Panorama

Von Helden zu Pestärzten Italiens Ärzte werden zu Sündenböcken

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Der Mund-Nasen-Schutz ist und bleibt Thema. Nicht nur in Deutschland.

Italien kämpft gegen die zweite Pandemiewelle. Ärzte und Pfleger stehen wieder an vorderster Front. Doch diesmal schlägt ihnen wachsender Unmut entgegen. Nicht nur Corona-Leugner werfen ihnen vor, Panik zu schüren. ntv.de hat sich in Italien umgehört.

Die zweite Lockdown ist in Italien weniger hart als noch im Frühjahr. Dennoch erhitzt er die Gemüter. Es mehren sich Nachrichten über Angriffe auf Ärzte und Sanitäter. Meist handelt es sich um Hass-Postings, hier und da kommt es aber auch zu Taten. So wurde vor ein paar Tagen in der Radiologie eines Mailänder Krankenhaus ein Sprengkörper gefunden. Zwar war er nicht scharf, das Entsetzen war dennoch groß.

Als Paradebeispiel für die umgeschlagene Stimmung gilt eine Wandmalerei in der Nähe des Mailänder Krankenhauses Sacco, das erst im Juli eingeweiht worden war: Sie zeigt eine Krankenschwester, ein Kind und einen Mann, alle mit Mundschutz und angsterfülltem Blick und sollte ein Symbol der Dankbarkeit für den Einsatz der Ärzte und Pfleger in der Corona-Krise sein. Heute ist von dem Bild nur noch wenig zu erkennen, denn es wurde mit weißer Farbe verschandelt.

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Von der Dankbarkeit der Italiener im Frühjahr ist in der zweiten Pandemie-Welle offenbar nicht mehr viel übrig.

Genau genommen begann die Stimmung jedoch schon Ende April zu kippen, wie der Artikel "Yesterday hereos, today plague doctors" ("Gestern Helden, heute Pestärzte") im Fachmagazin "Intensive Care Medicine" berichtet. Geschrieben haben ihn die Ärzte Giacomo Grasselli, Maurizio Cecconi und Luca Cabrini. Sie berichten von Diskriminierungen, denen Kollegen in ihren Wohnhäusern ausgesetzt waren, vom Verbot, den Aufzug zu benutzen, von Ehefrauen, die die Einkäufe am Gehsteig abholen mussten, weil die anderen Kunden sie nicht im Geschäft haben wollten. Grasselli ist Direktor der Intensivstation des Mailänder Krankenhauses Policlinico und verantwortlich für die Koordinierung aller Intensivstationen in der Lombardei. "Zuerst haben sie uns Helden genannt und dann isoliert, als wären wir verpestet", klagt Grasselli in einem Interview mit der Tageszeitung "La Repubblica".

Natürlich sehen das nicht alle Italiener so, der Großteil steht weiter dankbar hinter ihnen. Trotzdem trifft der Hass Ärzte und Pfleger. Ein Krankenpfleger, der auf einer Intensivstation arbeitet, erzählt ntv.de: "Ich selbst wurde noch nicht angepöbelt. Es stimmt aber, dass sich die Einstellung uns gegenüber geändert hat." Während der ersten Pandemiewelle hätten sie unzählige Dankesschreiben bekommen, auch von Leuten, die vom Virus ganz verschont worden waren. Jetzt kämen weitaus weniger.

Radio Maria wittert internationale Verschwörung

Ortswechsel: Vor wenigen Tagen sorgte Pater Livio Fanzaga, Chefredakteur des Senders Radio Maria, mit einem Video für großes Aufsehen. Darin behauptet er, die Pandemie sei ein krimineller Plan der Welteliten, "um eine Welt ohne Gott zu errichten. Eine Welt, in der Satan die Macht hat. Wo wir alle Zombies sein werden". Das sei kein Hirngespinst, ist der Pater überzeugt, sondern ein konkreter Plan, der 2021 verwirklicht werden soll. Auf Nachfrage von ntv.de antwortet Fanzaga schriftlich, dass er seine Gemeinde natürlich dazu auffordere, sich an die Vorschriften zu halten. Nur "was die Ursache dieser Pandemie betrifft, war ich von Anfang an der Meinung, dass sie kein Zufall sein kann". Dafür seien die Auswirkungen zu weitreichend, so der Geistliche. "Auch die Tatsache, dass besonders die westliche Welt betroffen ist, hat mir zu denken gegeben." Den Ursprung werde man wahrscheinlich nie erfahren, schreibt Fanzaga.

Zurück in ein weiteres Krankenhaus: Pietro Brambillasca ist Anästhesist in der Klinik Giovanni XXIII in Bergamo. Er hat das Drama der Toten, die zu Hunderten mit Militärlastern aus der Stadt gefahren wurden, hautnah miterlebt. Bei einer Videokonferenz mit der Auslandspresse fragt ihn ein Journalist, was er empfinde, wenn er jetzt vor dem Friedhof die Schrift sehe: "Wache auf, Volk mit dem Mundschutz - Schluss mit der Gesundheitsdiktatur." Seine Antwort: "Für jemanden, der im Frühjahr jeden Tag zwei oder drei Verstorbene in Totensäcke legen musste, ist das sehr schmerzhaft. Das hier ist eine gefährliche Spirale." Deswegen würde er die Leugner gerne zu einem Besuch einer Intensivstation einladen.

Über 750 Tote an einem Tag

Die Römerin Daniela Martani, ehemalige Stewardess und seit einigen Jahren in der Veranstaltungsbranche tätig, gehört zu denjenigen, die die Existenz des Virus nicht pauschal leugnen, jedoch seine Lebensbedrohlichkeit infrage stellen. Darum weigert sie sich, einen Mundschutz zu tragen. Dafür kassierte sie bereits drei Strafen, gegen die sie Berufung eingelegt hat. "Am Anfang der Pandemie haben namhafte Wissenschaftler hier in Italien gesagt, der Mundschutz sei unnötig, die Viren würden durch ihn durchdringen", erklärt sie ntv.de am Telefon. Ihre Logik: "Jetzt müssen wir alle eine Maske tragen und trotzdem steigen die Fallzahlen rasant. Sollte das einem nicht zu denken geben?" Martani ist nur eine von vielen, die solche Gedanken hat und ausspricht. Sie vermutet, dass es gerade die Masken seien, die allerlei Bakterien auffangen und dadurch Atemwegsinfektionen auslösen würden.

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Ihre nächste Aussage spricht allerdings dafür, dass sie schlicht überfordert ist: "Jeden Tag mit Zahlen bombardiert zu werden, das regt mich auf. Diese Zahlen unterscheiden gar nicht", so ihre Meinung, "ob ein Patient wirklich am Coronavirus gestorben ist oder eben an einer anderen Krankheit. Und dann nur positiv getestet worden ist." Auch sie macht die Ärzte, besonders diejenigen, die jeden Tag im Fernsehen auftreten, verantwortlich dafür, Angst zu schüren und für noch mehr Verwirrung sorgen. "Manchmal habe ich das Gefühl, einen Druck auf der Brust zu haben, und ich frage mich: Könnte es sein, dass man uns so weit bringt, dass wir uns selbst einreden, infiziert zu sein?"

Fakt ist: Mittlerweile sind in Italien fast 47.000 Menschen mit Covid-19 gestorben, allein am vergangenen Mittwoch wurden 753 neue Tote registriert, der höchste Wert seit dem 3. April. Aber mit Zahlen allein wird man gegen Gefühle nicht ankommen.

Quelle: ntv.de