Panorama

Warum eine Gratis-Chance vertun? Corona-Warn-App zeigt, wie Deutschland tickt

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Ungefähr 15 Millionen Deutsche nutzen die Corona-Warn-App.

(Foto: kwe)

Manche Corona-Maßnahmen sind lästig, einige eine echte Belastung. Die Corona-Warn-App gehört sicher nicht dazu, sie ist eine kostenlose und risikofreie Chance, die Pandemie einzudämmen. Trotzdem weigern sich viele, sie zu nutzen. Das ist kein gutes Zeichen.

Kann man 18,4 Millionen Downloads der Corona-Warn-App innerhalb von 100 Tagen wirklich als Erfolg feiern? Eher nicht. Denn nach einem vielversprechenden Start mit 6,4 Millionen Abrufen nach einem Tag und 14,4 Millionen Abrufen nach zwei Wochen war die Luft raus, die App benötigte für die weiteren vier Millionen Downloads fast drei Monate. Das heißt, von den laut Bitkom rund 53 Millionen deutschen Smartphone-Nutzern verfügen diejenigen, die bereit sind, sie zu nutzen, bereits über die Anwendung. Die anderen wollen sie nicht installieren oder ihr Gerät ist zu alt für die App.

Außerdem dürfte die Zahl der tatsächlichen Nutzer deutlich geringer als die Anzahl der Downloads sein. Weil pro Apple- oder Google-ID nur eine Installation gerechnet wird, spielen Mehrfach-Installationen keine Rolle. Aber manche Nutzer laden die App herunter, ohne sie zu aktivieren, andere löschen sie wieder. Experten zufolge dürfte die tatsächliche Zahl der aktiven Installationen bei 15 Millionen liegen.

Dass offenbar so viele Menschen die Corona-Warn-App ablehnen oder zumindest ignorieren, ist schon erstaunlich. Die Regierung nannte sie nicht ganz zu Unrecht im Juni "die beste Warn-App der Welt". Das gilt vor allem für Datenschutz und Privatsphäre. Nutzer können auf ihrem Smartphone lange suchen, bevor sie eine Anwendung finden, die so sorgsam damit umgeht.

Sicher und kein Stromfresser

Sicherheitsforscher, die die App untersuchten, kritisierten lediglich, dass auf Android-Smartphones die Nutzung der Anwendung ohne Google-Play-Dienste nicht möglich sei, die Google-Servern regelmäßig Infos übermitteln. Das stimmt, aber das tun die Geräte auch ohne Corona-Warn-App. Dass Verschwörungsgläubige trotzdem davon überzeugt sind, dass die Anwendung ein weiteres Mittel der "Corona-Diktatur" ist, um sie zu kontrollieren, auszuhorchen und zu unterdrücken, kann man nicht ändern. Vernünftige Menschen sollten aber auf Wissenschaft und Fakten vertrauen.

*Datenschutz

Auch Sorgen, die Corona-Warn-App würde durch ständig aktives Bluetooth den Akku leersaugen, sind unberechtigt. Das liegt unter anderem daran, dass sie Bluetooth Low Energy (LE) nutzt. In einem Test von "Computerbild" Ende Juni war ihr Anteil am Stromverbrauch auf keinem Smartphone besonders hoch. Updates haben seitdem die Akku-Belastung weiter reduziert. Dabei gilt allerdings, dass die eigentlichen Stromverbraucher die Google- und Apple-Dienste sind, die für den Abgleich von Begegnungen zuständig sind. Aber auch hier zeigt sich, dass sie kaum die Laufleistung verkürzen. Auch ntv.de hatte bisher noch kein Testgerät, dem wegen der Corona-Warn-App wesentlich schneller die Luft ausgegangen wäre.

Unspezifische Warnungen?

Berechtigter sind da schon Zweifel an der Wirksamkeit der RKI-App. So nannte Patrick Larscheid, Leiter des Gesundheitsamtes von Berlin-Reinickendorf, die Anwendung von Anfang an eine "Spielerei der digitalen Oberschicht". Jetzt sagte er dem "Spiegel", die App verunsichere die Anwender mit ihren unspezifischen Warnungen. Um wirksam zu sein, hätte die App nach Ansicht des Mediziners deutlich mehr Daten erfassen müssen - zu Ort und Zeit des Kontakts und auch zur Person. "Die App sagt Ihnen ja nicht einmal, ob der angebliche Risikokontakt im Freien stattgefunden hat, in der S-Bahn oder beim Verwandtenbesuch in einem Krankenhaus", sagt Larscheid. Nun ja, das sollte sie ja auch nicht können - aus Datenschutzgründen.

