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Frugalisten machen es vor Wie Verzicht richtig Spaß macht

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Dinge, die wirklich glücklich machen: Zeit mit Freunden verbringen, vielleicht beim Fußballgucken.

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Wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist oft von Verzicht die Rede. Verzicht auf Fleisch, auf Flüge, auf fossile Energieträger. Doch Verzicht kann auch Spaß machen, Freiheit bringen und reich machen. Das macht die wachsende Bewegung der Frugalisten vor.

Im Sommer schreckt die Weltöffentlichkeit auf: Riesige Brände wüten in der Arktis, dann gehen Teile des Amazonas-Regenwalds in Flammen auf. Und in Madrid fallen im August Massen an Hagel vom Himmel. Der Klimawandel bestimmt wie nie zuvor die Nachrichten. Viele Experten treten auf, zeichnen Horrorszenarien von der Erderwärmung und verbreiten eine klare Botschaft: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Aber wie dann?

Nachhaltigkeit ist eines der Stichworte der Stunde. Es bedeutet ganz allgemein, dass wir so leben, dass wir nicht unsere Lebensgrundlagen zerstören. Dafür müsste sehr viel passieren. Besonders dringend wäre eine Senkung des CO2-Ausstoßes, ein Ende der Vermüllung und der Schutz des Regenwaldes.

Ohne Verzicht wird es nicht gehen, das predigen Wissenschaftler wie der Oldenburger Professor Niko Paech schon lange. Verzicht auf Flüge, Verzicht auf Fleisch, Verzicht auf fossile Energie. Doch Verzicht muss gar nichts Schlechtes sein. Im Gegenteil. Er kann ein Gewinn, eine Befreiung sein. Vor allem, wenn man im Überfluss lebt. "Wie viel ist genug?" fragten schon 2014 die beiden Briten Robert und Edward Skidelsky in einem gleichnamigen Buch. Sie kritisierten die unersättliche Gier nach dem "Immer mehr" und verwiesen auf die Glücksforschung. Die weist nach, dass eine Steigerung des Lebensstandards ab einer bestimmten Schwelle keine Steigerung der Zufriedenheit mehr nach sich zieht.

Marie Kondo war ein Symptom

Dass die moderne kapitalistische Gesellschaft längst über den Status des "Genug" hinaus ist, hat die japanische Aufräum-Expertin Marie Kondo vergangenes Jahr auf Netflix vorgeführt. Sie gab Menschen mit überquellenden Kleiderschränken, Garagen und Wohnzimmern Nachhilfe im Ausmisten. Die Sendung fand große Aufmerksamkeit in den Medien - wohl auch, weil heutzutage viele Menschen intuitiv zustimmen, wenn es heißt, man habe einfach zu viel Kram und man solle sich auf das Wesentliche beschränken. Verzicht als Befreiung also.

Da kommen die Frugalisten ins Spiel. Dabei handelt es sich um eine Bewegung, die seit den 1990er-Jahren an Fahrt gewinnt, weil ihre Anhänger ein schönes, medientaugliches Versprechen machen: Mit 40 in Rente gehen, indem man sich reich spart. "Frugal" heißt so viel wie "genügsam" und genau darum geht es. Ähnlich wie bei den Skidelskys geht es darum, für sich zu identifizieren, was man wirklich will und braucht - kurz, wie viel genug ist. Auf alles andere soll man radikal verzichten. Und da man diese Dinge eigentlich gar nicht braucht, tut es auch gar nicht weh.

Einer der prägenden Köpfe in Deutschland ist Florian Wagner, der mit seinem Blog "Geldschnurrbart" die frohe Kunde verbreitet - der seltsame Titel leitet sich aus dem etwas griffigeren US-Vorbild "Money Mustache" ab, dem erfolgreichsten Blog, das seit Jahren die Szene prägt. "Frugalismus ist ganz automatisch ein nachhaltiger Lebensstil", sagt Wagner im Gespräch mit n-tv.de. Denn es gehe darum herauszufinden, was einen wirklich glücklich macht, wie viel man im Leben braucht zum Leben. Verschwenden, vergeuden, verprassen - all das höre dann meistens von alleine auf. "Für viele ist der Nachhaltigkeitsgedanke eine große Motivation", sagt Wagner.

"Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug"

Die Frugalisten stecken jeden gesparten Euro sofort ins Wertpapier-Depot, wo sich das Geld vermehrt. Wagner, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat ("Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus"), führt darin mehrere Beispiele von Menschen an, die tatsächlich mit 30 oder 40 nicht mehr arbeiten müssen. Und dabei geht es gar nicht um blanken Verzicht, beteuern er und seine Mitstreiter, sondern vielmehr um die Konzentration auf das Wesentliche. Die Skidelskys zitieren dazu Epikur mit dem Satz: "Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug".

Kondos Mantra "Behalte ein Teil nur, wenn es Freude auslöst" trifft auch bei den Frugalisten auf Zustimmung. "Verzicht ist für die meisten Frugalisten etwas Positives", sagt Florian Wagner. Man verzichtet etwa darauf, bequem mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, nimmt lieber das Rad oder geht zu Fuß. "Und dieser Verzicht ist besser für meine Gesundheit, ich komme frischer bei der Arbeit an und ich weiß, dass ich der Umwelt nicht schade." Mehr Lebensfreude sei auch für viele drin, die auf Fernsehen oder Social Media verzichten. Klingt anstrengend? Das ist es auch, zumindest am Anfang. Doch ohne Disziplin geht es nicht. "Aber das ist eine Sache, die man immer mehr aufbaut. Sie ist wie ein innerer Muskel, den ich trainieren kann", sagt Wagner.

Auch Oliver Noelting betreibt ein erfolgreiches Blog zum Thema Frugalismus. "Ich habe null das Gefühl, auf irgendetwas zu verzichten", sagte er in einem ausführlichen n-tv.de Interview zum Thema. "Man kann mit viel Geld ein glückliches oder unglückliches Leben führen, und man kann auch mit wenig Geld ein glückliches oder unglückliches Leben führen."

Am heutigen Freitag sendet n-tv um 16.30 Uhr das News Spezial "Nachhaltigkeit - Packen wir's an!" mit den Themenschwerpunkten CO2-Steuer und Fridays for Future.

Quelle: n-tv.de

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