Panorama

Religion, Skepsis und Chaos Taliban verschärfen Afghanistans Corona-Krise

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Seit Februar wurden Gesundheitsmitarbeiter und Sicherheitskräfte in Afghanistan geimpft.

(Foto: REUTERS)

Politische Unruhen mitten in einer Pandemie machen deren Bekämpfung nicht unbedingt einfacher. In Afghanistan kommt hinzu, dass die neuen Machthaber in ihrer religiösen Verblendung impf- und medizinfeindlich sind. Das werden die Afghanen vermutlich mit mehr Corona-Toten bezahlen.

Gerade schaut die Welt auf Afghanistan, allerdings in erster Linie auf den Flughafen von Kabul. Von dort aus werden vor allem Afghanen, die mit den NATO-Truppen zusammengearbeitet haben, und verbliebene alliierte Truppen ausgeflogen. Seit die Taliban die afghanische Hauptstadt am 15. August eingenommen haben, herrschen dort Chaos und Gewalt.

Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet jedoch, dass sich hinter dieser humanitären Tragödie ein weiteres Drama entfaltet. Laut einer Mitteilung hochrangiger WHO-Beamter beklagen Experten, dass die derzeitigen Unruhen in dem Land zu einem deutlichen Anstieg der Corona-Infektionen führen könnten. Der WHO-Vertreter in Afghanistan, Luo Dapeng, sagte, dass die Testrate in der vergangenen Woche sowohl in öffentlichen als auch in privaten Labors um 77 Prozent im Vergleich zur Vorwoche gesunken ist. Die maximale Zahl der möglichen Tests wurde vor den politischen Unruhen ohnehin schon mit der sehr niedrigen Zahl von 8700 in 24 Stunden angegeben.

"Infolgedessen wissen wir, dass die Zahl der Covid-19-Fälle zu niedrig gemeldet wird", so Dapeng. Offiziell meldete das Land mehr als 150.000 Corona-Infektionen. Ahmed Al-Mandhari, der das östliche Mittelmeerbüro der WHO (EMRO) leitet, äußerte die Erwartung, dass neben den politischen Umwälzungen auch zunehmende Bevölkerungsbewegungen zu einem Anstieg der Covid-19-Fälle führen könnten. "Wir müssen die Covid-Pandemie unter Kontrolle halten", sagte er.

Göttlicher Schutz?

Das dürfte in dem krisengeschüttelten Land noch einmal erheblich schwieriger geworden sein. Nur ein verschwindend geringer einstelliger Prozentsatz der Bevölkerung ist bisher vollständig geimpft. Der weltweite Durchschnitt liegt bei über 14 Prozent, in Deutschland sind es fast 60 Prozent. Und die Taliban, die die Macht im Land wieder an sich reißen, sind als Impfgegner bekannt. Mitte August berichteten afghanische Medien, dass die Taliban das Impfen im Regionalkrankenhaus Paktia verboten haben. Unter Berufung auf den Direktor für öffentliche Gesundheit der Provinz, Walayat Khan Ahmadzai, wurde mitgeteilt, dass das Impfzentrum geschlossen sei. Das medizinische Personal wurde davor gewarnt, weitere Impfungen zu verabreichen.

Die islamischen Fundamentalisten sind zutiefst überzeugt, dass Allah das Schicksal der Gläubigen bestimmt. Nach dieser Logik ist eine Impfung bei strenggläubigen Muslimen schlicht nicht notwendig. Die Erfolge der Impfkampagnen in den Industriestaaten sind nicht nur sehr weit weg, sondern auch ohne jede argumentative Kraft. Denn die "Ungläubigen" dort sind ja in der Lesart der Taliban ohne göttlichen Schutz und müssen das Coronavirus deshalb zu Recht fürchten.

Erst im Juli hatte das Land 1,4 Millionen Dosen des Johnson & Johnson Impfstoffs erhalten. Die Lieferung war ein Anteil am Impfstoffprogramm COVAX der WHO. Trotzdem sank laut UNICEF-Angaben die Zahl der Corona-Impfungen in der ersten Woche nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban um 80 Prozent. Die UN-Organisation zeigte sich extrem besorgt, denn die Hälfte der bisher an das Land gelieferten Dosen stehen kurz vor dem Ablaufdatum. Wenn sie jetzt nicht verimpft werden, sind sie für den Kampf gegen die Pandemie in diesem Teil der Welt verloren.

