Panorama

"Fahrlässige" Entscheidung Mediziner kritisieren Astrazeneca-Impfstopp

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Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery kritisiert den vorläufigen Stopp für Impfungen mit Astrazeneca.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nachdem die Regierung die Impfungen mit Astrazeneca vorerst ausgesetzt hat, wird die Kritik von Medizinern und Virologen an der Entscheidung laut. Der Weltärztepräsident sieht noch keinen Zusammenhang mit den Krankheitsfällen: "Der gute und wirksame Impfstoff" soll weiter verimpft werden.

Der Astrazeneca-Impfstoff wurde nahezu in ganz Europa vorerst gestoppt. Deutschland, Italien, Dänemark, Schweden und andere EU-Länder haben die Impfkampagne mit dem schwedisch-britischen Impfstoff eingestellt. Nach einzelnen Meldungen von Thrombosen in den Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung mit dem Vakzin hatte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) empfohlen, dieses Präparat vorerst nicht einzusetzen. Die Bundesregierung folgte der Empfehlung. Nun kommt die Kritik an der Entscheidung von Medizinern und Virologen.

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery zieht den vorläufigen Stopp für Impfungen mit Astrazeneca in Zweifel. "Dass Menschen Thrombosen und Lungenembolien bekommen, muss nicht unbedingt etwas mit der Impfung zu tun haben", sagte Montgomery dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Nach den ihm bekannten internationalen Studien sei die Thrombose-Häufigkeit in der Placebo-Gruppe und in der Gruppe mit dem Impfstoff etwa gleich gewesen.

Inzwischen sind 1,6 Mio. Menschen in Deutschland mit Astrazeneca geimpft worden. Sieben Fälle von Gehirnthrombosen wurden gemeldet, drei Menschen sind gestorben. Inwieweit die Krankheitsfälle auf den Impfstoff von Astrazeneca zurückzuführen sind, ist noch unklar. Die Daten werden nun von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) analysiert und bewertet. Am Donnerstag soll die Behörde dazu beraten. Bis dahin liegt auch der geplante Impfgipfel in Deutschland auf Eis.

Montgomery warnte auch vor einem Image-Schaden für den Impfstoff. "Unter dem Strich ist es leider so, dass dieser eigentlich gute und wirksame Impfstoff durch den Wirbel und die Impf-Aussetzung in vielen Ländern nicht gerade eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung gewinnt", sagte der Weltärztepräsident.

Überschaubares Risiko

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen forderte die Freigabe von Astrazeneca. "1,6 Millionen Menschen wurden bei uns bisher mit Astrazeneca geimpft und nur in sieben Fällen traten danach Blutgerinnsel auf", sagte er ntv.de. Der Stopp der Verimpfung auf Basis dieser geringen Fallzahlen sei falsch "und angesichts der dritten Welle fahrlässig".

"Eine Alternative wäre es, über das überschaubare Risiko ausführlich aufzuklären und weiterhin jene Menschen zu impfen, die eine Impfung mit Astrazeneca möchten. Gesundheitsminister Spahn kann sich nicht hinter dem Paul-Ehrlich-Institut verstecken, sondern trägt die Verantwortung für die Entscheidung. Dieser Vorgang ist die nächste Erschütterungswelle für das Vertrauen in die Corona-Politik der Bundesregierung."

Auch Corona verursacht "thromboembolische Ereignisse"

Der Pandemiebeauftragte des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München, Christoph Spinner, sagt, man könne zumindest die Aussetzung hinterfragen. "Der Astrazeneca ist der zweitwichtigste Impfstoff für uns."

"Die Vorteile der Impfung überwiegen", betont der Mediziner. "Übrigens verursacht auch eine schwere Covid-19-Erkrankung regelhaft thromboembolische Ereignisse - alleine deshalb ist eine Impfung absolut sinnvoll." Es sei ein normaler Vorgang, dass nach Zulassung von Impfstoffen und Arzneimitteln mögliche Nebenwirkungen fortwährend untersucht würden. "Der Impfstoff wurde nicht zurückgerufen - und er soll auch nicht vernichtet werden", sagt Spinner. Für einen konkreten Mechanismus, der zu den Hirnvenen-Thrombosen führen solle, gebe es derzeit keine Annahme. "Das Arzneimittel ist nach allem, was wir heute wissen, sicher."

Quelle: ntv.de, cls/dpa/AFP

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