Panorama

Experte zu steigender Inzidenz "Nicht nur neue Varianten sind schuld"

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Frühlingswetter lockt viele Menschen ins Freie - Epidemiologe Timo Ulrichs warnt jedoch vor Nachlässigkeit im Umgang mit dem Coronavirus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Tage in Folge liegt die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland über der von vergangener Woche. Die Ansteckungsrate (R-Wert) steigt seit Tagen kontinuierlich. Das könnte nun die befürchtete Trendwende durch die Ausbreitung der britischen Variante sein. Muss es aber nicht, sagt Epidemiologe Timo Ulrichs. Außerdem erklärt er, warum Ausgangssperren effektiv sind.

ntv.de: Die 7-Tage-Inzidenz wandert nach oben, von gestern 57,8 auf heute 60,2. Ist es trotzdem gut, die Schulen zu öffnen?

Timo Ulrichs: Bei dieser Frage lohnt sich der Blick nach Frankreich: Die Franzosen haben ihre Schulen die ganze Zeit offen und liegen mit ihrer 7-Tage-Inzidenz derzeit bei 133. Ihr Wert ist nicht niedrig, aber relativ konstant und hatte kaum Ausreißer nach oben oder unten. Das zeigt, dass man bei stringenten Maßnahmen durchaus Bereiche öffnen kann - in dem Fall die Schulen. Von dem leichten Anstieg derzeit sollten wir uns nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern auf dem Weg bleiben, mit vorsichtigen Öffnungen. Wir wagen es kontrolliert.

Und müssen wir an anderer Stelle gegensteuern?

Noch nicht. Wir sollten uns das Infektionsgeschehen noch einige Tage anschauen. Es kann durchaus sein, dass diese leichte Veränderung, die wir derzeit sehen, nur ein Ausreißer nach oben ist, aber dass der generelle Trend immer noch nach unten zeigt. Wenn man das Infektionsgeschehen runterbricht auf die verschiedenen Regionen in Deutschland, und vor allem auch auf solche wie den Raum Flensburg schaut, wo die britische Mutante schon stärker verbreitet ist, kann man feststellen: Wir sehen dort aktuell keinen viel stärkeren Anstieg als in den Regionen, in denen noch kein so großer Anteil an B.1.1.7 nachgewiesen wurde.

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Der Epidemiologe Professor Timo Ulrichs lehrt an der Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin unter anderem globale Gesundheit. Das Bundesgesundheitsministerium beriet er als Referent zum Seuchenschutz.

(Foto: ntv)

Dann ist nach Ihrer Einschätzung der aktuelle Anstieg der 7-Tage-Inzidenz nicht unbedingt auf B.1.1.7 zurückzuführen?

Nein, wir haben noch einige andere Faktoren, die dazu beitragen können. Auf der Wirkseite haben wir das Problem, dass die Lockdown-Maßnahmen nicht mehr ganz so gut befolgt werden wie noch am Anfang. Es kommt ja weiterhin darauf an, wie wir unsere Kontakte beschränken, Abstände einhalten, Masken tragen - wenn wir da nachlässig werden, dann kann das schon dafür sorgen, dass die Entwicklung nicht mehr so stringent nach unten geht. Ich würde nicht allein die neuen Varianten dafür verantwortlich machen.

Die Zahlen von heute spiegeln ja unser Verhalten von vor etwa 10 bis 14 Tagen. Da waren viele rodeln, eislaufen, teils ballte es sich ziemlich. Sehen wir jetzt Folgen davon?

Das könnte sein. Draußen kommt nämlich hinzu: Bei niedrigen Temperaturen reagiert das Immunsystem verlangsamt, gerade in dieser allerersten Infektionsabwehr auf den Schleimhäuten. Da kann sich das Virus dann leichter festsetzen. Winter ist einfach günstig für die Weitergabe.

Falls wir Pech haben und der ansteigende Trend anhält: Wo können wir noch ein Werkzeug herholen, um das Virus wieder zurückzudrängen?

Wenn wir auch noch nicht genau sagen können, mit welchem Risiko in welchen Situationen Übertragungen stattfinden, so kann man aber ziemlich genau sagen, welche Maßnahmen etwas bringen und welche eher nicht. Zum Beispiel die Ausgangssperre, die uns die Franzosen vormachen, die ist tatsächlich effektiv.

Gerade die Ausgangssperre erscheint vielen als ein Verbot, das völlig am Infektionsgeschehen vorbeireguliert.

Das verstehe ich. Natürlich ist es völlig ungefährlich, abends allein mit dem Hund spazieren zu gehen. Und wenn manche Menschen erst am Abend im Supermarkt einkaufen, vermeiden sie damit die Stoßzeiten vom Tag. In dem Fall ist eine abendliche Ausgangssperre sogar kontraproduktiv. Sie wird holzschnittartig und grob übergestülpt und Einzelsituationen können dadurch abstrus erscheinen.

Bei so vielen negativen Effekten muss jetzt dringend ein "aber" kommen.

Aber bei der Reduzierung der abendlichen Kontakte wirkt die Ausgangssperre sehr gut, denn sie ist so leicht überprüfbar: Die Polizei fährt durch die Stadt und sollte niemanden mehr ohne triftigen Grund antreffen. Letztlich sichert die Ausgangssperre nur ab, dass die Kontaktsperre wirklich eingehalten wird. Und damit kann man die Kontaktzahlen in den Randzeiten noch mal so stark nach unten drücken, dass es die eben erwähnten negativen Effekte aufwiegt.

Sehen Sie derzeit Chancen, dass wir die Infektionszahlen Richtung null drücken könnten, wie es die "No-Covid"-Strategie vorschlägt?

Es wird uns jetzt nicht gelingen, zu einer sehr niedrigen Inzidenz zu kommen, dazu ist das Infektionsgeschehen im Winter zu schwierig zu handhaben. Aber dass man es unter Kontrolle halten kann, zeigen Beispiele anderer Länder. Auch Belgien hatte ja eine Spitze im November und jetzt sind sie in der Inzidenz um 100. Man kann also einen Kurs fahren, bei dem man Covid-Patienten hat, aber nicht immer im roten Bereich bei der Intensiv-Versorgung ist. Richtung Frühling könnte es aus meiner Sicht klappen, dass wir weitere Öffnung bekommen können oder wir bleiben dann noch einmal stringent eine Weile im Lockdown und bringen die Zahlen richtig nach unten.

Mit Timo Ulrichs sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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