Leben

Frugalist spart sich reich "Die Rente mit 40 ist nur ein Nebeneffekt"

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Sich reich sparen und das Leben in der Hängematte am Strand verbringen - das ist bloß ein Klischee. Den Frugalisten geht es vielmehr um Freiheit. Und die kann, muss aber nicht in der Hängematte genutzt werden.

(Foto: imago/Westend61)

Die Menschen jagen dem Geld hinterher, um zu leben, mitzuhalten, sich selbst zu verwirklichen. Oliver Noelting hat das Hamsterrad verlassen. Der 30-jährige Software-Entwickler lebt als "Frugalist". Das kommt vom englischen "frugal" und bedeutet so viel wie genügsam, sparsam oder schlicht. Das Ziel dabei: Sich reich sparen, um mit 40 in Rente zu gehen. Doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes, wie Noelting im Interview erzählt.

n-tv.de: Sie sparen 60 bis 70 Prozent Ihres Einkommens. Ist das nicht nur Verzicht, Verzicht, Verzicht?

Oliver Noelting: Ich habe null das Gefühl, auf irgendetwas zu verzichten. Im Gegenteil, meine Idee ist, etwas aus meinem Leben zu machen, ein möglichst erfülltes Leben zu leben und nicht ständig das Gefühl zu haben, sich etwas zu verkneifen.

Wie kriegen Sie das hin?

Der Blogger "Finanzwesir" hat einmal geschrieben, es sei einfacher, 50 Prozent zu sparen als 10 Prozent. Wenn man 10 Prozent spart, nimmt man eher den Gebraucht- als den Neuwagen, man geht nur einmal statt zweimal die Woche ins Restaurant. Man schränkt sich eben etwas ein. Wer aber 50 Prozent spart, der hat eine Lebensstilentscheidung getroffen. Der sagt: "Ich mache mein Lebensglück nicht davon abhängig, wie viel Geld ich ausgebe." Ich gebe dadurch automatisch weniger aus, ohne dass ich das Gefühl habe, mir irgendetwas verkneifen zu müssen. Bei mir ist das auch so.

Aber gerade wenn man wenig Geld hat, kann man sich vieles eben nicht leisten. Wie kann weniger Geld die Lösung des Problems sein?

Ich würde nicht sagen, dass es mit wenig Geld besser ist als mit viel Geld. Aber man kann mit wenig Geld ein glückliches oder ein unglückliches Leben führen und man kann auch mit viel Geld ein glückliches oder ein unglückliches Leben führen. Das Lebensglück hängt gar nicht so sehr von den Ausgaben ab. Und wenn ich die Wahl habe, gebe ich doch lieber weniger Geld aus. Dann muss ich auch weniger für Geld arbeiten gehen und kann mehr für meine Freizeit einsetzen. Es geht darum, zu identifizieren, was die Sachen sind, die mich glücklich machen, die ich mehr machen möchte und was Dinge sind, die man mit wenig Geld herstellen kann, die ich nicht kaufen muss.

Was meinen Sie?

Wie spart man sich reich?

Oliver Noelting spart einen großen Teil seines Einkommens und legt es in sich selbst verwaltende Aktienfonds, sogenannte ETFs an. Auf diese Weise hat er nach eigenen Angaben schon 30.000 Euro angespart. Er führt diszipliniert Buch über seine Ausgaben und versucht möglichst nichts zu kaufen, was er nicht braucht. Wie er das genau macht, beschreibt er auf seinem Blog "Frugalisten - Reicher leben". Dort finden Tipps wie man nur 100 Euro im Monat für Essen und Trinken ausgibt oder warum es "eigentlich ganz leicht" ist, 70 Prozent des Einkommens zu sparen.

Soziale Beziehungen, Gesundheit, Sport zu treiben, draußen zu sein in der freien Natur, das sind alles Sachen, für die ich nicht viel Geld ausgeben muss. Und wenn ich meine Bedürfnisse befriedige, ohne viel Geld auszugeben, spare ich mehr.

Ist denn Arbeit für Sie nur eine Last? Es soll ja auch Leute geben, die sehr gerne arbeiten.

Arbeit ist auf jeden Fall etwas Gutes. Erfüllende Tätigkeiten sind sehr wichtig für das Leben. Dass ich etwas schaffe, auf das ich stolz sein kann, dass ich eine Tätigkeit ausübe, bei der ich Menschen kennenlerne und in der ich einen Sinn sehe. Aber Arbeit muss nicht unbedingt ein Job sein. Ich glaube, es wirkt sich positiv aus, wenn man Arbeit nicht mehr für Geld machen muss, sondern sie macht, weil man davon überzeugt ist.

Mit der Zeit steigen oftmals die Bedürfnisse, vor allem jenseits der 30. Fürchten Sie sich davor?

