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Ulrichs im ntv-Interview "Geimpfte so behandeln, als wären sie aus dem Spiel"

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Vollständig Geimpften sollten möglichst schnell eingeschränkte Rechte zurückgegeben werden, meint Epidemiologe Ulrichs.

(Foto: dpa)

Dass sich vollständig Geimpfte bundesweit bald auf Lockerungen freuen können, gilt als ausgemacht. Epidemiologe Timo Ulrichs hält das auch für nötig. Im Interview mit ntv erklärt er, wie hoch das Restrisiko für die Betroffenen ist, und ob es beim Infektionsgeschehen inzwischen eine Trendwende gibt.

ntv: Die Diskussion, welche Rechte und Freiheiten Geimpfte zurückbekommen sollen, ist in vollem Gange. Es gibt dort auch einen Vorschlag der Justizministerin, wonach Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren für Geimpfte aufgehoben werden sollen. Ist das aus epidemiologischer Sicht richtig?

Timo Ulrichs: Ja, auf jeden Fall sollten die Geimpften im Prinzip behandelt werden, als wären sie aus dem Spiel. Das heißt, sie sind dann nicht mehr empfänglich für das Virus und können es - nach allem, was wir wissen - auch nicht weitergeben. Das bedeutet, sie müssen nicht mehr so behandelt werden, als bestünde noch eine Gefahr für die Umgebung. Und deswegen könnten dann alle eingeschränkten Rechte zurückgegeben werden. Das ist ganz wichtig und sollte jetzt auch zügig gemacht werden. Dann spart man auch viele Ressourcen. Zum Beispiel beim Testen.

Wie sieht das denn praktisch aus? Ein Polizist kann nicht unterscheiden, ob jemand geimpft ist oder nicht, wenn er den nachts auf der Straße trifft.

Das ist richtig. Rein für die praktische Handhabung wäre es nach wie vor gut, wenn also alle diese Dinge, die wir jetzt als Einschränkungen haben - Abstand halten, Maske tragen und so weiter - im öffentlichen Raum, beispielsweise auch im öffentlichen Nahverkehr, aufrechterhalten würden. Denn das sollte für alle gleich gelten, damit das Bild auch konsistent ist und alle Regeln auch von allen eingehalten werden können. Aber bei Öffnungen, die wir hoffentlich bald wieder diskutieren können und auch bei dem Wiederzulassen, dass man einander auch in Innenräumen treffen kann, beispielsweise in Alten- und Pflegeheimen, da sollten die Geimpften diese Rechte wieder zurückbekommen.

Also, dass man weiter Maske trägt und Abstand hält, zum Beispiel in Bussen und Bahnen, ist nur dem Umstand geschuldet, dass es so sonst nicht zu kontrollieren ist? Ich frage das deshalb, weil der Virologe Martin Stürmer gesagt hat, er hält das für keine gute Idee, denn es gibt nach wie vor ein Restrisiko.

Das stimmt. Es gibt ein Restrisiko, aber das ist so verschwindend klein gegenüber den Ungeimpften und auch möglicherweise den negativ Getesteten. Das ist, wie gesagt, nur eine Momentaufnahme. Dass man dann sagen kann, das kann man riskieren, dass man die Geimpften einander treffen lässt und so weiter, das ist also durchaus vertretbar.

Stichwort Urlaub: Viele Familien würden gerne im Sommer in den Urlaub fahren. Ist das praktisch dann möglich, wenn in einer Familie Geimpfte sind?

Man muss erstmal sehen, wie das Ganze europaweit gehandhabt wird. Also im Hinblick auf den Impf-Ausweis. Aber basierend auf diesem Status - vollständig geimpft -, könnten alle diese Personen im Prinzip auch reisen. Nur muss man auch schauen, ob da ungeimpfte Familienmitglieder dabei sind. Das ist dann nicht so ohne weiteres möglich. Aber wir sprechen nur über einen relativ begrenzten Zeitraum des Übergangs. Wenn wir mit dem Impfen jetzt so schnell weitermachen können wie bisher, oder vielleicht noch schneller, dann ist dieser Übergangszeitraum auch relativ kurz.

Es gibt also nicht die Möglichkeit, dass beispielsweise die Kinder dann getestet werden, wenn die Eltern schon geimpft sind?

Das muss man dann den Ländern überlassen, die Urlaubsländer sind und diese Menschen empfangen, wie die das handhaben wollen. Letztendlich ist es aber so, dass die Kategorien ganz klar sind. Die Geimpften, die sind im Prinzip nicht mehr in diesem ganzen System drin, die sind draußen. Die negativ Getesteten, die sind noch empfänglich für das Virus und könnten es sogar haben, während sie negativ getestet sind. Das sind noch Unsicherheiten, die viel größer als bei den Geimpften sind. Und deshalb sollte man da nochmal unterscheiden.

