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Kritik der Unersättlichkeit Wie viel ist genug für ein gutes Leben?

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Immer mehr ist nicht die Lösung, sagen Robert und Edward Skidelsky.

(Foto: dpa)

Die Werbung führt täglich vor, was der Mann oder die Frau von Welt alles dringend für ein gutes Leben benötigt. Ein neues Smartphone, ein Lifestyle-Auto oder einen Flatscreen-Fernseher zum Beispiel. Aber ist all das wirklich notwendig? Und wann ist es genug?

Wachstum ist der Weg aus der Krise. Dieses Mantra wiederholen Politiker in der ganzen Welt immer wieder. Es scheint das große Ziel zu sein, das alle vereint. Jetzt wird noch mal in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt. Doch wie lange soll das noch so weitergehen? Erreicht das Wachstum nicht irgendwann ein Endstadium? Reicht es nicht so langsam?

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Robert Skidelsky.

Diese Frage stellen die beiden britischen Professoren Robert und Edward Skidelsky in ihrem Bestseller "Wie viel ist genug?" Robert Skidelsky ist Wirtschaftswissenschaftler, sein Sohn Edward lehrt Philosophie. So nehmen sie das Thema von zwei Seiten her in die Zange. Ihre Antwort auf die selbst gestellte Frage? Ziemlich wenig.

Ein gutes Leben braucht keinen unermesslichen Reichtum, das ist die These. Aber was dann? Sie benennen sechs "Basisgüter", die jeder Mensch auf der Welt für ein gutes Leben brauche: Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur und Freundschaft. Und diese würden nicht durch immer mehr Wirtschaftswachstum erreicht.

"Muße" ist das Zauberwort

"Dieses Buch ist eine Kritik der Unersättlichkeit" steht gleich am Anfang. Sie seien nicht prinzipiell gegen Wirtschaftswachstum, sie wollten aber, dass die Freizeit wächst, nicht die Wirtschaft. Klingt ein bisschen nach einer Gewerkschaftsforderung der 1970er Jahre, ist aber anders gemeint. Die ein wenig aus der Mode gekommene "Muße" ist ihr Zauberwort. Die brauche man, um ein gutes Leben zu führen. Wer hingegen immer mehr Geld scheffeln will, ähnele einem Menschen, der isst, um dicker zu werden. Ganz im Sinne Epikurs, der sagte: "Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug". 

Wachstumskritik ist spätestens seit den Finanz- und Schuldenkrisen der vergangenen Jahre in Mode gekommen. Wie Propheten rufen Wissenschaftler die Menschheit zur Umkehr auf, die Endlichkeit der Ressourcen wird beschworen. Was im Mittelalter die Apokalypse war, ist heute der Klimawandel. Nun also noch eine Veröffentlichung mit diesem Tenor?

Nein. Mit Umweltschützern wollen die Skidelskys nicht allzuviel zu tun haben – dass irgendwann das Öl verbraucht ist und der Klimawandel uns die Hölle heiß macht, interessiert sie nur am Rande. Was solche Probleme angeht, vertrauen sie auf den menschlichen Erfindungsgeist, auf den schließlich immer Verlass war. Selbst wenn sich die Umweltprobleme lösen lassen, wäre das Leben mit weiterem Wirtschaftswachstum einfach ziemlich öde. Mit einem Schuss britischer Lässigkeit und einer Prise schwarzen Humors führen die Autoren aus, dass niemand ein gutes Leben führt, der jahrzehntelang schuftet, um regelmäßig shoppen zu gehen. Schließlich habe die Glücksforschung gezeigt, dass die Briten in den vergangenen Jahren immer reicher wurden, nicht aber glücklicher.

Die Extravaganz unserer Gelüste

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Laut den Autoren haben wir uns selbst ein Gefängnis geschaffen. Unserer Bedürfnisse und Begierden hetzen uns zu immer mehr Arbeit und rauben uns die wertvolle Muße. Wobei die Autoren das präzisieren. Bedürfnisse sind okay, Begierden sind böse. Jeder soll genug zu essen und trinken haben, aber immer das neueste Smartphone besitzen zu müssen, sei widersinnig. Das Fatale: Solche Begierden sind unendlich. Weil sie sowieso keine reale Grundlage haben, können sie beliebig ausgeweitet werden. Und die Autoren sind sich sicher, dass uns die Begierden längst über den Kopf gewachsen sind. "Wir sind zum Mangel verdammt, aber nicht durch das Fehlen von Ressourcen, sondern durch die Extravaganz unserer Gelüste", schreiben sie. Was man wirklich brauche, sei hingegen im Überfluss vorhanden.

Es ist nicht überraschend, wo die Autoren schließlich landen. Statt ständig zu schuften, im Hamsterrad gefangen zu sein und zur Kompensation einkaufen, um noch ein paar Zehntelprozent Wirtschaftswachstum zu generieren, soll man abschalten. Sich zurücklehnen. Die Muße genießen. Was man in der Mußezeit machen soll? Das ist jedem selbst überlassen. Lesen? Fußballspielen? Malen? Singen? Unterrichten?

Es ist äußerst angenehm, dass die Autoren keine Lust haben auf ein Einerseits-Andererseits-Geplänkel und die "Das-muss-jeder-selber-wissen"-Gleichgültigkeit mancher Zeitgenossen. Sie beziehen klar Stellung, sagen konkret, was sie meinen. Ob ihre Argumente ewige Gültigkeit haben werden, ist zweitrangig. Den Autoren gelingt etwas viel Besseres: Der Leser beginnt darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

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Quelle: n-tv.de

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