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Strategien gegen "Wasserstress" Wird in Deutschland bald das Wasser knapp?

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Noch können wir in Deutschland das Trinkwasser sprudeln lassen.

(Foto: imago images/Westend61)

In Deutschland ist es zu trocken. Fehlender Regen ist vor allem für unsere Wälder eine echte Herausforderung. Aber hat die Trockenheit auch direkte Folgen für uns Menschen? Wird bald das Trinkwasser knapp? Und wie können wir mit dem Wasser besser haushalten?

Wenn wochenlang kein Regen fällt und uns gefühlt pausenlos die Sonne anstrahlt, freut das erstmal viele. Doch wenn es zu lange zu trocken ist, bringt das auch viele Probleme mit sich. Landwirte müssen um ihre Ernten fürchten, in den Wäldern kämpfen die Bäume um Wasser und gegen Schädlinge und wenn die Flüsse zu wenig Wasser führen, kommt der Schiffsverkehr zum Erliegen - das hat direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft.

2018 und 2019 war es insgesamt viel zu trocken und auch 2020 hat es bislang zu selten geregnet. Aber ernsthafte Sorgen wegen zu wenig Wasser machen sich die meisten von uns trotzdem nicht. Wir sehen zwar, dass die Straßenbäume die Blätter hängen lassen oder dass die Wiese im Park schon am Anfang des Sommers eher gelb und welk aussieht. Aber das Leitungswasser sprudelt weiter munter aus dem Hahn.

"Wasserstress" in Sichtweite?

Das wird auch erstmal so bleiben, sagt Jörg Rechenberg vom Umweltbundesamt im ntv-Podcast "Wieder was gelernt": "In der Fläche ist sichergestellt, dass die Wasserversorger ausreichend Vorräte haben. Außerdem sind sie in Verbünden zusammengeschlossen. Sobald es in einem Versorgungsgebiet enger wird, können sie das mit Überleitungen aus einem anderen Gebiet ausgleichen."

Deutschland ist ein wasserreiches Land, flächendeckende Engpässe gab es bisher nicht, sagt Rechenberg. Auch wenn besonders im Hitzesommer 2018 in einigen Regionen die Grundwasserspiegel deutlich zurückgegangen sind und manche Hausbrunnen trockenfielen. Trotzdem kann bei uns von "Wasserstress" bisher eher nicht die Rede sein. Der entsteht, wenn wir in einem Jahr mehr als ein Fünftel des insgesamt verfügbaren Wassers, des sogenannten "Wasserdargebots", verbrauchen - errechnet wird es als langjähriges statistisches Mittel für die letzten drei Jahrzehnte.

"Auf die letzten 30 Jahre gesehen haben wir in Deutschland eigentlich kein Wasserknappheitsproblem", sagt Rechenberg. Von den 188 Milliarden Kubikmeter, die uns zur Verfügung stehen, entnehmen wir aktuell nur 12,8 Prozent oder 24 Milliarden Kubikmeter. Aber: "Wenn wir die letzten Jahre zugrundelegen, sind wir nur noch bei einem Dargebot von 119 Milliarden Kubikmetern. Wenn sich das fortsetzt, dann haben wir ein Problem."

Berechnet man das "Wasserdargebot" für einzelne Jahre, spricht man auch von der erneuerbaren Wasserressource. Dieser Wert kann stark schwanken, in den letzten Jahren lag er deutlich unter dem 30-Jahre-Mittelwert. Rechnet man unseren Verbrauch mit diesem Wert gegen, kommt man auf etwas über 20 Prozent und damit in den roten "Wasserstress"-Bereich.

"Wasserdargebot" sinkt

Parallel zum Dargebot sinkt aber auch unser Bedarf, vor allem bei der öffentlichen Wasserversorgung: Der Pro-Kopf-Verbrauch ist von den 1990er Jahren bis heute um 15 Prozent zurückgegangen, von 145 Litern auf 123 Liter pro Tag. Unser alltäglicher Wasserbedarf macht aber nur ein Fünftel des Gesamtverbrauchs aus (20,8 Prozent). 23 Prozent entfallen auf den Bergbau und das verarbeitende Gewerbe, 54,8 Prozent auf die Energieversorger. Die brauchen das Wasser zum Kühlen ihrer Kraftwerke. Weil inzwischen aber die meisten auf Durchlaufkühlung setzen, ist das Wasser nicht verloren, nur ein kleiner Teil verdunstet. Mit dem Ausstieg aus Kohle und Atomkraft wird auch hier der Bedarf weiter sinken, sagt Rechenberg.

In einem Bereich wird der Wasserbedarf vor dem Hintergrund von Klimawandel und Trockenheit aber steigen - in der Landwirtschaft. "Die landwirtschaftliche Beregnung macht bisher nur 1,3 Prozent aus", gibt Rechenberg zu bedenken. "Wenn sich das jetzt drastisch erhöht, kriegen wir eine schwierige Situation." Er befürchtet Nutzungskonflikte, wenn im Sommer nicht genug Wasser da ist, um die Felder zu bewässern, die Trinkwasserversorgung zu sichern und genügend Wasser für die Ökosysteme übrigzulassen. "Wir wollen gar nicht in Abrede stellen, dass die Landwirtschaft eine wichtige Versorgerrolle hat und das Wasser selbstverständlich auch braucht."

Abwasser auf die Felder?

Für Jörg Rechenberg bedarf es deshalb eines intelligenten Verteilungsplans durch die Wasserbehörden und klarere Regeln von der Politik. Wer wie viel Wasser bekommt, solle auch an Bedingungen geknüpft sein. Landwirte sollen ihre Felder intelligent bewässern, Wasserversorger sogenannte Leitungsverluste vermeiden und ihre Kunden, also die Verbraucher, zu Wassersparsamkeit anhalten. Es gibt aber auch Überlegungen, wie man das Dargebot, also die verfügbare Wassermenge, vergrößern kann. Eine Idee ist, dass Landwirte ihre Felder mit gereinigtem Abwasser wässern. In einigen südeuropäischen Ländern ist das bereits üblich, sagt Rechenberg.

Die EU hat in diesem Jahr neue Vorschriften dafür auf den Weg gebracht. Beim Umweltbundesamt sieht man die Pläne aber kritisch, weil die Qualität in Sachen Hygiene und Umweltstandards nicht ausreichend gesichert sei. Jörg Rechenberg bringt noch einen anderen Punkt ins Gespräch. Landwirte hätten nämlich eine Doppelrolle - sie entnehmen nicht nur Wasser, sondern beeinflussen mit ihrer Feldarbeit auch die Qualität des Grundwassers.

Je mehr gedüngt werde, desto mehr Nitrat gelange ins Grundwasser. "Gute Wasserqualität ist auch eine Möglichkeit, unsere Ressourcen zu schonen. Die Wasserversorger brauchen möglichst gutes Rohwasser. Grundwasser, das mit Nitrat hochbelastet ist, können sie nicht mehr nutzen, weil die Aufbereitung zu teuer ist." Deshalb sei es auch wichtig, zum Beispiel Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft zu kaufen, bei der weniger intensiv gedüngt wird. Das schütze die Gewässer und erhöhe die für uns alle verfügbare Wassermenge.

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Quelle: ntv.de