aiways zugleich. Und der junge Hersteller hat Großes vor: 300.000 Autos pro Jahr sollen schon bald gebaut werden, insgesamt sind acht Baureihen in der Pipeline, vom SUV bis zur Limousine.

Schneller Laden

Alle Aiways sollen ausschließlich mit Elektroantrieb fahren. Dass alle auch die Brennstoffzellen-Technik spendiert bekommen, ist dagegen ausgeschlossen. Die meisten Modelle werden lediglich batterielektrisch unterwegs sein. Aber auch hier liefert der RG Nathalie Erfahrungen und gibt Ausblicke auf einen möglichen Stromspeicher: Unter dem Mitteltunnel und hinter den Schalensitzen, die in dem von Nadelfilz, Orange-farbenem Kunststoff und drei großen Displays dominierten Innenraum zwei Passagieren Platz bieten, ist T-förmig ein 70-kWh-Stromspeicher verbaut.

Der Akku des RG Nathalie soll sich in weniger als zehn Minuten befüllen lassen.
Der Akku des RG Nathalie soll sich in weniger als zehn Minuten befüllen lassen.(Foto: Holger Preiss)

Der Akku lässt sich laut Gumpert mit allen aktuellen Ladetechniken befüllen, denkbar ist also auch ein Schnelllade-Vorgang mit CCS-Stecker und bis zu 350 kW. Selbst das würde dem Ingenieur allerdings zu lange dauern, weshalb er überhaupt erst auf die Idee mit der Brennstoffzelle kam: Nur so lässt sich eine Reichweite von über 1000 Kilometern realisieren und eine Standzeit beim Tanken von nur wenigen Minuten. Zumindest, wenn es irgendwann eine Methanol-Zapfsäule gibt. Daran will Gumpet Aiways als Nächstes arbeiten, schließlich soll der Nathalie ab Ende 2019 an die Kunden ausgeliefert werden und die dürften keine Lust haben, wie weiland Bertha Benz in der Apotheke, ihren Treibstoff in der Camping-Abteilung von Hornbach zu besorgen.

Torque Vectoring und teure Preise

Zumal sie auch nicht gerade wenig Geld auf den Tisch legen sollen: 420.000 Euro stehen im Raum, ein Preis, bei dem man nur recht wenig Kompromissbereitschaft der Kundschaft erwarten kann. Allerdings auch ein Preis, für den man nicht nur einen avantgardistischen Range-Extender bekommt, sondern auch einen ausgetüftelten Elektroantrieb. Statt einen oder zwei Elektromotoren zu verbauen, setzt Gumpert gleich auf vier Triebwerke. Die sind radnah montiert und leisten jeweils bis zu 150 kW – macht eine Spitzenleistung von 600 kW! Genug, um den gut anderhalb Tonnen schweren RG Nathalie in unter 2,5 Sekunden auf Tempo 100 zu katapultieren und über 300 km/h schnell zu machen.

So stellt man sich bei Aiways die Zukunft vor. Auch hier steht sie im Zeichen eines SUV.
So stellt man sich bei Aiways die Zukunft vor. Auch hier steht sie im Zeichen eines SUV.(Foto: Holger Preiss)

Mehr noch: Wie einst im Mercedes SLS AMG E-Cell erlauben die vier Motoren ein echtes Torque Vectoring und können in der Kurve gezielt mehr Drehmoment an die äußeren Räder schicken; so dreht sich der Gumpert sprichwörtlich in die Biegung hinein und gewinnt ungemein an Dynamik. Dass die Vier-Motoren-Technik dem Flaggschiff oder zumindest den hochwertigeren Aiways-Modellen vorbehalten ist, versteht sich von selbst. Das Gros der Stromer dürfte nur zwei E-Motoren bekommen, die entweder vorne oder hinten montiert sind – aber immer in Radnähe.

Die Technik funktioniert

Das volle Potenzial der Nathalie konnten wir bei der ersten Mitfahrt auf dem Beifahrersitz allerdings noch nicht erfahren: In einem Gewerbegebiet ein Stück außerhalb von Ingolstadt, wo die geplanten 500 RG Nathalie zukünftig gefertigt werden sollen, hat uns Roland Gumpert mit einem Prototypen um den Block kutschiert. Der Versuchsträger ist ein alter Gumpert Explosion – ein Audi-TT-Verschnitt, mit dem er nach der Apollo-Pleite sein Glück versucht hat. Die Technik aber entspricht der von Nathalie: Hinter den Passagieren ist die Brennstoffzelle montiert, die mit leisem Surren und Fiepen den Strom erzeugt, davor die Batterie und an jedem Rad ein Motor. Die Erkenntnis nach den ersten Metern: das Konzept funktioniert.

Ob es auch Chancen auf Erfolg hat, hängt allerdings nicht nur davon ab, dass es funktioniert. Sondern auch davon, ob es Gumpert Aiways gelingt, der Kundschaft das Methanol schmackhaft zu machen. Keine Frage, das einfachere Handling spricht eindeutig für den Alkohol, allerdings steht Gumpert zumindest im Kreise der großen Autobauer mit dieser Erkenntnis alleine da und könnte sich auf einen Kampf gegen Windmühlen einlassen. Es sei denn, es gelingt dem Startup, seinen Heimatmarkt von der Methanol-Idee zu überzeugen: Wenn der riesige chinesische Markt plötzlich Gefallen an der Technik findet, könnte auch bei uns ganz schnell ein Umdenken einsetzen.

Quelle: n-tv.de