Panorama

Aus erster Welle nichts gelernt Italien erlebt zweiten Corona-Alptraum

Als Italien im Frühjahr unter der ersten Corona-Welle ächzte, schwor man sich, beim nächsten Mal besser vorbereitet zu sein. Nun rollt die zweite Welle und das Land erscheint hilfloser denn je.

Italien schickt sich an, nach den drei Monaten fast komplettem Lockdown von März bis Mai nun wieder vollständig dicht machen zu müssen. Anders scheinen die 16 Regionen die Pandemie nicht mehr eindämmen zu können. Doch während das Land im Frühjahr geeint hinter der Regierung stand, Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern beklatschte, folgen die Menschen den Regeln heute deutlich weniger. Man ist es einfach leid. Das zeigen auch die Ansteckungszahlen, die erschreckend hoch bleiben, nach einem bisher noch "sanften" Lockdown.

Die Corona-Ampel der Regionen bestimmt den Freiheitsgrad der Italiener in der Pandemie. Die Farbe "grün" gibt es nicht mehr. Grün hieße, dass die Reproduktionszahl unter eins liegt, dass die Fallzahlen also sinken. Gibt es aber nicht. Es geht überall in Italien immer noch aufwärts, entweder steil, oder sanft, aber definitiv in die falsche Richtung. Gelb, mit Reproduktionswerten (Rt) von "nur" zwischen 1 und 1,5, sind gerade noch 4 der 16 Regionen und die Provinz Trent.

Unter den "gelben" Regionen ist auch die Region Latium um die Hauptstadt Rom. Letztere ist aber nur gelb, weil die Daten "geschönt" wurden. Als vereinbart gilt nämlich zwischen Regionen und Regierung in Rom, dass für die Inzidenzwerte nur die Ergebnisse von PCR-Tests gelten dürfen. Latium aber nimmt auch die serologischen Gentests mit in den Wert auf. Nun lassen sich aber viele eindeutig nicht Infizierte "vorsorglich gentesten", also senken deren Ergebnisse den Mittelwert deutlich ab. Sonst läge Latium auch beim italienischen Mittelwert für die Reproduktionszahl "Rt" von 1,5, im "orangefarbigen" Warnbereich.

Orangefarbig sind acht Regionen und knallrot, im vollen Lockdown mit Ausgangssperre und Schließung aller Läden und Geschäfte außer Apotheken und Lebensmittelgeschäften, sind ab Sonntag, 15. November, sechs Regionen und die Provinz Bozen.

Wenn man ehrlich ist, müsste man zugeben, dass Regionen, in den die Reproduktionszahlen deutlich über 1,5 liegen, in Städten wie Mailand sogar bei 2,0, die Kontrolle über das Virus verloren haben. Das hat seine traurige Vorgeschichte.

Die Toten des Frühjahrs vergessen

Wer den Ringkampf deutscher Landesfürsten mit Berlin um die Coronavirus-Einschränkungen für ein an Peinlichkeit kaum zu übertreffendes Schauspiel gehalten haben mag, der hat die Dauerfehde der Regionalfürsten in Italiens 16 Regionen mit der römischen Regierung nicht verfolgt. Als die Pandemie im Sommer verschwunden schien, wollte keiner mehr die Versprechen aus den Katastrophenmonaten April bis Mai wahrmachen, das Gesundheitswesen massiv aufzustocken. Mittel, die die notorisch klammen Regionen hätten aufbringen müssen. Als Ende März fast 1000 Menschen in den Covid-19- Stationen der Krankenhäuser starben, hatte man es hoch und heilig versprochen: Die mickrige Anzahl von 5000 Intensivbetten in ganz Italien mindestens zu verdoppeln, noch in diesem Jahr, Ärzte, Schwestern und Pfleger einzustellen.

