Panorama

Älter, ärmer, vorerkrankt Wer sind Deutschlands Corona-Tote?

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Mehr als 80.000 Menschen starben in Deutschland bislang an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Toten tauchen in den Pandemie-Daten wie namenlose Wesen auf. Dabei steht jede Zahl für einen Menschen mit einem Gesicht, einem Leben und einem ganz eigenen Schicksal. Was ist über die Todesfälle aus dem vergangenen Winter bekannt?

Sir Tom Moore, Roy Horn, Jörn Kubicki, Kenzo Takada und Brittanya Karma: Sie alle geben der Gefahr von Covid-19 ein Gesicht. Wie so viele Menschen weltweit sind sie an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Doch sie gehören einer Minderheit an: Die überwiegende Mehrheit der Toten bleibt in dieser Pandemie anonym.

Es ist ein schwacher Trost, dass ihr Tod dennoch in der Öffentlichkeit nicht in Vergessenheit gerät: Er findet Eingang in die Statistik. Und diese Zahlen, so kalt und nüchtern sie erscheinen mögen, fügen sich zu einem größeren Gesamtbild, das die Lebenden wachrüttelt. Denn die Tabellen und Grafiken, die die Sterbefälle abbilden, machen unmissverständlich deutlich: Das Coronavirus ist gefährlich - mitunter lebensgefährlich.

Was sagt die Statistik über die Corona-Toten in Deutschland aus? Bislang sind nachweislich fast 80.000 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 ums Leben gekommen, wie aus den von ntv.de ausgewerteten Daten der Bundesländer hervorgeht. Mehr als 63.000 dieser Todesfälle wurden erst nach dem 1. Dezember 2020 registriert. In den vergangenen vier Monaten hat sich die Gesamtzahl der Opfer damit mehr als verdreifacht. Unter den Betroffenen waren deutlich mehr Männer als Frauen, sie blickten auf mehr als 70 Lebensjahre zurück. Den Altersmedian gibt das Robert-Koch-Institut (RKI) mit 84 Jahren an.

In der am schwersten betroffenen Altersgruppe, bei den über 80-Jährigen, machen Frauen in absoluten Zahlen die meisten Todesopfer aus. Das lässt sich dadurch erklären, dass in dieser Gruppe prozentual auch mehr Frauen als Männer vorkommen. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung ist schlicht höher. Setzt man die Fallzahlen ins Verhältnis, zeigt sich ein anderes Bild. Im Bundesdurchschnitt starben bei den über 80-Jährigen auf 100.000 Einwohner gerechnet 843,6 Frauen und 1130,4 Männer durch Covid-19 (Datenstand 14.04.). Besonders viele Sterbefälle verzeichnen dabei die Bundesländer Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Übersterblichkeit im Winter besonders prägnant

Es war ein harter Winter. Das zeigen die Zahlen eindrucksvoll. Während in den Sommermonaten 2020 "nur" einige Hundert Personen an den Folgen von Covid-19 starben (im gesamten Juli waren es 135), zählte das RKI im Dezember 21.578 Corona-Sterbefälle. Im Januar 2021 waren es 21.259. Die zweite Welle erwischte die Bundesrepublik mit voller Wucht.

Auswertungen des Statistischen Bundesamtes stellen klar, dass die sogenannte Übersterblichkeit in diesen Monaten besonders prägnant war. Das bedeutet, dass im Vergleich zu den Vorjahren wesentlich mehr Menschen verstarben. Diese Entwicklung korreliert mit dem Anstieg der Covid-19-bedingten Todesfälle. Auch in den Vorjahren gab es Ereignisse, die dafür sorgten, dass mehr Personen ums Leben kamen, als das normalerweise der Fall ist. Ein Beispiel ist die verheerende Grippesaison 2017/18. Doch die Coronavirus-Pandemie stellt dies vielerorts in den Schatten.

Es gibt eindeutige regionale Unterschiede. In Sachsen etwa, wo das Coronavirus im letzten Quartal 2020 besonders stark grassierte, ist die Übersterblichkeit in den Wintermonaten klar in den Grafiken erkennbar. In Schleswig-Holstein, das bis heute vergleichsweise gut durch die Pandemie kam, unterscheidet sich die Anzahl der Sterbefälle nicht signifikant von den durchschnittlichen Werten aus den Jahren zuvor.

Die gute Nachricht: Im Frühjahr 2021 sind weniger Menschen gestorben als im Durchschnitt der Vorjahre. Laut einer Hochrechnung des Statistischen Bundesamts gab es im März bundesweit 81.359 Todesfälle. Das entspricht elf Prozent weniger als im März-Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2020. Im gesamten ersten Quartal 2021 gingen die Todeszahlen den Angaben zufolge um zwei Prozent zurück. Als Erklärung führen die Forschenden die äußerst schwache Grippesaison 2020/21 ins Feld. Die verhängten Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 weisen auch andere Erreger in die Schranken. Als probates Mittel gilt dabei vor allem das Tragen von Masken.

