Panorama

Janssens im ntv-Interview "Wir sind noch nicht ganz über den Berg"

46b1de91797d72a018cad93dc217ee41.jpg

Aktuell befinden sich gut 4950 Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen.

(Foto: dpa)

Einige sprechen bereits von einer Trendwende: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen nimmt stetig ab. Bis das einen Effekt auf die Belegung der Intensivstationen hat, wird es noch etwas dauern, sagt Intensivmediziner Uwe Janssens. Er warnt vor vorschnellen Lockerungen.

ntv: Wenn wir die Zahl der Neuinfektionen beobachten, dann können wir erkennen: Der Trend ist durchaus positiv. Sie steigt nicht mehr, sondern sinkt sogar leicht. Epidemiologen sagen sogar, es könnte schon eine Trendwende sein. Ist das etwas, was sie in den Krankenhäusern auch spüren?

Uwe Janssens: Das können wir jetzt noch nicht so richtig spüren. Aber eins sehen wir schon: Es kommt nicht zu einer weiteren Zunahme der doch sehr hohen Zahl an Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Das ist, das muss man wirklich ganz klar sagen, schon eine gute Botschaft und auch ein Hinweis darauf, dass wir uns jetzt endlich in einem Bereich finden, wo die generellen Infektionszahlen abnehmen. In der Folge - 10 bis 14 Tage oder auch 20 Tage später - gehen dann auch die Zahlen auf den Intensivstationen zurück. Und das wäre ein guter Hinweis dafür, dass die Maßnahmen, die getroffen worden sind, endlich ihre Wirkung zeigen. Gemeinsam mit der zunehmenden Durchimpfung der Bevölkerung.

Karl Lauterbach sagt, auch er sei überrascht, wie gut die Entwicklung jetzt ist. Er warnt aber natürlich im gleichen Satz wieder vor Leichtsinn. Eine Öffnungsdiskussion in Bezug etwa auf die Außengastronomie zu Pfingsten sei das falsche Signal. Teilen sie seine Einschätzung?

Da teile ich die Einschätzung von Herrn Lauterbach. Ich denke, wir müssen jetzt alle noch zusammenhalten, durchhalten, um es mal fast so zu sagen. Dass wir nachhaltig in einen Bereich deutlich unter 100 oder 50, oder welche Zahl wir auch immer nennen, kommen. Aber es muss eine stabile Situation sein. Zusammen mit der Impfentwicklung haben wir dann eine Chance. Ich wäre genau wie Herr Lauterbach im Moment noch sehr zurückhaltend und bin ein bisschen betrübt darüber, dass jetzt in verschiedenen Regionen Deutschlands wieder diese Diskussionen aufflammen. Aus unserer Richtung gilt immer noch das Signal: Einigkeit, gemeinsames Vorgehen, klare gemeinsame Linie.

Zumal das ja auch immer einen psychologischen Effekt hat. Die Leute denken dann: "Ach es wird besser, jetzt muss ich mich nicht mehr so genau an die Regeln halten". Das wäre fatal.

Janssens0405.jpg

Uwe Janssens wundert sich, dass Deutschlands Nachbarländer trotz hoher Infektionszahlen Maßnahmen lockern.

(Foto: ntv)

Genau das ist der Punkt. Jeder denkt dann: "Es ist eigentlich gut". Das sind Signale, die gesetzt werden, die natürlich jeder freundlich aufnimmt. Das kann man verstehen. Alle wollen wieder zusammenkommen, nach draußen gehen und Sachen gemeinsam erleben. Das ist verständlich. Aber wir sind noch nicht ganz über den Berg und wir müssen wirklich in eine gute, schöne Ebene hereinkommen, dass wir wirklich einen guten Sommer haben.

Wie beobachten Sie die Zahlen zum Beispiel in Frankreich und den Niederlanden? Dort sind die Inzidenzen sehr hoch und trotzdem gibt es jetzt Lockerungsschritte. Manche fahren auch mit einem negativen Testergebnis mal kurz nach Holland shoppen.