Warnendes Beispiel Polio

Der Rückgang bei den Impfungen sei verständlich, "denn in Situationen von Chaos, Konflikten und Notfällen werden die Menschen ihrer Sicherheit Vorrang geben", sagte ein UNICEF-Sprecher der Nachrichtenagentur Reuters. Ob der Rückgang der Impfungen auch auf eine mögliche Impfskepsis der Taliban zurückzuführen sei, wollte der Sprecher nicht kommentieren, warnte aber vor Risiken durch eine Verlangsamung der Impfkampagne.

Wie verheerend sich die Lage in einem vom Krieg gezeichneten Land mit einem noch immer schlechten Gesundheitssystem bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten auswirkt, wird am Beispiel der Kinderlähmung deutlich. Afghanistan ist eines von nur zwei Ländern weltweit, wo das Polio-Wildvirus nicht ausgerottet ist. Im März waren drei Impfhelferinnen in Jalalabad gezielt ermordet worden. Im Juni erschossen Unbekannte bei einem mutmaßlichen Angriff der Taliban Teilnehmer der Polio-Kampagne in der ostafghanischen Provinz Nangarhar. In den von ihnen regierten Gebieten haben die Taliban schon in den letzten drei Jahren die Polio-Impfung von bis zu drei Millionen Kindern verhindert. Wenn jetzt nicht weiter konsequent gegen Polio geimpft wird, drohen selbst die hart erkämpften Erfolge wieder verloren zu gehen.

Die Corona-Impfungen waren auch schon vor dem Machtwechsel nicht leicht zu bewerkstelligen. Viele Afghaninnen und Afghanen bezweifelten die Existenz des Coronavirus, Hygienemaßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen, das Tragen einer Maske oder das Halten von Abstand war und ist den meisten schlicht unmöglich. In dem von Korruption gezeichneten System vermuteten viele, dass der Impfstoff ohnehin nur an eine privilegierte Schicht gehen werde. Und tatsächlich kam wegen schlechter Straßen und primitiver Infrastruktur in den abgelegenen Provinzen kaum Impfstoff an, wenn es denn trotz der überall aufflackernden Kämpfe überhaupt versucht wurde. Doch die WHO hatte immerhin Tausende Impfhelfer ausgebildet.

Auch Delta-Variante bereits nachgewiesen

In Afghanistan sind sowohl Delta- als auch Alpha-Varianten des Coronavirus nachgewiesen worden. Wenn nun noch mehr Binnenflüchtlinge unterwegs sind und Hygienemaßnahmen kaum noch eingehalten werden können, sind steigende Infektions- und Hospitalisierungsraten unausweichlich. In Verbindung mit den niedrigen Impfraten werde das "bereits gefährdete Personengruppen überproportional treffen", betont auch WHO-Vertreter Dapeng. "Wir sind besonders besorgt über das Risiko einer Covid-19-Übertragung unter den neuen Binnenvertriebenen in Kabul und anderen Städten, da sie unter oft überfüllten und unhygienischen Bedingungen leben und kaum oder keinen Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Maßnahmen zur Infektionsprävention haben."

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Die Weltgesundheitsorganisation hatte ihre Mitarbeiter gebeten, wieder zur Arbeit zu kommen, auch und besonders die Frauen. Einige weibliche Gesundheitsfachkräfte kehrten jedoch Dapeng zufolge nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Andere haben aufgrund der schwierigen Sicherheitslage gekündigt. Die WHO berichtet, dass sowohl männliche als auch weibliche Patienten die Gesundheitsdienste aufsuchen. Es sei aber deutlich, dass vor allem Frauen Angst haben, das Haus zu verlassen, "es sei denn, sie befinden sich in einem lebensbedrohlichen Zustand".

Es mehren sich vor allem aus Kabul Berichte über mehr Fälle mit Covid-19-typischen Symptomen. Die WHO-Mitarbeiter berichten auch zunehmend von Mangelernährung, Durchfällen und Bluthochdruck. Und die Probleme am Flughafen verhindern den Nachschub dringend benötigter medizinischer Güter. Carl Latkin von der Johns Hopkins University kommt zu einer eindeutigen Einschätzung: "Eine schnelle Ausbreitung von Covid-19 würde den Menschen noch mehr Leid und Elend in dieser ohnehin schlimmen Situation bringen."

Quelle: ntv.de

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