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Da könnte noch mehr gehen Freiheit für Corona-arme Bundesländer?

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Mecklenburg-Vorpommern ist mit zuletzt durchschnittlich drei Neuinfektionen pro Tag vermutlich in der Lage, die Corona-Pandemie auch bei weitreichenden Lockerungen unter Kontrolle zu halten.

(Foto: imago images/Leo)

Während einige Bundesländer noch relativ hohe Infektionszahlen haben, melden andere so gut wie keine neuen Covid-19-Erkrankungen mehr. Setzt man ähnliche Maßstäbe wie für das gesamte Bundesgebiet an, könnte man dort die Einschränkungen auf das absolut Nötigste reduzieren.

Die täglichen Neuinfektionen sind in Deutschland in den vergangenen Wochen sehr stark zurückgegangen. Am 13. Mai betrug der durchschnittliche Zuwachs bundesweit rund 869 Fälle. Diese sind aber über die Bundesländer höchst unterschiedlich verteilt. So pendeln Bayern und Nordrhein-Westfalen um die 200 Neuinfektionen pro Tag, während Mecklenburg-Vorpommern oder das Saarland nur um die fünf Fälle meldeten. In Sachsen-Anhalt (8) oder Brandenburg (17) sieht es ähnlich gut aus, auch andere Bundesländer erreichen bei Weitem nicht die hohen Raten der großen Süd-Bundesländer.

Es scheint also durchaus gerechtfertigt zu sein, dass einige Landesregierungen schnellere und weitgehendere Lockerungen fordern, als sie bundesweit möglich wären. Als Vorbild könnte eine Studie dienen, die das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) und das Ifo-Institut gemeinsam erstellt haben. Wie auch Virologe Christian Drosten sagt, zeigt sie einen "goldenen Mittelweg" aus der Krise.

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Der goldene Mittelweg aus der Krise berücksichtigt wirtschaftliche Interessen und Gesundheitsschutz gleichermaßen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Wissenschaftler haben berechnet, welche Geschwindigkeit bei der Lockerung der Corona-Maßnahmen den geringsten wirtschaftlichen Schaden und gleichzeitig möglichst wenig Todesopfer zur Folge hätte. Dabei stellte sich heraus, dass ein behutsames, schrittweises Vorgehen der goldene Mittelweg ist, der beide Ziele miteinander vereint. Für die Studie gingen die Wissenschaftler davon aus, dass die Bundesregierung auf 300 Neuinfizierungen täglich kommen möchte, da unter diesen Bedingungen die Beschränkungen weitgehend gelockert werden könnten, ohne einen neuen Anstieg der Fallzahlen zu erzeugen.

Länder-Studien sollten folgen

Wenn dieser goldene Mittelweg in Deutschland eingeschlagen würde, kämen auf ihm die verschiedenen Bundesländer unterschiedlich schnell ans Ziel. Man müsste also möglicherweise nicht unbedingt warten, bis bundesweit die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf höchstens 300 gesunken ist, sondern über einen Schlüssel bestimmen, wann jedes einzelne Bundesland einen Wert erreicht hat, bei dem die Gesundheitsämter problemlos Ansteckungsketten zurückverfolgen und unterbrechen können.

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Um eine grobe Vorstellung zu gewinnen, in welchen Bereichen sich diese Werte bewegen würden, hat ntv.de die bundesweit vorgegebene Grenze von 300 Neuinfektionen über die Bevölkerungszahlen auf die einzelnen Länder umgerechnet. Für genauere Fall-Grenzen müssten in Studien noch weitere Parameter berücksichtigt werden, beispielsweise die Bevölkerungsdichte, die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Gesundheitswesens und die unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen. Außerdem braucht man Lösungen für Grenzregionen und "Notbremsen" beim Überschreiten der Vorgaben. Vor allem bei sehr niedrigen Zielwerten sollte man auch über Ausnahmen bei klar einzugrenzenden Hotspots nachdenken.

Vergleicht man die errechneten Vorgaben mit den durchschnittlichen Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage (Stand: 15. Mai), sieht man, dass einige Länder eigentlich schon am Ziel oder auf den letzten Metern dorthin sind, während andere noch ein ganzes Stück hinterherhinken. Mecklenburg-Vorpommern erfüllt beispielsweise mit drei Neuinfektionen die Vorgabe von höchstens sechs Fällen schon deutlich. Auch Sachsen-Anhalt liegt mit durchschnittlich sieben gemeldeten Ansteckungen pro Tag noch knapp unter dem Grenzwert. Das Saarland (+1) und Hamburg (+2) haben die Ziellinie schon fast erreicht.

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Einen noch relativ weiten Weg muss dagegen Nordrhein-Westfalen zurücklegen, das mit durchschnittlich 213 Neuinfektionen 148 Falle mehr als erlaubt hat und fast schon alleine die bundesweite Messlatte reißt. Auch Bayern (184/47) und Baden-Württemberg (134/40) überschreiten die Vorgaben noch sehr stark und sind gemeinsam für mehr als 300 neue Fälle täglich verantwortlich.

Die von ntv.de ermittelten Zielwerte zeigen nur ungefähr, wann die Infektionszahlen es in welchem Bundesland rechtfertigen könnten, die Corona-Maßnahmen auf ein Minimum zu senken (Abstandsregeln, Maskenpflicht). Aber man sieht auch so schon, dass es eigentlich keinen Grund dafür gibt, dass Mecklenburg-Vorpommern mit weitgehenden Lockerungen auf Nordrhein-Westfalen oder Bayern warten sollte. Und länderspezifische Vorgaben wären sicher zielführender als die aktuell bundesweit geltende Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Quelle: ntv.de