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Stillstand bei Infektionszahlen "Herr Apweiler, kommt jetzt die dritte Welle?"

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Rolf Apweiler ist Co-Direktor am EMBL's European Bioinformatics Institute (EMBL-EBI) im britischen Hinxton.

(Foto: EBI)

Seit wenigen Tagen sinken die Infektionszahlen nicht mehr, sondern stagnieren. Bioinformatiker und Regierungsberater Rolf Apweiler hat für Ende Februar eine Trendwende errechnet. Im Interview mit ntv.de erklärt er, warum die Zahlen wahrscheinlich wieder steigen werden.

ntv.de: Herr Apweiler, Sie haben berechnet, dass die Infektionszahlen ab Ende Februar wieder ansteigen werden. Im Moment sehen wir eine Stagnation bei den täglich gemeldeten neuen Fällen. Ist das schon ein erster Hinweis auf die befürchtete dritte Welle?

Rolf Apweiler: Das frage ich mich auch. Wir wissen, dass der jetzige Lockdown funktioniert. Die Inzidenzen sind regelmäßig runtergegangen - und zwar pro Woche immer so um die 20 Prozent. Das war auch in der letzten Woche noch so. Seit ein paar Tagen sieht es nun etwas anders aus. Das ist aber noch zu wenig, um zu spekulieren. Was wir auch wissen, ist, dass der Anteil von B.1.1.7 und der südafrikanischen Variante hochgeht. Was wir nicht wissen, ist, wie schnell.

Jens Spahn hat inzwischen erklärt, dass der Anteil der Mutation B.1.1.7 deutschlandweit inzwischen 20 Prozent ausmacht.

Wenn das so ist, dann bilden diese Zahlen das Geschehen von vor zwei Wochen ab. Das würde bedeuten, dass der Anteil der Mutation am Infektionsgeschehen um 50 Prozent pro Woche steigt. Entscheidend ist die Frage, wann sich die beiden Linien überkreuzen - also wann der Anstieg der B.1.1.7-Mutation die Inzidenzen aller anderen Varianten übersteigt. Das scheint in den nächsten zwei Wochen zu passieren.

Wird der aktuelle Lockdown dann noch ausreichen, um die Zahlen weiter zu senken?

Ich fürchte, dass das nicht klappen wird. Aber Sie glauben gar nicht, wie gern ich Unrecht hätte.

Deutschland könnte Ihren Berechnungen zufolge schon Ende März bei einer Inzidenz von 400 liegen. Wie kommen Sie darauf? Wir sind doch schon im Lockdown …

Die Berechnung basiert darauf, dass das Wachstum von B.1.1.7 bei einer wöchentlichen Zunahme von 50 bis 70 Prozent liegt - wobei 70 Prozent das Worst-Case-Szenario wäre. Das ist eine recht grobe Berechnung auf Grundlage der leider nicht ausreichenden Basisdaten. Wenn der Anteil der B.1.1.7-Variante also letzte Woche bei über 20 Prozent lag, dann heißt das, dass sich das Wachstum tatsächlich um mehr als 50 Prozent pro Woche erhöht. Wir liegen demnach jetzt, diese Woche, bei einer B.1.1.7-7-Tage Inzidenz von 18 bis 20 und einer Gesamtinzidenz von 57. Wenn man das weiter berechnet mit einem Wachstum von B.1.1.7 von 50 Prozent pro Woche, wären wir in vier Wochen bei einer B.1.1.7-Inzidenz von 90 und in sechs Wochen bei 200. Die anderen Varianten spielen dann wahrscheinlich kaum noch eine Rolle. Entsprechend höher läge die Inzidenz, wenn das Wachstum 70 Prozent betragen würde. Das wäre, wie gesagt, der schlimmste Fall, den ich durchgespielt hatte, und danach sieht es zum Glück nicht mehr aus. Die entscheidende Frage für die nächsten Wochen ist, wie gut der Lockdown klappt und ob sich die Menschen weiter gut an Abstandsregeln, Mobilitätsbeschränkungen und dergleichen halten.

Noch härtere Maßnahmen als jetzt sind auch nur schwer vorstellbar. Was soll da noch kommen?