Es ist ja nichts Schlimmes, wenn sich Bedürfnisse ändern. Das passiert ständig im Leben. Wir haben gerade ein Baby bekommen, dadurch ändern sich die Prioritäten. Ich möchte aber vermeiden, dass sich meine Bedürfnisse hochschrauben, nur weil ich mich an ein steigendes Niveau gewöhnt habe. Das kann aber in jeder Altersstufe passieren, auch ein 20- oder 30-Jähriger ist nicht davor gefeit, sich an ein höheres Konsumlevel zu gewöhnen. Aber wenn ich mit 50 sage, Campingurlaub muss nicht mehr sein, da habe ich Rückenschmerzen auf der Luftmatratze, dann muss ich schauen, was ich stattdessen mache. Mache ich anders Urlaub? Oder lege ich mir vielleicht ein Feldbett zu?

Es wirkt manchmal so, als ob Frugalisten vor allem alleinstehende Männer sind, die keine Familie haben. Aber wie funktioniert das mit Kindern?

Das würde ich abstreiten. Es gibt auch viele Familien und viele Frauen, das ist ganz bunt gemischt. Die haben auch ganz unterschiedliche Ausgabenlevel. Aber was alle gemeinsam haben, ist der Grundgedanke, diese Lebensphilosophie. Was der Einzelne daraus macht, kann ganz unterschiedlich sein. Natürlich hat man als Alleinstehender ganz andere Möglichkeiten als eine Familie, aber die Grundprinzipien sind die gleichen. Bewusst zu leben, effizient mit seinem Geld umzugehen, Herausforderungen zu suchen, statt immer nur den bequemen Weg zu gehen. Dinge selber anzupacken, statt immer nur passiv zu konsumieren.

Ist das wichtiger, als nicht mehr mit 40 arbeiten zu müssen?

Ja, absolut. Das eigentliche Ziel ist nicht, mit 40 in Rente zu gehen, sondern ein möglichst aktives und glückliches Leben zu führen. Dass man mit 40 in Rente gehen kann, ist eher ein praktischer Nebeneffekt, der es weiter ermöglicht, ein möglichst erfülltes Leben zu führen, weil man mehr Wahlfreiheit hat.

Aber braucht man nicht oft auch Geld, um wirklich wählen zu können?

Natürlich, aber Geld, um die Wahlfreiheit zu haben und nicht finanziellen Zwängen ausgesetzt zu sein. Nicht Entscheidungen treffen zu müssen, weil man das Geld braucht. Wenn die Grundausgaben schon gedeckt sind, kann man sich fragen: "Hey, was will ich eigentlich machen mit meinem Leben?"

Und dann könnte man sagen, ich arbeite jetzt mal ein bisschen, weil ich jetzt doch mal nach Australien möchte?

Ja, das könnte man machen. Man könnte auch sagen, ich gucke mal, wie ich nach Australien reise, ohne viel Geld auszugeben, auch wenn es länger dauert. Da gibt es das Stichwort "Slow Travel". Ich muss ja nicht nur von den Kapitalerträgen leben, ich könnte ja auch weiterhin arbeiten gehen, wenn ich mehr Geld haben will. Aber ein ganz wichtiger Aspekt des Frugalismus ist der des "Genügens". Für sich zu identifizieren: Wie viel ist genug? Ab welcher Summe, ab welchem Einkommen brauche ich nicht mehr? Ab wann steigt meine Lebenszufriedenheit nicht mehr? Diesen Punkt zu finden, ist ganz wesentlich. Gerade in unserer Gesellschaft, in der oft propagiert wird, dass mehr gleich besser ist.

Das Schöne ist sicher auch das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Handeln zu haben, oder?

Absolut. Das ist auch ein ganz wesentlicher Aspekt. Bewusstsein und Achtsamkeit, vor allem finanziell. Dass man weiß, wohin das Geld geht und bewusste Geld-Entscheidungen trifft. Dass man sich nicht am Ende des Monats fragt, wo das ganze Geld geblieben ist. Und bewusst und achtsam zu sein, zieht sich durch das gesamte Leben.

Beim Frugalismus schwingt auch Gesellschafts- und Konsumkritik mit. Ist Frugalismus für Sie politisch?

Es ist nicht so, dass ich das mache, um die Welt zu verändern. Ich lebe so, weil ich so am glücklichsten bin. Und im zweiten Schritt kann ich dann vielleicht die Welt verändern. Leute, die finanziell frei sind, fragen sich oft, was sie nun machen sollen. Sie haben ausgesorgt, alles ist toll und sie können ihre Lebensenergie und Zeit einem Zweck widmen, der sie erfüllt. Da ist dann häufig die Antwort, dass sie irgendetwas für die Gesellschaft tun.

Wissen Sie schon, was Sie machen möchten, wenn es so weit ist?

Nein, noch nicht so ganz. Ich hoffe, dass ich meinen Blog weiterführen kann und generell mehr Zeit und Energie in das Thema stecken kann. Aber vielleicht läuft mir auch etwas ganz anderes über den Weg. Es ist ja noch zehn Jahre hin. Es ist ganz cool, wenn man Zeit hat, Sachen auszuprobieren, einfach mal etwas zu starten, auf das man Lust hat. Dass man die Freiheit hat, Experimente zu machen und Risiken einzugehen. Da wird mir auch mit 40 etwas einfallen.

Mit Oliver Noelting sprach Volker Petersen.

Quelle: n-tv.de

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