Panorama

Joachim Gauck bei "Maischberger" "Freiheitsverständnis, das andere beschädigt"

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Eine Gesellschaft lebe von Kontroversen, sagt der ehemalige Bundespräsident Gauck.

(Foto: WDR)

Der ehemalige Bundespräsident Gauck ist für eine Impfpflicht - wenn auch als letztes Mittel. Gleichzeitig mahnt er bei "Maischberger", weiter mit Ungeimpften zu diskutieren, "wenn diese gesprächsfähig sind". Bei einem Thema hört seine Toleranz jedoch entschieden auf.

Er war einer der bekanntesten Bürgerrechtler der DDR: Joachim Gauck. Der Pastor war führendes Mitglied der Bürgerrechtsbewegung "Neues Forum" in Rostock. Die letzte Volkskammer der DDR, der er als Abgeordneter angehörte, wählte ihn zum Vorsitzenden eines Sonderausschusses, der die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit kontrollierte. Im geeinten Deutschland war er zehn Jahre lang Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Das dafür zuständige Amt wurde inoffiziell nach ihm benannt: Gauck-Behörde. 2012 wurde Gauck nicht zuletzt wegen seiner Arbeit mit großer Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt, ein Amt, das er fünf Jahre lang ausübte.

Der 81-Jährige setzte sich immer wieder für Toleranz gegenüber Andersdenkenden ein, auch gegenüber Querdenkern. "Wir können nicht alle ausgrenzen, die mit der Corona-Politik unzufrieden sind", hatte er im Mai dem "Tagesspiegel" gesagt. Von Toleranz sind auch seine Aussagen bei Maischberger in der ARD getragen, wo er am Mittwochabend zu Gast war. Gauck, dem man sein Alter nicht anmerkt, will diskutieren, auch und vor allem mit Andersdenkenden.

Die aktuelle Corona-Krise habe starke Spaltungstendenzen, sagt Gauck. Er sei sich nicht sicher, ob dies die größte Krise dieses Landes sei, erklärt er und erinnert an den Terrorismus, dem die Bundesrepublik in den 1970er Jahren durch die RAF ausgesetzt war. Damals sei die Gesellschaft tief gespalten gewesen. Und heute? "Es gibt eine große Wut gegen die Menschen, die tun, als wäre es völlig egal, ob man sich impfen lässt oder nicht." Aktuell gebe es bei uns eine Spaltung, weil mit einem großen Teil der Gesellschaft schlecht umgegangen werde. Hätten wir eine Impfpflicht, wäre die Gesellschaft auch gespalten. Aber diese Spaltung wäre gut und nützlich, so der ehemalige Bundespräsident.

"Diskutieren, wenn die gesprächsfähig sind"

Die Impfpflicht ist für Gauck jedoch die letzte aller möglichen Lösungen. Man müsse vor allem mit den Menschen reden, wenn sie gesprächsfähig seien. "Es braucht für ein Gespräch eine gewisse Offenheit", erklärt Gauck. Es gebe nicht nur "wahnhaft besetzte Menschen", die mit kruden Verschwörungsstrategien gegen die Regierung arbeiteten, sondern auch Intellektuelle, die meinten, sie müssten um der Freiheit willen dagegen sein. "Mit denen müssen wir reden, und wir können auch gut mit ihnen streiten."

Verständnis hat Gauck für Geimpfte, die auf Ungeimpfte wütend sind, "weil sie ein Freiheitsverständnis haben, das andere beschädigt. Da müssen wir genau hinschauen." Dringend warnte Gauck vor Intoleranz gegenüber der Meinung von Ungeimpften. Unsere Verfassung garantiere Meinungsfreiheit, auch für Menschen, die egoman seien und völlig auf sich konzentriert. Auch das müsse man tolerieren. Aber man müsse es nicht mögen.

Doch auch Toleranz hat für Gauck grenzen, zum Beispiel, wenn Demonstranten einen gelben Stern mit der Aufschrift "Ungeimpft" tragen. "Meine Toleranz ist überschritten, wenn man ein Signal für die tiefste Unmenschlichkeit, die wir erlebt haben, für eine tagespolitische Auseinandersetzung nutzt. So etwas ist unmenschlich und unwürdig."

"Der größere Teil der Ostdeutschen ist angekommen"

Warum es nach Gaucks Ansicht so viele Impfgegner in Ostdeutschland gebe, will die Moderatorin wissen. Es gebe einen Teil vor allem der älteren Menschen in den ostdeutschen Bundesländern, dem die Erfahrung von 70 Jahren Zivilgesellschaft, freier Medien und freien Ausprobierens der eigenen Verantwortung fehle. Sie hätten ein formiertes Leben geführt, mit Schwarz-Weiß-Auseinandersetzungen gegen "die da oben", ohne Wahrheitsfindung im Diskurs.

"Dieses formierte Leben gräbt sich tief in die Seelen ein. Das spürt man bei einem kleineren Teil der ostdeutschen Gesellschaft. Der größere Teil ist ja angekommen." Einige Ostdeutsche fremdelten noch immer mit der Vielfalt der Demokratie und dem Wandel der Gesellschaft, sagt Gauck. Es gebe in Ostdeutschland sehr viel mehr Menschen als im Westen, die mit dem System noch nicht vertraut seien. "Deshalb reagieren sie sehr schnell auf die Signale von Populisten."

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Viel hänge im Kampf gegen die Corona-Krise jetzt von der neuen Regierung ab und von einem wirksamen, neuen Programm, sagt Gauck. "Wir brauchen ein entschlossenes Handeln. Dann gewinnen wir auch wieder mehr Vertrauen in die Politik."

Zum Schluss hat Gauck noch einen Rat für die neue Regierung. Eine Gesellschaft lebe von Kontroversen, sagt er. "Nur wenn es nicht genug Kontroversen gibt, ist die Gesellschaft krank." Kontroversen könne es auch in einer Koalition geben. "Nur irgendwann muss man wissen, wo der Hammer hängt." Und in dieser Beziehung hat Gauck viel Vertrauen in den neuen Bundeskanzler: "Ich bin der Ansicht, dass von Scholz noch einiges zu erwarten ist."

Quelle: ntv.de

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