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Juwelendiebstahl in Dresden "Die Schmuckstücke wird kein Mensch kaufen"

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Ein Bild aus der Überwachungskamera zeigt, wie einer der Täter die Vitrine zerstört.

(Foto: picture alliance/dpa)

Am Montagmorgen brechen Juwelendiebe durch ein Fenster in das Grüne Gewölbe in Dresden ein. In nur wenigen Minuten stehlen sie aus einer Vitrine Schmuckstücke von unschätzbarem Wert. Auf dem freien Markt können die aber nicht angeboten werden, sagt Dieter Hahn, Inhaber der ältesten Diamantschleiferei Deutschlands und Aufsichtsratsvorsitzender der Stiftung Deutsches Edelsteinmuseum. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt er außerdem, warum die Steine einzeln nicht sonderlich viel wert sind und woran Händler erkennen, ob Diamanten gestohlen sind.

n-tv.de: Dirk Syndram, der Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden, sagt, die Beute ist für die Diebe unverkäuflich. Seine Begründung ist, dass die Diamanten in den Schmuckstücken nicht herausgebrochen und verkauft werden können, weil dadurch der historische Wert verloren gehen würde. Teilen Sie diese Ansicht?

Dieter Hahn: Diese Schmuckstücke sind ein unendlicher kulturhistorischer Verlust, die wird kein Mensch aufkaufen. Die sind jetzt weltweit bekannt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemand da rantraut. Es sei denn, er legt sie sich zu Hause in den Keller.

Das heißt, die Diamanten in den Schmuckstücken sind gar nicht so wertvoll?

Der kulturhistorische Wert ist um ein Vielfaches höher. Wenn sie das Material der Steine einzeln schätzen, ist das wesentlich weniger.

Lässt sich beziffern, wie viel die Steine wert sind?

Nein, bei den einzelnen Steinen liegt keine Graduierung vor, also keine Untersuchung. Das Gewicht der größeren Steine ist festgehalten, aber ansonsten fehlen die heutigen Kriterien. Wir haben seit den 90er Jahren hinsichtlich der Farbe und der Reinheit ein exaktes System, wie man Diamanten graduiert und den Wert bestimmt. Das ist bei diesen Steinen nie passiert.

Wonach richtet sich der Wert von Edelsteinen? Gewicht, Farbe und Reinheit haben Sie gerade schon genannt.

Wenn wir nur von Diamanten reden, haben wir vier Bewertungskriterien, das System der vier C: Carat, Color, Clarity und Cut. Also, Gewicht, Farbe, Reinheit und Schliff. Nach diesen vier Kriterien würden die gestohlenen Steine nicht sehr hoch bewertet, weil sie mit alten Mitteln geschliffen wurden. Heute gibt es modernere Hilfsmittel, damit kann man einen Diamanten exakt so schleifen, dass er die volle Lichtbrechung erreicht. Aber dazu müssen die Steine nach genau vorgegebenen Proportionen, sprich Winkeln, geschliffen werden. Für eine höhere Bewertung müssten die gestohlenen Steine umgeschliffen werden.

Wäre das grundsätzlich möglich?

Bei den kleineren Steinen sehe ich keine Schwierigkeiten, dass das jemand fertig bringt. An die größeren Steine wird sich kaum einer herantrauen, daran verbrennt man sich die Finger. Wobei, schwarze Schafe kann man nie ausschließen.

Was ist die Gefahr bei den größeren Steinen?

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Zum Diebesgut gehört unter anderem dieser Degen aus dem Diamantrose-Set.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wenn uns heute so ein Stein vorgelegt würde, würden wir sofort die Polizei rufen und sagen: Hier ist ein Stein aus dem gestohlenen Schmuckstück. Von Aufnahmen kennen wir die Form der Steine. Die sind nicht so exakt rund wie heutige. Wir haben außerdem das Gewicht und die Farbe.

Sind Diamanten in irgendeiner Art gekennzeichnet, um sie identifizieren zu können?

Die größeren Steine heute haben alle eine Expertise, praktisch eine Geburtsurkunde, in der alle relevanten Bewertungen festhalten sind: Farbe, Reinheit, Schliff, Größe und Einschlüsse. Die Expertise ist ein Test, bei dem die Steine ganz genau untersucht werden. Deshalb ist es gerade bei großen Steinen unmöglich, sie exakt zu klonen: Es steckt sehr viel Handarbeit in geschliffenen Diamanten. Irgendwo wird ein Hundertstel oder ein Zehntel im Winkel oder in der Facettengröße unterschiedlich sein.

Diese Expertisen haben außerdem eine Registriernummer und diese ist bei den Steinen ganz zart in die Rundiste (der Bereich des Diamanten mit dem größten Durchmesser, d. Red.) eingelasert. Wobei das kein endgültiges Hindernis ist, diese Lasergravur kann man ganz leicht wegpolieren als Schleifer. Man verliert fast kein Gewicht, kann aber eine andere Nummer reinschreiben. Aber grundsätzlich kann man ganz leicht die Werte eines Steins mit der Expertise vergleichen und feststellen: Das ist exakt dieser Stein.

Das heißt, gestohlene Diamanten sind auf dem freien Markt eigentlich nicht zu verkaufen?

Auf dem seriösen freien Markt sicherlich nicht. Wir haben einen Weltverband der Diamantbörsen. Wenn solche Steine gestohlen werden, gehen sofort die Nachrichten an alle Börsen dieser Welt raus und die geben das wiederum an ihre Mitglieder weiter. Das ist praktisch ein Rundruf. Dann kann jeder bei wertvollen Steinen mit sieben, acht oder zehn Karat und größer schauen, ob der Stein in New York, in Shanghai oder woanders gesucht wird, und feststellen: Der ist gestohlen.

Welche Möglichkeit bleibt für Diebe und Räuber dann, gestohlene Diamanten zu Geld zu machen?

Die einzige Möglichkeit, um aus gestohlenen Steinen Profit zu ziehen, ist, indem man sie nachschleift. Dann verlieren sie zwar an Gewicht, sind aber nicht mehr identisch mit den Abmessungen, die der Stein am Anfang hatte. Genauso müsste man es auch bei den Diamanten aus dem Grünen Gewölbe machen: Rausbrechen und umschleifen, dann könnte man sie verkaufen. 

Fällt so ein überraschendes Angebot von neuen Diamanten im Diamanthandel auf?

Der seriöse Diamantmarkt ist weltweit überschaubar. Es gibt vorgeschriebene Abläufe, wie das laufen muss von der Schleiferei zum Händler oder von der Schleiferei zum Juwelier. Das ist alles festgehalten: Zuerst muss die Rohware da sein, dann wird die Rohware geschliffen. Bei ausgefallenen großen Steinen gibt es direkt nach Bekanntwerden des Fundes Abnehmer oder Interessenten in Dubai oder Brunei. Es sind die großen Herrscher, die so etwas kaufen oder denen so etwas angeboten wird.

Mit Dieter Hahn sprach Christian Herrmann

Quelle: n-tv.de

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