Wir werden sehen, was das für Ergebnisse hat. Mich wundert das ein bisschen, dass gerade zum Beispiel die Niederlande, die eine sehr geringe Dichte an Intensivbetten haben und auch immer wieder Signale ausgesendet haben, dass sie da Probleme bekommen, dass sie so mutig sind und hier diesen Schritt gehen. Epidemiologisch gesehen würde man auch, genau wie das Herr Lauterbach für die deutschen Entwicklungen in einigen Regionen gewarnt hat, sagen: Ist das der richtige Weg zum jetzigen Zeitpunkt? Droht dann nicht doch irgendwann wieder eine Überlastung? Wir haben immer noch hohe Infektionszahlen. Das bedeutet auch immer wieder, dass wir das Risiko haben, dass sich weitere Mutationen entwickeln und dann wieder durchsetzen. Das ist genau der Punkt bei hohen Infektionszahlen.

In den vergangenen Tagen wurde diskutiert, Corona treffe besonders Menschen aus sozial schwachen Schichten. Also Menschen, die in beengten Wohnverhältnissen leben, die nicht im Homeoffice arbeiten können. Ist das etwas, was wir in den Krankenhäusern auch beobachten?

Das ist eine Diskussion, die wir jetzt seit Monaten führen. Da gibt es Zusammenhänge, aber ich betone das nochmal ganz klar: Wir haben das nie gemessen, und die deutsche intensivmedizinische Fachgesellschaft hat ganz klar auch darauf hingewiesen, dass das nicht in unserem Fokus steht. Nichtsdestotrotz, und das muss man ganz klar betonen, ist es doch wohlbekannt, dass sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen jedweder Nationalität tatsächlich immer Gefahr laufen, gesundheitliche Schäden zu entwickeln. Armut ist - und das ist eine wohlbekannte Tatsache -, assoziiert mit Begleiterkrankungen, mit Risiken schwere Erkrankungen zu entwickeln, und das ist besonders bedeutsam in einer Großepidemie, wie wir sie im Moment haben. Und deshalb wundert es mich so ein bisschen, dass das jetzt plötzlich erkannt wird. Wir haben überall in Deutschland das Signal, dass größere Infektionszahlen dort sind, wo wir sozioökonomisch schlecht gestellte Bevölkerungsgruppen haben. Hier braucht man Aufklärung. Hier braucht man das, was die Stadt Köln beispielsweise jetzt macht, dass Impfbusse in diese Stadtteile hineinfahren, die tatsächlichen Menschen anfahren und damit ihnen auch ein Impfangebot machen. Das halte ich wirklich für außerordentlich vernünftig. Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Und deshalb sollte die Diskussion darüber nicht in Bezug auf bestimmte Bevölkerungsgruppen abzielen, sondern alle sozioökonomisch benachteiligten Menschen müssen mitgenommen werden und müssen tatsächlich auch im Hinblick auf das Impfprogramm und die Aufklärung in den Fokus genommen werden.

Mehr zum Thema

Das wäre jetzt auch schon meine nächste Frage gewesen: Was kann man dagegen tun? Also solche Aktionen - in Brennpunkten impfen - finden Sie gut. Können Sie das beurteilen, ob sich die Impfbereitschaft in diesen Schichten anders darstellt? Gibt es da mehr oder weniger Skepsis?

Es ist wohlbekannt, dass die Impfskepsis tatsächlich auch damit zusammenhängt, wie stark die Aufklärung ist, wie stark der Bildungsgrad ist. Das wissen wir sehr genau aus weltweiten Untersuchungen. Aber wir haben Impfskeptiker natürlich auch in allen Bevölkerungsgruppen. Das mal vorab gesagt. Es ist richtig, dass man sozial schwache Menschen ansteuert, dass man sie mitnimmt, dass man ihnen ein Angebot macht, das sie vielleicht sonst gar nicht mitbekommen würden. Deshalb begrüßen wir das außerordentlich, dass so etwas jetzt gemacht wird. Dazu gehört aber natürlich auch, dass Sozialarbeiter in diese Regionen reingehen. Dass man sich mehrsprachig positioniert und wirklich in den verschiedenen auch soziokulturellen und religiösen Einrichtungen versucht, genau für diese Impfprogramme und bezüglich der Infektion nicht Werbung aber Aufklärung zu betreiben, sodass diese Menschen auch eine Chance erhalten, zu verstehen, was für ein großer Mehrwert diese Impfung zum jetzigen Zeitpunkt darstellt.

Mit Uwe Janssens sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.