Panorama

Aus altem Interview zitiert Drosten korrigiert Schlagzeile

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Drosten im gemeinsamen Interview mit Detlev Ganten, dem Präsidenten des World Health Summit.

(Foto: World Health Summit / S. Kugler)

Christian Drostens Satz, die Pandemie gehe jetzt auch bei uns erst richtig los, schlägt hohe Wellen. Doch das Interview, aus dem zitiert wird, sei schon mehrere Wochen alt, korrigiert der Virologe heute. Drosten erklärt, wie er die aktuelle Lage tatsächlich sieht.

Aktuell diskutieren Politik und Wissenschaft darüber, wie Deutschland in der Corona-Pandemie möglichst gut durch Herbst und Winter kommt. Wenn in so einer Situation der bekannteste Virologe des Landes sagt, die Pandemie gehe jetzt erst richtig los, "auch bei uns", macht das natürlich Schlagzeilen. Doch Drosten hat in einem ZDF-Interview klargestellt, dass er das Interview bereits "mit einem sehr weiten Zeitrahmen gespannt vor sechs, acht Wochen" geführt hat. Das aber macht einen gewaltigen Unterschied. War das Absicht?

"Präzise abgestimmt"

Offenbar ja. Veröffentlicht hat das Interview das Pressebüro des World Health Summit (Weltgesundheitsgipfel), der vom 25. bis 27. Oktober in Berlin mit Spitzenvertretern aus Politik, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen stattfindet. Organisiert wird die hochkarätige Veranstaltung von der Berliner Charité. Die Pressesprecherin teilte ntv.de mit, die Veröffentlichung sei mit allen Beteiligten präzise abgestimmt worden.

Das scheint korrekt zu sein, Drosten selbst erklärt das Missverständnis jedenfalls genau so wie die Pressesprecherin. In dem Interview, das er gemeinsam mit Detlev Ganten, dem Präsidenten des World Health Summit, führte, habe er aus einer Perspektive mitten im Sommer gesagt, das werde nochmal kommen. "Hier geht es nicht darum, vor der nächsten Woche zu warnen", erklärt Drosten. Es gehe um eine weltweite Perspektive. "Und weltweit geht es tatsächlich jetzt richtig los."

"Krankenhäuser gut vorbereitet"

Deutschland befinde sich in einer Sondersituation und in der Einschätzung für die nächste Woche "gibt es gar keinen Grund, sich spezielle Sorgen zu machen". Aber so kurz zu blicken sei in dieser Situation völlig falsch, warnt er. Man müsse sich das jetzt auch für Deutschland so vorstellen, "dass das so wie in den Nachbarländern kommen kann und wahrscheinlich wird". Man müsse jetzt in der Frühphase überlegen, wie man das verhindern kann. "Und da auch den richtigen Zeitpunkt zu finden ist in der unmittelbaren nächsten Zeit die größte Herausforderung."

Im Krankenhaus-Bereich sei Deutschland sehr gut vorbereitet, sagt Drosten. Die Kliniker sagten allgemein, sie hätten sehr viel über die Behandlung von Covid-19 gelernt. Es sei auch richtig, Intensivbetten für andere Zwecke freizugeben; man sei in Deutschland jetzt in der Lage, im Ernstfall schnell wieder die im Frühjahr geschaffene Kapazität zur Verfügung zu stellen.

Bei Schulen sieht Drosten Nachholbedarf

Weniger gut seien die Schulen vorbereitet, sagt Drosten. Schon im April habe man gesehen, dass alle Altersgruppen ungefähr gleich viel Virus ausschieden. Und da sei in der Zwischenzeit zu wenig Arbeit geleistet worden, um mit einer Situation umzugehen, die sich vielleicht einstellen werde - "nämlich dass die Infektionen in den Schulen weiter zunehmen werden".

Man müsse Handlungsmöglichkeiten finden, damit man Schulen bei ein paar Fällen nicht gleich schließen müsse, sagt Drosten. Dafür sei es notwendig, eine sich aufschaukelnde Infektion frühzeitig zu bemerken, wenn sich ein Cluster einstelle. "Und da ist natürlich schon noch ganz viel Arbeit im Organisatorischen zu leisten."

"Jeder Einzelne trägt Verantwortung"

Der Virologe nimmt jeden Einzelnen in die Verantwortung, hat aber auch Lob für die Deutschen. Alle müssten selber mitdenken, sagt er. "Es müssen Prinzipien einfach verstanden sein und ich glaube, das ist in Deutschland wirklich sehr gut gelungen." In anderen Ländern sei dies nicht so, dort wisse man nicht, was eine Aerosol-Übertragung ist. Man bezweifle auch, dass das überhaupt relevant sei "und alle desinfizieren sich ständig die Hände".

Da sei man in Deutschland schon ganz schön gebildet, findet Drosten. "Und jetzt ist es eben die Frage, welche Entscheidung treffe ich als mitdenkender Bürger für mich und mein Umfeld. Muss ich beispielsweise die Geburtstagsfeier in zwei Wochen - auch wenn ich es darf - mit 40 Leuten durchführen oder sollte man das dieses Jahr vielleicht mal verkleinern?"

Im Familienkreis gehe es vielleicht darum, wie man Oma und Opa noch sehen könne, sagt er. Da könne sich die Familie überlegen, sich zuvor in eine kurze Quarantäne zu begeben. Vielleicht könne man sich vorher auch testen lassen. Die Politik könne da viel tun, beispielsweise Antigen-Tests vorantreiben, so Drosten. "Aber am Ende muss doch jeder für sich selbst und die eigene Familie mitdenken. Und das ist schon entscheidend."

"Wir können die zweite Welle verhindern"

Eine ähnliche Entwicklung wie in Frankreich oder Spanien sei grundsätzlich auch in Deutschland möglich. Aber es gäbe ein paar grundlegende Unterschiede, die eine wichtige Rolle spielten, sagt Drosten. Die Familienstrukturen seien anders. Deutschland habe mehr Ein-Personen- und weniger Mehr-Generationen-Haushalte. Die Bevölkerung sei sehr gut informiert und die Instrumente des öffentlichen Gesundheitswesens seien nicht schlecht, auch wenn das Personal besser ausgestattet werden könnte.

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"Aber insgesamt sollten wir uns nicht einbilden, dass wir in einer Sonderrolle sind oder irgendwie gesegnet", warnt der Virologe. Wir müssen uns einfach klarwerden, dass dies ein Naturphänomen ist, dem wir früh begegnen müssen, nicht erst, wenn es zu spät ist. Dann wird es anstrengend, mühsam und auch schmerzhaft." In Deutschland sei man noch in einer guten Situation. Man sei noch früh genug dran, könne die Lage gut beobachten und habe alle Chancen, früh einzuschreiten und es tatsächlich zu kontrollieren.

"Ich halte es in Deutschland für möglich, dass wir die zweite Welle verhindern können. Aber das geht nur mit einer großen Konzentriertheit in der ganzen Gesellschaft. Und da liegt jetzt wirklich im Moment die Herausforderung."

Quelle: ntv.de, kwe