Panorama

Verwahrlosung und Verachtung "Team Wallraff" dokumentiert Demütigung von Pflegebedürftigen

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Es sind kaum zu ertragende Bilder: Seniorinnen und Senioren, die in verschmutzten Betten liegen und vom Pflegepersonal teils hart angegangen werden. Immer wieder filmen Reporterinnen und Reporter solche Zustände. Sind das wirklich nur Einzelfälle? Bei einem Betreiber hakt das "Team Wallraff" nach.

Seit Jahren dokumentieren die Investigativreporterinnen und -reporter des "Team Wallraff" skandalöse Zustände in deutschen Alten- und Pflegeheimen. Erst im Februar zeigten sie, welche Konsequenzen Personalmangel und Sparkurse in privatwirtschaftlich geführten Pflegeeinrichtungen mitunter haben können.

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Nicht immer ist der Umgang mit den Seniorinnen und Senioren respekt- und würdevoll.

(Foto: picture alliance / photothek)

Die Bilder waren so erschütternd, dass nur einen Tag nach der Ausstrahlung die überprüfte Augsburger Einrichtung der Pflegekette "Sereni Orizzonti"- angeblich aufgrund eines Corona-Ausbruchs - geschlossen wurde. Auch Mitarbeitende hatten die berichteten Zustände bestätigt. Seitdem meldeten sich Pflegekräfte und Angehörige bei RTL und berichteten von schockierenden Erfahrungen in der Altenpflege. Sie alle schilderten ähnliche Zustände aus verschiedenen Pflegeeinrichtungen, wie sie auch die Reporterinnen und Reporter bei ihren Undercover-Einsätzen im Spätsommer 2021 erlebten: Verwahrloste Zimmer, Personalmangel und Überforderung sowie Pflegefehler.

Ein Betreiber stach in den Zuschriften besonders heraus: der private Anbieter "Alloheim". Im Februar verwies das Unternehmen unter anderem noch darauf, dass es sich nur um bedauerliche Einzelfälle handele. Aber lassen die zahlreichen aktuellen Hilferufe nicht etwas anderes vermuten? "Team Wallraff" ist den Hinweisen nachgegangen und war erneut in drei unterschiedlichen privaten Einrichtungen der "Alloheim"-Gruppe undercover. Die besorgniserregenden Ergebnisse zeigt RTL heute um 20.15 Uhr in der neuen Ausgabe "Team Wallraff - Jetzt erst recht!".

Strafen fürs Einnässen

Das Unternehmen "Alloheim" ist mit mehr als 240 Seniorenheimen in ganz Deutschland und 23.600 Pflegeplätzen der zweitgrößte private Anbieter Deutschlands. Aus der Seniorenresidenz "Ederbergland" in Frankenberg meldete sich ein Pfleger mit einem Hilferuf beim "Team Wallraff". Er berichtet von einem teils aggressiven Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie groben Pflegefehlern. Bei einem sechstägigen Undercover-Einsatz wird ein RTL-Reporter bereits am ersten Tag Zeuge, wie ein über 80-jähriger Bewohner von einem Pfleger beschimpft und gedemütigt wird, weil dieser in sein Bett urinierte. Dabei ist bekannt, dass der ältere Herr längst einen Katheter benötigt. Mehrfach erlebt der Reporter mit, wie der Bewohner dafür, dass er sich eingenässt hat, bestraft wird.

In einer Stellungnahme an RTL schreibt "Alloheim" dazu: "Für den Umgang mit inkontinenten Bewohnern gibt es bei 'Alloheim' klare Vorgaben: Menschen, bei denen sich (…) ein unwillkürlicher Harnverlust zeigt, erhalten entsprechende Hilfsmittel, um einem unkontrollierten Urinieren im Bett entgegenzuwirken". Es heißt weiter: "Wir legen sehr großen Wert auf einen respekt- und würdevollen Umgang mit den uns anvertrauten Bewohnern. Ein anderweitiges Verhalten von den Mitarbeitern gegenüber unseren Bewohnern wird nicht akzeptiert."