Als die Totenmeldungen aus den Corona-Abteilungen im August auf einstellige Werte abgesunken waren, mochte sich kaum noch einer daran erinnern. Matteo Bassetti, ein bekannter Infektiologe aus Genua, erklärte noch im September die "Pandemie ist beendet" und schon Ende Mai erklärte der Leiter der Intensivmedizin des San Raffaele Krankenhauses in Mailand, Alberto Zangrillo, das Coronavirus für "klinisch tot".

Ganz Italien relaxte und erkannte nicht die Vorboten der zweiten Welle, die man an deutlich steigenden Infektionszahlen schon Anfang September erkennen konnte. Es waren überwiegend junge Leute um die 25 Jahre, die nun meist asymptomatisch Virusträger waren.

Die Epidemiologen wissen heute sehr genau, wie sich das Virus der zweiten Welle verbreitet hat. Nino Cartabellotta, Professor für Epidemiologie in Mailand: "Es waren Urlaubsorte, in Spanien, auf Sardinien, in Süditalien, in denen das Virus sich massiv ausbreiten konnte".

Wird alles gut?

Die erste Welle im Frühjahr traf vor allem die Lombardei. Manager aus der Lombardei, in der Region haben viele Firmen enge Geschäftsbeziehungen mit China, hatten das Virus schon im Dezember nach Italien eingeschleppt: Die Lungenfachärzte sprachen damals von einer Welle unerklärlicher Lungenentzündungen. Bei rund 8 Prozent des im Januar in Mailand gespendeten Blutes fand man - bei Nachuntersuchungen - SarsCoV-2 Antikörper: Es handelte sich um gesunde Spender, die sich offenkundig um die Weihnachtszeit 2019 schon infiziert haben müssen.

Die zweite Welle aber hat nun ganz Italien in fast gleicher Stärke erfasst. Schlimmer noch: In der Bevölkerung herrscht heute keine Stimmung mehr des "tutto andra´ bene"; es wird alles gut, sondern Wut auf die Regierung in Rom und auf die eigenen Regionen, die ganz offenkundig von der Rückkehr des Virus kalt erwischt wurden und viel Zeit mit unsinnigen Streitereien verloren. Das Vertrauen in die Regierung von Giuseppe Conte, im Frühjahr noch bei über 60 Prozent, ist heute auf ein Drittel abgesunken. Unvergessen in Italien ist die monatelange Diskussion um Tische und Stühle auf Rollen, die den Abstand in den Schulen garantieren sollten - dann aber nie angeschafft wurden, stattdessen sitzen die Schulkinder ab der 8. Klasse wieder im home-schooling vor dem Computer, wenn sie denn einen zu Hause haben.

Die Corona-Ampel versucht das Infektionsgeschehen nun mit 22 verschiedenen Parametern zu erfassen, aber am Ende geht es längst nur noch um zwei Werte: Die Anzahl der noch freien Intensivbetten und die Opferzahlen. Mit über 500 Toten pro Tag hat die Corona-Virus-Sterblichkeit die Tumor- und Infarkt-Sterblichkeit pro Tag erreicht und schon erkennt das nationale Statistikamt ISTAT den sprunghaften Anstieg auch in den Daten der allgemeinen Sterblichkeit: Es geht wieder rapide nach oben. Auch hierbei gibt es noch regionale Unterschiede. Während in Norditalien auch bei der zweiten Welle vorwiegend Menschen über 65 Jahren sterben, hat die allgemeine Sterblichkeit in Mittel- und Süditalien auch bei Menschen von 0 bis 64 Jahren deutlich erkennbar zugenommen.

Kampf um Intensivbetten

Das Problem Süditaliens ist aber auch, dass es südlichen Regionen Italiens deutlich weniger Intensivbetten gibt. Wenn es in ganz Kalabrien nur 152 Intensivbetten gibt, für alle Kranken zusammen, egal ob Infarkt- Unfall oder Tumorpatient, dann sind 27 beatmete Covid-19-Patienten schon eine grenzwertige Belastung.

