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Auswertung von Kinderpornos "Darauf bereitet einen kein Studium vor"

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Im LKA Düsseldorf werden alle gesicherten Daten aus NRW ausgewertet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Lügde und Bergisch Gladbach sind Orte, die nach den großen Missbrauchsskandalen mit furchtbarem Leid von Kindern verbunden werden. In beiden Fällen wurden riesige Mengen an Kinderpornos sichergestellt. Doch wie wird dieser Daten-Berg eigentlich ausgewertet? n-tv.de hat über diese schwierige Arbeit mit Sven Schneider vom LKA in NRW gesprochen.

n-tv.de: Wie groß sind die Datenmengen, die Sie im Landeskriminalamt in der Kinderpornografie-Dienststelle erfassen?

Sven Schneider: Ich kann keine genaue Größe nennen, was die Daten angeht, die wir gerade im Haus haben, weil sich das ständig verändert. Aber 2018 lag die Gesamtmenge an Daten, die bei Untersuchungen in Bezug auf Herstellung, Verbreitung und Besitz von Kinderpornografie von der Polizei NRW sichergestellt wurde, bei 2600 Terabyte. Meine Dienststelle, die zentrale Auswertungs- und Sammelstelle Kinderpornografie, bearbeitet in erster Linie die Delikte nach den Paragrafen 184b und 184c StGB, also Kinder- und Jugendpornografie.

Wie sieht das denn beim aktuellen Fall in Bergisch Gladbach aus?

Konkrete Auskünfte zu dem laufenden Verfahren kann nur die Staatsanwaltschaft erteilen. Grundsätzlich stellen wir bei einem entsprechenden Verdacht alle Speichermedien der Tatverdächtigen sicher. Logisch ist daraus zu folgern, dass die Datenmenge eng mit der Anzahl der Tatverdächtigen zusammenhängt und somit sicher davon ausgegangen werden kann, dass es mehr Daten zu erforschen gibt, wenn die Anzahl der Tatverdächtigen steigt.

Welches Ausmaß hat dieser Fall im Vergleich zum Missbrauchsskandal von Lügde?

Sowohl bei Lügde als auch bei Bergisch Gladbach handelt es sich um Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern, bei denen mehrere Täter involviert waren. In Lüdge blieb es bei regionalen Ermittlungen und der bekannten Anzahl von Tatverdächtigen. Im Fall von Bergisch Gladbach haben die Missbrauchsfälle Bezüge in mehrere Bundesländer. Ebenso ist auch die Anzahl der Tatverdächtigen höher. Hier sind die Ermittlungen deshalb deutlich umfangreicher.

Wie laufen die Untersuchungen in Ihrer Behörde konkret ab?

Wir bekommen die Daten, die bei Menschen sichergestellt werden, bei denen der Verdacht besteht, dass sie Missbrauchsabbildungen besitzen oder verbreiten. Wir betrachten die Daten dann aus zwei Blickwinkeln. Einmal müssen wir die Bilder für das Strafverfahren kategorisieren. Wir schätzen dann auch, wie alt die Opfer darauf sind - denn es ist strafrechtlich ein Unterschied, ob sie 13, 14 oder 18 Jahre alt sind. Der zweite Blickwinkel ist die Gefahrenabwehr. Dabei geht es um den sexuellen Missbrauch. Wir müssen auf dem Bildmaterial feststellen, ob es sich möglicherweise noch um laufenden Missbrauch handelt und schauen dann, ob wir Opfer und Täter identifizieren können. Das können wir beispielsweise anhand der Metadaten tun oder anhand von Abbildungen. Wenn es ein laufender Missbrauch ist, werden sofort weitere Ermittlungsschritte bei den Polizeibehörden eingeleitet, um das Kind dort herauszuholen.

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Sven Schneider leitet die zentrale Auswertungs- und Sammelstelle Kinderpornografie im LKA Düsseldorf.

(Foto: Sonja Gurris)

Welches Profil haben die Täter?

Das sind nicht nur Pädophile oder Menschen mit pädophilen Neigungen. Sondern es gibt noch ganz andere Gründe, warum Menschen so etwas tun. Manche Täter wollen eine Frau vergewaltigen und nehmen dann das Kind, weil es für sie einfacher ist. Perversionen, Krankheiten, Geld und Macht - das sind alles Motivationen, die zu diesen Taten führen. Das nur auf Pädophilie zu reduzieren, ist auch nicht förderlich, weil man einen ganz großen Teil von Tätern außer Acht lässt.

Ihre Dienststelle im LKA Nordrhein-Westfalen arbeitet eng mit den örtlichen Polizeibehörden zusammen. Wie funktioniert das konkret, wenn es einen Verdacht gibt, dass eine Person Kinderpornos gesammelt hat?