Wenn Sie sich andere Länder anschauen, ist da schon noch einiges möglich. In Deutschland gibt es nach wie vor keine richtige Mobilitätsbegrenzung - anders als in Großbritannien. Da durfte man nur mit triftigem Grund vor die Tür, zum Beispiel um zur Arbeit zu kommen oder einkaufen zu gehen. Ansonsten musste man aber zu Hause bleiben und durfte sich auch mit niemandem treffen. In Italien und Spanien war es während der ersten Welle ähnlich. Da waren die Lockdowns auch wesentlich härter.

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Können wir vor diesem Hintergrund die angepeilte 7-Tages-Inzidenz von 35 bundesweit überhaupt erreichen?

Wenn meine Annahmen wirklich so zutreffen, dann sind wir weit davon entfernt. Die Frage ist aber auch, was die Gesundheitsämter sagen. Können sie die Infektionsketten schnell genug unterbrechen? Wenn sie das bejahen, dann hat der Lockdown funktioniert. Aber da gibt es eben regionale Unterschiede. Deshalb muss sich das Land entscheiden: Macht es dieselben Maßnahmen überall oder gibt es nur regionale Verschärfungen? Dort, wo die Gesundheitsämter schnell genug reagieren können, muss man vielleicht nicht noch einmal verschärfen. Nur in Regionen, wo der Trend eindeutig nach oben geht oder wo die Infektionszahlen sowieso hoch sind, muss man stärker einwirken.

Damit tun sich Bundesregierung und Länder ja im Moment eher schwer ...

Letztendlich ist das aber eine politische Entscheidung: Sagen wir, wir leiden alle gemeinsam noch ein bisschen länger oder schränken wir die Verschärfungen auf besonders betroffene Gegenden ein? Persönlich fände ich es viel besser, wenn man das lokal regeln könnte. Aber ich weiß nicht, ob die Länder in der Lage sind, das so kleinteilig zu organisieren. Am Ende sorgt es vielleicht nur für mehr Verwirrung.

Sie kritisieren, dass die Datenlage zur Ausbreitung der Mutationen in Deutschland im Moment recht dünn ist. Warum?

Das ist nicht allein ein deutsches Problem, sondern auch ein europäisches. Gestern hat Ursula von der Leyen ein Programm angekündigt, das helfen soll, mehr Varianten aufzuspüren. Europaweit muss mehr sequenziert werden, und der Datenaustausch muss wesentlich schneller gehen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens müssen wir über neue Varianten schnell Bescheid wissen, um künftige Impfstoffe zu adaptieren. Auch Grippeimpfstoffe werden ja jedes Jahr neu hergestellt. Zweitens wäre es gut, wenn wir Nester von Infizierten mit potenziell gefährlicheren Varianten schnell finden würden, um dann die Infektionsketten auf lokaler Ebene durch die Gesundheitsämter unterbrechen zu können. Dazu müssen die Zahlen aber auch dauerhaft niedrig sein.

Dauerhaft niedrig - heißt das, dass wir aus dem Lockdown gar nicht mehr rauskommen?

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Wichtig ist, dass die Kette - Testen, Kontaktieren, Nachverfolgen, Isolieren, Überwachen - wieder funktioniert. Die Länder müssen die Kreisgesundheitsämter so ausstatten, dass sie mit einer bestimmten Inzidenz, aber auch mit schnellen Anstiegen eine Zeit lang zurechtkommen. Im Frühjahr, als es die großen Ausbrüche bei Tönnies und anderswo gab, haben die Ämter das ja auch hingekriegt. Das muss man wieder flächendeckend erreichen. Dann bin ich optimistisch.

Können wir denn noch verhindern, dass B.1.1.7 auch in Deutschland die Überhand gewinnt?

Das glaube ich schon. Wenn wir rechtzeitig gegensteuern, um die Kontakte zu minimieren, dann haben wir noch eine Chance. Aber vielleicht bin ich auch nur ein hoffnungsloser rheinländischer Optimist.

Mit Rolf Apweiler sprach Judith Görs

Quelle: ntv.de