Sicher, in der Lombardei ist die Lage wieder einmal am schlimmsten. Von den 1036 gemeldeten ICU-Betten sind 801, das entspricht 77 Prozent, schon belegt. Deswegen hatten die Gesundheitsbehörden die Covid-19-Alarmschwelle für ganz Italien auf 2300 Intensivbetten festgelegt: Man kann ja kaum alle 7800 Intensivbetten Italiens nur für die Virus-Kranken freihalten: Am 13.11. aber waren schon wieder 3200 Intensivbetten auf Covid-19-Stationen belegt. Zwar werden im Augenblick über 500 Plätze täglich wieder frei, weil die Patienten gestorben sind, aber die Gesamtbelegung nimmt trotzdem täglich um 100 Menschen zu.

Nun rächen sich Monate der Streitereien zwischen der Zentralregierung in Rom und den Regionalpräsidenten. Dabei haben sich die Fronten längst umgekehrt. Während die Regierung in Rom frühzeitig auf die Beibehaltung von Einschränkungen pochte, gab es einen regelrechten Wettbewerb ums frühere Öffnen. Nun erschrecken die Totenzahlen auch die größten "Öffner", jetzt hat der Wettbewerb um die härtesten Maßnahmen begonnen. In den Großstädten wird das Flanieren in Innenstädten strikt verboten, Polizei und Militär sollen es kontrollieren, Metrostationen wie an die von der Spanischen Treppe in Rom wurden einfach dichtgemacht. Der Präsident der Region Kampanien, Vincenzo De Luca, droht wieder damit, den "Flammenwerfer" herauszuholen, um die illegalen "Zusammenrottungen" feierwilliger Jugendlicher aufzulösen.

Gegen die Regionalregierung Liguriens, von der oppositionellen Lega mit Silvio Berlusconis Partei Forza Italia regiert, erhebt sich ein ("Shit")Proteststurm, weil deren Präsident Giovanni Toti meinte, die Covid-19-Opfer könne man besser hinnehmen, weil es sich ja eben um Menschen handeln würde, die "keinen Beitrag mehr zum Wirtschaftswachstum des Landes leisten würden". Nun aber lässt derselbe Toti auch Genuas Innenstadt komplett abriegeln.

Ärzte und Pflegende verzweifelt gesucht

Wobei sich die Vorgängerregierung Conte 1, damals noch mit der heutigen Opposition verbündet, einen Vorwurf machen lassen muss: Sie schickte über 7000 Ärzte und Krankenhauspersonal mit der sogenannten "Quota 100" in den Vorruhestand - Leute, die heute dringend gesucht werden. Auch in Rom hat man nun begriffen, dass die Intensivbetten eben auch Intensivmediziner und Pfleger:innen brauchen, die aber nicht auf "wish" bestellt und gleich geliefert werden.

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Die Schuld am eklatanten Pflegenotstand Italiens aber trägt auch die jetzige Regierung Conte 2. Der Koalitionspartner 5-Sterne-Bewegung weigert sich beharrlich, die 32 Milliarden Hilfe aus dem ESM-Fond abzurufen, die direkt im Gesundheitswesen ausgegeben werden können. Warum wollen die Grillo-Anhänger das Geld nicht? Weil Italien dann den "Eindruck macht, als sei es am Rand der Pleite", meinte der frühere Chef der Bewegung, der heutige Außenminister Luigi di Maio. Als ob das heute wichtig wäre. 32 Milliarden Euro, die man in den letzten 6 Monaten sehr gut hätte ausgeben können.

Dem Virus kann das nur Recht sein. Er hat Italien fest im Griff. Der erste Hoffnungsschimmer sind leicht abschwächende Zuwachsraten, aber die Opferzahlen sind immer noch erschreckend hoch und aus der ersten Welle weiß man, dass die Opferzahlen langsamer sinken als sie gestiegen sind, mit einer vierwöchigen Verzögerung. Weihnachten als großes Familienfest, das könne er den Italienern nicht garantieren, meinte Regierungschef Conte dann auch beim letzten Fernsehauftritt.

Quelle: ntv.de

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