Wir bekommen zahlreiche Hinweise von US-amerikanischen Behörden. Aufgrund der fehlenden Vorratsdatenspeicherung ist es nicht einfach, an die Personen hinter den IP-Adressen von Konsumenten heranzukommen. Die Provider in Deutschland sind nicht verpflichtet, können Daten aber zu internen Zwecken bis zu sieben Tage speichern. Nach den sieben Tagen sind die Daten verloren und deswegen macht das BKA automatisiert unmittelbar nach Eingang eine Abfrage, bevor sie die Hinweise in die einzelnen Bundesländer weitergeben.

Wie geht es dann weiter?

Wenn es das Okay für eine Hausdurchsuchung gibt -  hier ist ja ein richterlicher Beschluss erforderlich -, geht die Kreispolizei zum Beschuldigten und stellt vor Ort die Speichermedien sicher. Neuerdings werden Laptops, Festplatten und USB-Sticks mit einem Datenspürhund gesucht. Es gibt bei den digitalen Asservaten dann drei Schritte: zuerst die Datensicherung, danach die Datenaufbereitung und am Ende eben die Auswertung. Eine von den 47 Kreispolizeibehörden in NRW führt dieses Verfahren und sichert die Originaldateien. Die Originale verbleiben in der Behörde. Aus forensischen Gründen können wir im LKA nur an einer Kopie arbeiten. Die kopierten Daten werden so schnell wie möglich auf den zentralen Server im Landeskriminalamt aufgespielt.

Wie funktioniert die Identifizierung von Tätern und Opfern genau?

Wir haben eine Vergleichssammlung und können so mit einem relativ überschaubaren Aufwand herausfinden, ob gewisse Bilder schon bekannt sind. Wenn ja, prüfen wir, ob die Taten auch schon aufgeklärt sind oder, ob man weiter ermitteln muss. Hier und da ist es auch aktuell noch so, dass es in den Kreispolizeibehörden passiert. Aber wir befinden uns derzeit in einem Transformationsprozess. Für NRW ist die Bekämpfung von Kinderpornografie ein Schwerpunkt-Thema geworden - schon vor dem Fall Lügde.

Wie kann man diese Fakten denn überhaupt bewerten, wenn es so viele Daten sind, die gesichtet werden? Wo fängt man da an?

Ich habe bereits über die Datenmenge aus 2018 gesprochen. Damit meine ich nicht nur reine inkriminierte Kinderpornografiedaten, sondern das sind die kompletten Daten der Speichermedien. Die müssen wir insgesamt durcharbeiten. Man kann auch Bilder oder Videos in Word-Dokumente oder in Powerpoint oder sonstige andere Dokumente implementieren. Man kann auch in einem Urlaubsvideo eine kleine Sequenz kinderpornografischen Materials einbetten. Die Täter benennen diese Ordner ja nicht mit "Kinderpornografie" und dann ist da alles drin. Es ist ja ein bisschen komplexer. Wir unterscheiden zwischen Blacklisting, Whitelisting und unbekanntem Material. Blacklisting sind schon bekannte und gesichtete kinder- oder jugendpornografische Bildmaterialien, Whitelisting ist bekanntes legales, also strafloses Material. Beides wird von einer Software herausgefiltert. Dann gibt es noch den dritten Teil. Wir nennen es auch die Black Box oder auch die Büchse der Pandora. Das sind Bilder und Videos, die von Menschen bewertet werden müssen.

Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?                      

Daran arbeiten bei uns im Landeskriminalamt die sogenannten Bewerter. Wir haben jetzt 20 Mitarbeiter neu eingestellt, die sich nur darum kümmern. Sie arbeiten in einem abgeschlossenen Bereich, auch ein Polizist soll da nicht einfach so durchgehen und dann auf die Bildschirme gucken können. Es gibt zum Beispiel eine Software, die ein Video in neun gleich große Teile zerlegt und auf dem Bildschirm hat man neun Fenster, die laufen parallel ab. Nun kann man das schneller laufen lassen, der Bewerter guckt sich das an und kategorisiert die Bilder. Es kommt natürlich immer extrem auf die Größe eines Bildes an. Aber man kann schon ungefähr so sagen: Wenn es einfach ist, können die Mitarbeiter so ein Bild pro Sekunde beurteilen.

Wie können die Bewerter das Gesehene überhaupt verarbeiten?

