Unterhaltung

Interview mit Assaf Gavron Leben unter Druck

In seinem Buch "Das schöne Attentat" beschreibt Assaf Gavron eine Gesellschaft, die aufgrund der ständigen Anschlagsgefahr unter enormen Druck steht. Er selbst könne diesem Druck nicht immer standhalten, gesteht der Autor ruhig und schaut nachdenklich auf die Tischplatte. "Manchmal müssen meine Frau und ich einfach raus." Zuletzt hätten sie für fünf Jahre in London gelebt, wo auch das Buch entstanden sei. Dann käme immer wieder der Punkt, wo sie zurückkehrten. "Aber ich weiß nie zu 100 Prozent, wo eigentlich mein zu Hause ist."

n-tv.de: Ihr Buch gehört zu der neuen Generation von israelischer Literatur und ist ein großer Erfolg, in Israel, in Deutschland

Assaf Gavron: Italien und Holland.

Wie reagieren Israelis auf das Buch? Besonders auf die Tatsache, dass Sie ihnen zum einen eine sehr menschliche Seite der Palästinenser zeigen und zum anderen das oft brutale Vorgehen der Israelis.

Es gab durchaus die Frage, ob es denn nötig sei, eine palästinensische Romanfigur zu kreieren, die auch noch liebenswert sei. Zudem wollen sich die meisten Israelis nicht an die Zeit, in der der Roman spielt, erinnern, denn in den Jahren um die Jahrtausendwende haben die Anschlagsserien die Menschen stark geprägt. Dementsprechend war "Ein schönes Attentat" in Israel nicht so erfolgreich, wie mein erstes Buch, dass eher eine Art amüsanter Thriller war. Beispielsweise erreichte das Buch von Ron Leshem ein viel größeres Publikum in Israel. Ich glaube, mein Buch war vielen zu nahe an eigenen schmerzlichen Erfahrungen. Und Israelis träumen sich lieber mit anderen Geschichten aus dem Alltag heraus.

Und was gab es im Ausland für Reaktionen, beispielsweise in Deutschland?

In Europa wurde das Buch mit viel offeneren Armen empfangen. Gerade in Deutschland erwartet man von einem israelischen Autor über sehr israelische Themen zu schreiben.

Nicht nur unter Israelis und auch unter Juden, die in Deutschland leben, wecken Bücher wie das Ihre, oder auch die von Ron Leshem und Eshkol Nevo, oft die Befürchtung, dass sie Israel-Gegnern Munition geben.

Das kann ich gut verstehen, aber ich glaube nicht, dass wir unsere Probleme verstecken sollten, nur um weniger Kritik zu ernten. Eine Aufgabe der Literatur ist es ja, das Leben zu zeigen. Ich möchte natürlich nicht, dass mein Buch als Argument gegen oder für Israel benutzt wird. Was ich wollte ist, dass sich die Israelis selbst fragen, was wir eigentlich machen.

Zeit spielt eine sehr wichtige Rolle in dem Buch, so arbeitet die Hauptfigur, das "Krokodil" für eine Firma für Time-Management. Wie wichtig ist der Zeitfaktor in einer Stadt wie Tel Aviv?

Vermutlich nicht wichtiger, als irgendwo anders auf der Welt. Aber Zeit ist tatsächlich ein wichtiger Faktor im Leben des "Krokodils", da sein Beruf war, dieselbige einzusparen. Im Gegensatz zum hektischen Treiben in Tel Aviv vergeht die Zeit für Fahmi, die palästinensische Figur, nur zäh. Es gibt keine Arbeit, kein Geld, nur ein Warten darauf, dass endlich etwas passiert. Und in einer Schlüssel-Szene beobachtet er, wie eine Ameise es schneller schafft als er, den Grenzübergang zu überwinden, weil er stundenlang in der Schlange festsitzt.

Das "Krokodil” im Buch ist eine sehr positive Figur. Sehr liberal und trotz der Anschläge voller Verständnis für die andere Seite – selbst eine Freundschaft mit dem späteren Attentäter scheint nicht ausgeschlossen. Auf der anderen Seite tauchen auch Figuren wie der Professor und Giora Gueta auf, die eine deutlich extremere Sicht der Dinge haben.

Das "Krokodil" ist vor allem ein sehr konfuser Mann, der nicht weiß, was er eigentlich denken soll – was besonders deutlich wird, als er zur nationalen Berühmtheit wird. Er ist total von seiner Umgebung losgelöst und verhält sich teilweise geradezu autistisch. Der Palästinenser Fahmi dagegen ist warmherzig und offen, aber nicht weniger verwirrt und sucht nach dem Sinn seines Lebens. Doch auch der Professor Schneidemann präsentiert eine Art von Israelis – und zwar die unflexiblen Menschen, die, egal in welche Situation sie sind, alles so verdrehen, dass es zu ihrem Standpunkt passt. Auch sie sind im Grunde konfus. Giora ist dagegen ebenso wie alle anderen Figuren im Großen und Ganzen ein Opfer seines Lebens. Er setzt nur weiter um, was ihm in der Armee beigebracht wurde – und zwar Palästinenser zu töten. Nur in diesem Fall, um Geld zu verdienen.

Sie beschreiben, wie nach den Anschlagsserien in Israel nahezu jeder jemand kannte, der in die Anschläge verwickelt war. Wie nahe kamen die Anschläge Ihnen?

Als ich das Buch schrieb, kannte ich keinen, der in die Anschläge verwickelt war. Erst viel später erzählte mir unser Babysitter, eine ältere Dame von über 60 Jahren, dass sie in Tel Aviv in einen Anschlag verwickelt war, in dem vier Personen starben. Sie und ihre Freundinnen wurden zum Teil leicht, zum Teil schwerer verletzt. Sie selbst schätzt sich glücklich, überhaupt überlebt zu haben, leidet aber bis heute unter Hörproblemen. Das mag als Folge noch glimpflich erscheinen, ist aber Jahre nach dem Attentat immer noch ein großes Problem für sie.

Eine andere Figur des Buches ist dagegen direkt mit einem persönlichen Erlebnis verbunden. Wie das "Krokodil" hatte ich auch einen Freund aus Kindertagen, der mit mir zur Armee ging. Ich hatte ihn überredet, mit mir zur Prüfung für eine Spezialeinheit zu gehen, bei der ich allerdings durchfiel und er angenommen wurde. Später kam er bei einem Einsatz dieser Einheit im Libanon um, und ich fühlte mich schuldig. Gleichzeitig gab es dieses Gefühl, ungeheures Glück gehabt zu haben. Ich glaube, dass ist etwas, das viele Israelis kennen – dieses Gefühl, unbeabsichtigt die richtige, lebensrettenden Entscheidungen gemacht zu haben, den richtigen Weg gegangen zu sein. So überlebt auch das "Krokodil" einen Anschlag nur, weil es kurz vor einem Anschlag den Platz im Caf gewechselt hat.

In wenigen Tagen feiert Israel seinen 60 Geburtstag. Was wäre Ihr spezieller Geburtstagswunsch?

Das Klischee wäre, jetzt zu sagen, ich wünsche mir Frieden und das wir alle glücklich miteinander leben. Was ich mir realistischerweise wirklich wünsche, wäre eine starke Führungspersönlichkeit in der Regierung - das ist etwas, was wir seit langer Zeit in Israel vermissen. Aber momentan sehe ich niemanden, weder in der Regierung noch in der jüngeren Generation.

Mit Assaf Gavron sprach Samira Lazarovic.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen