Politik

Verborgene neue Welle Härterer Lockdown könnte unvermeidbar sein

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Geschlossene Geschäfte bis Ostern? Dieses Szenario ist durchaus möglich.

(Foto: picture alliance / Jochen Tack)

Während Bund und Länder über Öffnungspläne diskutieren, schlagen Experten Alarm: Unter dem Radar breite sich die Mutation B.1.1.7 so schnell aus, dass die Infektionszahlen Ende Februar wieder ansteigen könnten - trotz des Lockdowns. Erste Anzeichen sprechen dafür.

Auf den ersten Blick sieht alles ganz gut aus: Die 7-Tage-Inzidenz liegt erstmals seit Monaten wieder unter 75 pro 100.000 Einwohner, die Zahl der Intensivpatienten unterschreitet die 4000er-Marke - auch die Zahl der Corona-Toten geht endlich zurück. Wen wundert es da, dass die Rufe nach ersten Lockerungen der rigiden Maßnahmen lauter werden? Kurz vor dem Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch macht nicht nur der Einzelhandel Druck. Auch Elternverbände fordern eine klare Perspektive für die langsame Öffnung von Schulen und Kitas. Doch die Signale aus den Ländern sind eher zurückhaltend. Eine Verlängerung des Lockdowns bis Ende Februar wird immer wahrscheinlicher - denn Prognosen legen nahe, dass die Fallzahlen bis dahin wieder steigen könnten. Trotz des Lockdowns.

Der Grund ist B.1.1.7 - die Virusmutation, die erstmals in Großbritannien nachgewiesen wurde, und seit Ende 2020 auch in Deutschland grassiert. Sie ist bis zu 50 Prozent ansteckender als die ursprüngliche Virusvariante. Das ist bekannt. Nicht bekannt ist, wie schnell sie sich in Deutschland ausbreitet. Denn bisher werden nur wenige Positivproben auf das zugrundeliegende Genom hin ausgewertet. Das ist ein großes Problem, kritisiert der Bioinformatiker und Regierungsberater Rolf Apweiler vom European Bioinformatics Institute (EMBL-EBI) in Cambridge. In Deutschland, aber auch in Europa, müsse mehr sequenziert werden, "um nicht noch Jahre blind unterwegs zu sein", fordert er. Das jetzige Konzept zur Sequenzierung und Überwachung des Virus sei schlicht nicht ausreichend.

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Tatsächlich liegen dem Robert-Koch-Institut (RKI) laut Apweiler bisher nur Daten von 4767 ausgewerteten Proben vor. Die sehr dünne Datenlage macht es schwer, verlässliche Prognosen über die Ausbreitung der B.1.1.7-Variante zu treffen. Apweiler hat es trotzdem versucht. Seine Berechnungen, die auch Bund und Ländern vorliegen, decken sich weitgehend mit denen, die an der London School of Hygiene and Tropical Medicine mit Daten aus Großbritannien angestellt wurden, und aus der auch die "Süddeutsche Zeitung" jüngst zitierte. Apweiler geht anhand der vorliegenden Daten davon aus, dass die Zahl der Infektionen mit Corona-Mutanten - also nicht nur der britischen, sondern auch der südafrikanischen und der brasilianischen Variante - zum Jahreswechsel innerhalb von nur drei Wochen um 77 Prozent gestiegen ist.

Trendwende ab Ende Februar?

Auf Grundlage dieser Wachstumsrate könne der Anteil der B.1.1.7-Fälle an den Gesamtinfektionen ihm zufolge schon jetzt bei 20 (im besten Fall) oder bei maximal 50 Prozent (im schlimmsten Fall) liegen. "Bei den jetzigen Lockdown-Maßnahmen und ihrer Durchsetzung würden wir ab etwa Ende Februar ein Wachstum der Inzidenz von 30 bis 70 Prozent pro Woche erwarten können und damit Ende März bei Inzidenzen von über 400 liegen", schlussfolgert Apweiler. Soll heißen: Der aktuelle Lockdown würde nicht mehr ausreichen, um die Fallzahlen weiter zu senken und B.1.1.7 einzudämmen. Es bräuchte neuerliche Verschärfungen. Doch die sind den von Einschränkungen genervten Deutschen nur noch schwer zu vermitteln. Schließlich sinken die Zahlen aktuell noch.

Statt über noch striktere Maßnahmen zu debattieren, überbieten sich einzelne Länderchefs im Vorfeld der Beratungen deshalb mit eigenen Vorschlägen für mögliche Öffnungsszenarien - und plädieren gleichzeitig für den verlängerten Lockdown bis Ende Februar, wie ihn die Kanzlerin Medienberichten zufolge fordert. Auch ein erster Beschlussentwurf sieht keinerlei Änderungen am geltenden Lockdown vor. Die Hoffnung ist offenbar, bis Ende des Monats besser einschätzen zu können, ob das Worst-Case-Szenario tatsächlich eintritt. Und erst dann zu handeln. SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach warnt jedoch eindringlich davor, bis dahin untätig zu bleiben. "Die politisch schlechteste Lösung wäre: Warten, bis die dritte Welle beginnt, weil dann die Bevölkerung reif für die schlechte Nachricht wäre", so Lauterbach auf Twitter. "Das wäre falsch." Die verlorene Zeit sei "nicht einholbar". Es bliebe nur der Lockdown bis Ostern.

Ruf nach härteren Maßnahmen

Schon im Januar hatte Lauterbach gewarnt, dass die Zielmarke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen wegen der Ausbreitung von B.1.1.7 kaum zu erreichen und schon gar nicht über längere Zeit zu halten sei. Nur durch strengere Maßnahmen sei der Mutante beizukommen - etwa mit einer generellen Homeoffice-Pflicht, nächtlichen Ausgangssperren oder Besetzungsobergrenzen im ÖPNV. "Ich sehe die Gefahr, dass wir jetzt die einmalige Gelegenheit verpassen, B.1.1.7 in Deutschland zu verhindern", so Lauterbach damals. "Wenn wir im März ein exponentielles Wachstum hätten, würden die gleichen Maßnahmen auch nötig, nur mit sehr viel weniger Wirkung." Mittlerweile gibt es erste Hinweise, dass er recht hat.

In Hannover ergab eine aktuelle Stichprobe positiver Corona-Tests, dass 32 von 74 Fällen auf die Virus-Variante B.1.1.7 zurückgehen - also rund 43 Prozent. Die Stadt gehe von einem "deutlich im zweistelligen Prozentbereich liegenden Anteil der Mutationen aus", hieß es. In Köln wird seit dem 21. Januar sogar jede einzelne Positivprobe sequenziert. Dort machten die Mutanten vergangene Woche laut Schätzungen des "Deutschen Ärzteblatts" acht Prozent aus. Aber auch an den Fallzahlen lässt sich der Einfluss der Virus-Mutationen allmählich ablesen. Im Schnitt der letzten sieben Tage gehen die Zahlen nicht mehr ganz so schnell nach unten. Ein weiteres Indiz dafür, dass der Abwärtstrend langsam abflaut - womöglich auch, weil die Mutanten an Bedeutung gewinnen.

Quelle: ntv.de