Kritischer ist, dass nach wie vor nicht alle Corona-Testlabors an das digitale System angeschlossen sind, das die App nutzt. Bei einem positiven Test müssen betroffene Nutzer daher eine Hotline anrufen und ihre Telefonnummer angeben. Datenschutz geht anders. Laut Telekom-Chef Timotheus Höttges sind inzwischen aber immerhin mehr als 90 Prozent der Labore angeschlossen, 15 hätten sich geweigert, eine entsprechende Schnittstelle zu installieren.

Nur die Hälfte warnt

Besonders problematisch ist, dass viele App-Nutzer keine Warnungen absetzen, nachdem sie positiv getestet wurden. Laut Gesundheitsminister Jens Spahn hätten bisher rund 5000 Infizierte positive Testergebnisse eingegeben. So seien über die App schon einige zigtausend Menschen über Risikokontakte informiert worden, sagt er. Es hätten aber viel mehr sein können. Denn Spahn muss einräumen, dass nur etwa die Hälfte der infizierten App-Nutzer die Anwendung auch für Warnungen genutzt hat.

Schließlich ist es auch fraglich, ob die App mögliche Risiko-Begegnungen richtig einschätzt. Die Zeit eines Kontakts wird ziemlich exakt gemessen, aber die Abstandsermittlung über Bluetooth ist sehr ungenau, da sie über den sogenannten Dämpfungswert ermittelt wird. Das heißt, das Bluetooth-Signal schwächt sich bei zunehmender Distanz ab, was die App in Meter umrechnet. Weil dies beispielsweise durch Hindernisse beeinflusst wird, registriert die App Begegnungen bis zu einer Entfernung von acht Metern.

Vielleicht funktioniert sie nicht, na und?

Es gibt also noch viele Fragezeichen hinter der Corona-Warn-App. Wie gut sie funktioniert, weiß man noch nicht, vielleicht wird ihre Nützlichkeit überschätzt. Na und? Warum sollte man sie deswegen nicht installieren? Alles, was man dafür opfert, sind möglicherweise ein paar Minuten Laufzeit. Das bemerkt man aber ebenso wenig wie die App selbst. Sie kostet nichts, ist sicher und respektiert den Datenschutz so weit wie möglich. Dafür erhält man eine Chance, seinen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten und selbst im Ernstfall früh genug informiert zu werden, um sich selbst und Mitmenschen schützen zu können.

Deutschland befindet sich mitten in einer Pandemie, in der vielleicht größten Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und da haben Millionen Nutzer Probleme mit einer kleinen App, die keinerlei Einschränkung bedeutet, aber möglicherweise einen großen Nutzen hat. Dieses seltsame Phänomen sagt viel über Deutschland aus: Das Misstrauen gegenüber den Behörden ist offenbar bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung sehr groß.

Dabei handelt es sich nicht bei allen App-Verweigerern um Verschwörungsgläubige, viele haben andere Gründe für die Ablehnung, beispielsweise Misstrauen gegenüber Apple und Google. Trotzdem ist es bedenklich. Denn die Akzeptanz der Corona-Warn-App zeigt mit Einschränkungen auch die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen allgemein an. Und das könnte sich in den kommenden Monaten als großes Problem erweisen. So sagt nicht nur Virologe Hendrik Streeck, bei der Bewältigung der Pandemie komme es vor allem jetzt darauf an, dass die Bevölkerung getroffene Maßnahmen akzeptiert. Da ist er sich wohl mit allen Kollegen einig.

Wie wichtig das sein kann, sieht man möglicherweise an Spanien und Frankreich, wo die Pandemie angesichts rasant steigender Neuinfektionen schon jetzt außer Kontrolle zu geraten droht. So sagte der Heidelberger Virologe Ralf Bartenschlager dem ZDF, dass diese Länder trotz ähnlicher Maßnahmen so viel schlechter als Deutschland dastehen, könne auch etwas damit zu tun haben, dass dort die Bereitschaft, sich an die Einschränkungen zu halten, deutlich geringer sei.

Im Zweifel pro App und Maßnahmen

Es könnte sein, er weiß es nicht. Ebenso wenig kann man wissen, wie nützlich die Corona-Warn-App in Deutschland bei möglicherweise stark steigenden Infektionszahlen werden kann. So ist das nun mal in einer Pandemie. Deshalb ist es wohl auch richtig, sich an das Mögliche durch vorsichtiges Ausprobieren heranzutasten. Aber die Erfahrung lehrt auch, keine unnötigen Risiken einzugehen und einmalige Chancen nicht leichtfertig zu vergeben.

Im Prinzip ist es eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung. Was kostet es mich, mich an die Regeln zu halten und die App zu installieren? Was bringt es mir, beides abzulehnen? Und was kostet es mich, falls ich mich nicht daran halte und die Sache schiefgeht? Wer genau darüber nachdenkt, wird feststellen, dass App und Regeln das weit kleinere Übel und Risiko darstellen als eine explodierende Pandemie mit all ihren möglichen Konsequenzen.

Quelle: ntv.de