Es gibt keinen Ausbildungsberuf, auch kein Studium, was darauf vorbereitet. Das Wichtigste ist, dass die Menschen psychisch belastbar sind. Sie müssen ein absolutes Fundament haben, da sie sich mit solchem Material tagtäglich beschäftigen müssen. Diese Büchse der Pandora kann alles enthalten. Da sind nicht nur allerschlimmste kinderpornografische Dokumente drin, sondern auch Menschen, die Sex mit Tieren haben oder auch gewaltverherrlichende Videos, wo ein Mensch bei lebendigem Leibe aufgeschlitzt wird. Wir machen im LKA auch nicht davor halt, und die Mitarbeiter müssen sich wirklich alles angucken.

Welche Voraussetzungen haben diese Mitarbeiter?

Wir wollen keine Leute einstellen, die dann über die Arbeit krank werden. Deswegen ist uns in erster Linie ihre psychische Belastbarkeit und ihr Umgang mit Belastungen wichtig, daneben, dass sie kognitiv leistungsfähig sind und dass sie eine gute Aufmerksamkeitsgabe, eine gute Merkfähigkeit haben und sich gut konzentrieren können. Die formalen Voraussetzungen für diesen Beruf sind wirklich ziemlich offen gehalten. Ich habe das absichtlich so groß gehalten, weil meine Sorge war, dass sich da sowieso keiner drauf bewirbt, weil es einfach eine schwierige Arbeit ist, die man sich auch nur schwer vorstellen kann. Am Ende bewarben sich sogar 150 Menschen.

Warum wollen die Bewerber diese Arbeit machen?

Ich glaube, dass die Lügde-Berichterstattung wirklich dazu beigetragen hat, dass das Thema ins öffentliche Bewusstsein gelangt ist. Das war übrigens auch eine Rückmeldung in den Vorstellungsgesprächen. Dass die Menschen gesagt haben, "das ist ein gesellschaftlich wichtiges Thema und da will ich irgendwie meinen Beitrag dazu leisten".

Wie ist denn die psychologische Betreuung?

Wir haben einen evangelischen Landespolizeipfarrer, der für uns die Supervision durchführt. Außerdem haben wir hier Sportmöglichkeiten im Hause und die Mitarbeiter können zwischendurch spazieren gehen oder sich zusammensetzen, um über das Erlebte zu sprechen. Wir möchten ein Klima des Vertrauens schaffen. Wir sind hier ständig und täglich mit den Mitarbeitern im Gespräch. Wenn jemand eine Belastung oder eine Überlastung spürt, dann ist er auch aufgefordert, darüber zu reden und das nicht mitzuschleppen. Bei Bedarf kann man eben noch eine Supervision machen und mit dem Seelsorger reden, der täglich hier im Haus ist.

Inwiefern hängen Missbrauch und der Konsum der Dateien zusammen?

Ich lege großen Wert darauf, dass man diese beiden Sachen auseinanderhält. Sicherlich ist es so, dass das zusammen stattfindet. Kinder werden sexuell missbraucht und das wird auch dokumentiert. Aber Kinder werden auch so sexuell missbraucht, ohne dass das dokumentiert und verbreitet wird. Auf der anderen Seite gibt es eben auch Menschen, die solche Missbrauchsabbildungen konsumieren, aber nicht selbst missbrauchen. Sie erzeugen damit jedoch eine Nachfrage. Das führt wahrscheinlich auch dazu, dass mehr produziert wird und es somit auch mehr Missbräuche gibt.

Wenn immer mehr große Missbrauchsfälle mit Kinderpornos bekannt werden - haben die Behörden dann nicht zu spät reagiert?

In den letzten Jahren nahm die Datenflut zu. Dies ist auch logisch, denn inzwischen gibt es leistungsfähige, preisgünstige Computer und Smartphones, die Aufnahmen machen können und mit denen man diese Aufnahmen unmittelbar verschicken kann. Die Speicherkapazitäten werden immer größer und die Datenleitungen für den Up- und Download immer schneller. Es gibt außerdem das Darknet und offene Portale, wo sich Gleichgesinnte kennenlernen und austauschen können. Die technische Entwicklung hat es den Tätern in diesem Phänomenbereich in den letzten 20 Jahren deutlich einfacher gemacht. Vorher mussten die Täter um Missbrauchsabbildungen zu erlangen in Kontakt mit anderen Menschen treten. Die Täter mussten physisch zu den Orten gehen, beispielsweise zum Kiosk, zur Videothek, zum Sexshop, und dort Personen kennen oder ausfindig machen, die Missbrauchsabbildungen anboten. Die Anbahnung und der Austausch kann heute anonym digital erfolgen. Auch ist die Vervielfältigung deutlich einfacher geworden.

Mit Sven Schneider sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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