Panorama

Übersterblichkeit in Pandemie Verheimlicht Russland Corona-Tote?

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Von der Öffentlichkeit unbemerkt starben in Russland vergangenes Jahr Zehntausende Menschen an Covid-19.

(Foto: AP)

Präsident Putin brüstet sich gerne damit, wie gut Russland durch die Pandemie gekommen sei. Besser als die USA und die meisten EU-Länder, heißt es immer wieder aus Moskau. Doch ein Blick auf die Sterbefälle zeichnet ein ganz anderes Bild.

Glaubt man dem Kreml, ist die Coronavirus-Pandemie in Russland so gut wie besiegt. Die Massenimpfungen mit dem Vakzin Sputnik V sind im vollen Gange, der harte Lockdown im vergangenen Frühjahr längst vergessen. Präsident Wladimir Putin lobt stets das Corona-Management seiner Regierung. Russland habe die Pandemie viel besser gemeistert als die meisten EU-Länder oder die USA, behauptete er jüngst erneut. Ohnehin wird er nicht müde, Sputnik V als besten Impfstoff der Welt anzupreisen. Worüber Putin aber schweigt, sind die stark gestiegenen Todesfallzahlen in Russland im Pandemie-Jahr 2020. Sie wecken Zweifel an den offiziellen Angaben über die Corona-Toten.

Der Covid-Operationsstab, dessen Zahlen zumeist in der Öffentlichkeit genannt werden, dokumentierte rund 100.000 Corona-Todesfälle seit Ausbruch der Pandemie, die Statistikbehörde Rosstat hingegen mehr als 225.000 Tote mit Covid-Erkrankung, wie sie erst vor einer Woche mitteilte. Diese Zahl ist deutlich mehr als doppelt so hoch wie in der offiziellen Corona-Statistik der Regierung. Noch gravierender ist allerdings die Übersterblichkeit. Allein von April bis Dezember 2020 sind laut Berechnungen der "New York Times" rund 300.000 Russen mehr gestorben als im Durchschnitt der Vorjahre.

Als die zweite Corona-Welle im Herbst ihren Lauf nahm und sich fast ganz Europa spätestens im Winter im Lockdown befand, hielt Russland an seinen Lockerungsstrategien fest. Clubs, Restaurants, Bars und Theater blieben geöffnet, das Schuljahr wurde regulär eingeläutet und die übrigen Restriktionsmaßnahmen Schritt für Schritt zurückgenommen.

Zweifel an niedriger Sterberate

Bereits damals hatten die "New York Times" und die "Financial Times" die russischen Zahlen mit einem Fragezeichen versehen. 70 Prozent der Todesfälle in Moskau und St. Petersburg seien in den offiziellen Statistiken gar nicht enthalten, hieß es. Der Nothilfedirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Michael Ryan, erklärte, die russische Statistik zur Coronavirus-Sterblichkeit sei "schwer verständlich" und die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Erkrankten und der Verstorbenen "ungewöhnlich". Immer wieder meldeten Experten in den kommenden Monaten Zweifel an der im internationalen Vergleich frappierend niedrigen Sterberate an.

Die Erklärung des Kremls dazu: Russland zähle nur die Todesfälle, von denen bestätigt wurde, dass sie direkt durch das Coronavirus verursacht wurden. Weitere durch Autopsie bestätigte Fälle seien Teil einer separaten Bilanz. Dabei sind jedoch die großen regionalen Unterschiede zwischen den allgemeinen Sterbefällen und den Corona-Todeszahlen auffällig. So verzeichnete die Industriestadt Samara im Südosten Russlands vergangenes Jahr 10.596 Todesfälle mehr als 2019. Die Sterblichkeitsrate stieg damit um 25 Prozent. Dennoch meldeten die örtlichen Behörden im vergangenen Jahr nur 606 offizielle Coronavirus-Todesfälle.

Dass einige Regionen trotz hoher Übersterblichkeit nur vergleichsweise wenige Covid-19-Opfer melden, kann unterschiedliche Gründe haben. Viele Regionen abseits der beiden großen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg haben nur eingeschränkte Mittel und Ressourcen, um die Pandemie erfolgreich bekämpfen zu können. Das Gesundheitssystem in den Provinzen ist ohnehin meist nicht das beste. Bilder von überfüllten Krankenhäusern in den ländlichen Regionen kursierten im vergangenen Jahr wochenlang in den sozialen Medien.

Corona-Tests sind darüber hinaus nicht überall kostenlos erhältlich. Fehlen PCR-Tests vor Ort, kann eine Infektion nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Bei den vorgeschriebenen Obduktionen wird dann beispielsweise Herzversagen oder eine Lungenentzündung diagnostiziert. Dass dahinter wahrscheinlich eine Corona-Infektion steckt, wird nicht erfasst.

"Regionen verschweigen Corona-Tote bewusst"

Allerdings hat das Verschweigen der tatsächlichen Corona-Todesfälle in manchen Gemeinden Russlands laut Experten auch Methode. Der "Spiegel" berichtete über Fälle, bei denen Pathologen unter Druck gesetzt wurden, andere Todesursachen anzugeben. So wollten die Gemeinden bei den Behörden und dem Kreml besser dastehen.

"Es gibt sicher Regionen, in denen Corona-Tote bewusst verschwiegen werden", sagte Dmitry Kobak, Forscher an der Universität Tübingen, dem Magazin. Der Experte für Datenanalysen untersucht zurzeit die Sterbefallstatistiken aus Russland und hatte zuvor bereits die russischen Wahlergebnisse auf mögliche Manipulationen geprüft. "Zum Beispiel aus dem Nordkaukasus werden viel zu niedrige Corona-Zahlen gemeldet", sagte er. Diese Region sei auch schon bei Wahlen auffällig gewesen, weil die Ergebnisse dort ganz offensichtlich frisiert worden seien. "Niemand erwartet, dass offizielle Zahlen aus dem Nordkaukasus auch nur im Ansatz stimmen", so Kobak.

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Die erschreckend hohe Übersterblichkeit in Russland widerspricht der Kremlpropaganda, Russland sei besser als westliche Staaten durch die Pandemie gekommen. Stattdessen gehört Russland zu den Staaten mit der höchsten Übersterblichkeit im Jahr 2020 weltweit. "Es ist schwer, ein schlechter entwickeltes Land zu finden" bezüglich der Covid-Sterblichkeit, sagte Alexej Rakscha, ein unabhängiger Demograf in Moskau. Die Regierung tue alles, um diese Tatsachen zu verschleiern.

"Wer versteht genug von der Materie, um sich für überschüssige Todesfälle zu interessieren?", so Rakscha. "Nur ein Bruchteil der Bevölkerung. Der Rest akzeptiert einfach die Zahlen, die er vorgesetzt bekommt." Der Demograf ist überzeugt, dass die Zahlen noch stark nach oben gehen werden. Und tatsächlich: Russland meldet inzwischen immer mehr Todesfälle täglich - auch von offizieller Seite. Heute waren es 338 neue Corona-Tote nach 277 am Vortag. Wie hoch die Zahl wirklich ist, bleibt derweil weiter im Dunkeln.

Quelle: ntv.de

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