Fehlendes Fachpersonal sowie grobe Pflegefehler - das soll es auch in der "Alloheim"-Seniorenresidenz "Brunswik" geben. Eine RTL-Reporterin geht diesen Vorwürfen im Frühjahr 2022 während eines zweiwöchigen Praktikums auf der Station "Jungen Pflege" nach. Dabei werden pflegebedürftige Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren in einem Altersheim untergebracht und betreut. Nutzt der Konzern mit diesem neuen Konzept eine Lücke im Gesundheitssystem aus, um mehr Profit zu machen?

Auch in dieser Einrichtung wird eine Vielzahl an Missständen dokumentiert, unter anderem erhebliche Mängel bei der täglichen Hygiene der Bewohnerinnen und Bewohner mit teilweise schmerzhaft aussehenden Entzündungen. Einige Mitarbeitende geben zu, dass sie keine richtige Einarbeitung erhalten hätten. "Alloheim" dementiert das und schreibt in der Stellungnahme an RTL: "Sämtliche in der Jungen Pflege tätigen Pflegehelfer erhalten eine vierwöchige Einarbeitung in die 'Junge Pflege', inklusive Schulungen zu den Krankheitsbildern und dem Umgang damit. Dies erfolgt unabhängig von und zusätzlich zu einer Ausbildung als Pflegehelfer. (…) Ein Einsatz von Pflegehelfern in der 'Jungen Pflege' erfolgt den Vorschriften entsprechend zudem unter Betreuung durch eine Pflegefachkraft."

Das Pflegeheim wirbt damit, verschiedene Therapie- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Pflegebedürftige der "Jungen Pflege" anzubieten. Eine Unterbringung auf diesem Bereich wird mit knapp 6000 Euro im Monat abgerechnet. Von Therapieangeboten bekommt die Reporterin in ihrem Praktikum allerdings nichts mit. Dazu schreibt "Alloheim" in ihrer Stellungnahme, dass die Pflegekräfte zahlreiche, auch psycho-soziale, Schulungen durchlaufen würden und rechtfertigt: "Ziel der Jungen Pflege ist der Erhalt der Mobilität sowie die Förderung und Rückkehr in eine mögliche Rehabilitation, selbstständigere Wohnform oder selbstständigeres Leben. (…) Den (…) Vorwurf, dass die Bewohner in der 'Jungen Pflege' nicht ausreichend aktiviert werden, weisen wir (…) entschieden zurück. (…) Darüber hinaus verwahren wir uns gegen den Vorwurf, dass es 'Alloheim' primär nur um Mehrgewinn gehe."

Lauterbach sieht Privatisierung als Fehler

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Das "Team Wallraff" konfrontierte auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit dem Videomaterial aus den Undercover-Einsätzen. Wie konnte es so weit kommen? Für den Gesundheitsminister liegt der Fehler in der Privatisierung der Pflegebranche mit der Einführung der Pflegeversicherung 1995. "Jetzt ist es so, dass diese privaten Investoren einfach nicht enteignet werden können", so Lauterbach im RTL-Interview. "Das ist rechtlich so nicht machbar. Rückblickend hätte ich es richtig gefunden, wenn die Pflege einfach eine kommunale Aufgabe geblieben wäre."

"Konzerne wie 'Alloheim' müssen viel strenger kontrolliert werden - und wenn sie Renditedruck und menschenwürdige Pflege nicht vereinen können, müssen sie geschlossen werden", schlussfolgert Günter Wallraff nach den neuen Recherchen. Gewinnmaximierung auf Kosten der Bewohnerinnen und Bewohner dürfe es grundsätzlich in keinem Pflegeheim geben. Die "Alloheim"-Kette spreche von individuellem Versagen und Einzelfällen. "Ich überlasse es Ihnen, dies zu beurteilen."

Quelle: ntv.de, sba

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