Wenn Sie jetzt sagen "viel größer": Wie groß ist denn das Restrisiko bei Geimpften im Vergleich zu denen, die negativ schnellgetestet sind?

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Die Impfstoffe wirken nicht zu 100 Prozent sagt, Timo Ulrichs.

Ein Impfstoff, egal welcher, ob mRNA oder vektorbasiert, wirkt nicht zu 100 Prozent. Und wir sehen auch schon bei einigen Geimpften, dass da sogenannte Impfdurchbrüche vorkommen können. Das sehen wir bei besonders alten Menschen, wo quasi das Immunsystem schon ein bisschen nachlässt in der Kraft, eine Antwort gegen das Virus aufzubauen. Das ist aber völlig klar, dass sowas vorkommen kann. Aber dann hat man immerhin noch einen teilweisen Schutz und man könnte möglicherweise infiziert sein. Wir kennen aber auch Berichte aus Altenheimen, wo das vorgekommen ist - auch schon nach der ersten Impfung. Diese Personen haben immerhin noch einen Schutz vor der Covid-19-Erkrankung. Das ist auch schon mal was. Das heißt also, das sollte man auf jeden Fall mit einkalkulieren. Aber trotzdem ist über alle, die geimpft sind, zu sagen: Es gibt den Schutz, und es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass das Virus weitergegeben wird.

Die Impfpriorisierung jetzt aufheben oder beibehalten: Was ist aus Ihrer Sicht besser?

Wir sollten auf jeden Fall nach dem Impfplan, nach dieser Priorisierung, weitermachen. Jetzt kommt die dritte Gruppe dran, und das ist alles auch ganz richtig. Aber wir werden auch bald in die Lage kommen, darüber hinaus so viele Impfdosen zur Verfügung zu haben, dass wir das Ganze aufmachen können. Das heißt, dass im entsprechenden Zeitraum und in der Frequenz weiter geimpft wird, und das sogar gesteigert, und immer noch genug da ist, um weitere Gruppen zu impfen. Und ich würde dafür plädieren, dass dann auch die Kinder und Jugendlichen schnell drankommen. Denn wir sprechen immer darüber, dass Schulen und Kitas zuerst wieder aufgemacht, beziehungsweise vor Ausbrüchen geschützt werden sollen, auch durch die ganzen flankierenden Maßnahmen davor, um den Schulbetrieb wieder zu ermöglichen. Und deswegen sollte man dieses Instrument möglichst schnell einsetzen, sobald die Freigabe für Impfstoffe für jüngere Altersgruppen da ist.

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Die Infektionszahlen steigen nicht mehr, sie gehen sogar leicht zurück. Täuscht das oder kann das sogar eine Trendwende sein?

Das könnte durchaus die Trendwende sein, vielleicht so ähnlich wie kurz vor der Wirkweise des ersten Lockdowns. Dort haben wir vor etwa einem Jahr auch schon gesehen, dass durch geringere Kontaktzahlen und geringere Mobilität in der Bevölkerung diese Trends vorkamen. Jetzt wäre das auch so, vielleicht geschuldet durch die äußeren Umstände, dass wir jetzt in den Frühling reingehen und man sich doch eher draußen aufhalten kann. Das alles und viele andere Faktoren spielen eine Rolle. Und auch, das darf man nicht vergessen, die äußeren Umstände durch den Lockdown, also auch die Ausgangssperren und alles, was damit verbunden ist in der Kombination. Das wirkt eben. Wir müssen jetzt sehen, dass auch diese Effekte möglichst schnell zu einem starken Rückgang der Neuinfizierten-Zahlen führen. Wenn wir da runterkommen, dann haben wir auch ein geringes Risiko, dass wir bis zur Erreichung der Durchimpfung noch so viele Opfer sehen werden. Das ist auch völlig unnötig.

Wissenschaftlerkollegen von Ihnen sagen, sie rechnen bis zum Sommer mit einer Inzidenz von 50. Ist das realistisch?

Ja, vielleicht sogar darunter. Ähnlich, wie wir es im letzten Sommer schon hatten. Dann haben wir mit dem Durchimpfen auch die Chance, dass wir nicht wieder hochgehen werden, weil das Virus keine Gelegenheit mehr hat, noch an Personen weitergegeben zu werden, die noch keinen Impfschutz haben.

Mit Timo Ulrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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