Sozialer Status bedingt Risiko

Die regional zur Verfügung stehenden Daten sagen noch etwas anderes über die größte gesundheitliche Herausforderung im Nachkriegsdeutschland aus: Sie zeigen - mit gewissen methodischen Abstrichen -, dass das Coronavirus Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten unterschiedlich hart trifft. In mehreren Untersuchungen und Studien analysierten Wissenschaftler das Ausbruchsgeschehen in der ersten und zweiten Welle. Sie veröffentlichten ihre Erkenntnisse am September 2020 im "Journal of Health Monitoring" und im März 2021 im "Deutschen Ärzteblatt".

Weil das RKI nur Daten über das Alter und Geschlecht von Toten sowie das meldende Gesundheitsamt und damit indirekt den Wohnumkreis des Opfers registriert, ist eine Aussage über soziale Gruppen und deren Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, schwer zu treffen. Den Autoren des RKI gelang es jedoch, anhand der 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland und dem "German Index of Socioeconomic Deprivation" (GISD), einen eindeutigen Zusammenhang zu erkennen. Dank des GISD kann - vereinfacht gesagt - ermittelt werden, in welcher Region vorwiegend sozial benachteiligte Menschen und wo besonders viele Gutverdiener und Menschen mit einem höheren Bildungsgrad leben.

Für die erste Welle lässt sich so nachvollziehen, dass sich das Coronavirus zunächst in sozioökonomisch gut aufgestellten Kreisen im Süden Deutschlands ausbreitete. Das ist beispielsweise durch Skireisende in die Urlaubsgebiete in den Alpen, etwa Ischgl, oder auch durch einen höheren Anteil an Geschäftsreisenden zu erklären. Im Verlauf drehte sich dieses Verhältnis allerdings um. Das Virus schwappte gen Norden, verteilte sich auf Karnevalssitzungen, fuhr in der Bahn mit zur nächsten Stadt und vervielfältigte sich in Betrieben, Wohnungen, Schulen und Pflegeheimen. Ab April 2020 infizierten sich dann vorwiegend Menschen in Regionen, die weniger wohlsituiert sind als der Süden.

Eine ähnliche Entwicklung ist in der zweiten Welle zu beobachten. Die Studienautoren schreiben, dass zunächst "sozioökonomisch bessergestellte Bevölkerungsgruppen für die anfängliche Dynamik einer Sars-CoV-2-Welle eine bedeutende Rolle" spielten. Das sei möglicherweise durch eine höhere Mobilität dieser Gruppe (Geschäfts- und sommerliche Urlaubsreisen sowie Pendlerverkehr zwischen Regionen) zu erklären. Im späteren Verlauf steckten sich dann erneut mehr Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Gebieten an. Mehr Infektionen bedeuteten im Umkehrschluss auch mehr Tote. Das RKI kommt zu dieser verstörenden Schlussfolgerung: "Im Dezember und Januar lag die Covid-19-Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung."

Die Menschen sterben an Corona

Anhand dieser Daten lässt sich nicht nur die Ausbreitung des Virus nachvollziehen, sondern auch eine andere Problematik erklären: Menschen, die aus einem sozial schwachen Umfeld kommen, haben auch ein besonders hohes Risiko für einen schweren bis tödlichen Covid-19-Verlauf. Das könnte damit zusammenhängen, dass in dieser Bevölkerungsgruppe verhältnismäßig viele Vorerkrankungen und -bedingungen auftreten, die einen nachteiligen Effekt auf die Viruserkrankung haben. Dazu zählen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Diabetes, Krebs, aber auch der Lebensstil einiger Menschen dieser Gruppe. Speziell: übermäßiger Zigarettenkonsum und Adipositas. Sie alle gelten als Corona-Risikofaktoren.

Hinzu kommt, dass die Betroffenen auch in ihrem Alltag einer überdurchschnittlich hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind im Vergleich zu ihren besser verdienenden Mitbürgern: Sie können weniger im Homeoffice arbeiten, etwa weil sie im Schlachtbetrieb, im Gesundheitssektor oder im Supermarkt tätig sind. Sie nutzen verstärkt die öffentlichen Verkehrsmittel, wohnen mit vergleichsweise vielen Menschen auf engerem Raum zusammen und haben mitunter nicht den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung wie andere Bevölkerungsgruppen.

Bei der Obduktion von 735 Verstorbenen stellte das Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) fest: 84 Prozent können "sicher als Covid-Sterbefall" eingeordnet werden. In sieben Prozent der Fälle war die Infektion mit Sars-CoV-2 nicht todesursächlich. Außerdem stellten die Mediziner fest, dass der überwiegende Anteil der Todesopfer relevante Vorerkrankungen hatte. Dazu zählten vor allem Bluthochdruck, chronische Niereninsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), bösartige Tumorerkrankungen oder Diabetes. Jeder fünfte Verstorbene wies ein krankhaftes Übergewicht auf.

Zehntausende Tote sind unvergessen

80.000 Corona-Tote ist eine erschreckende Zahl. Beim Blick auf Deutschlands Nachbarn wird allerdings deutlich, dass die Bundesrepublik relativ glimpflich durch die erste und zweite Ansteckungswelle gekommen ist. Doch auch hierzulande hatte und hat die Pandemie einen negativen Effekt auf die Lebenserwartung. Für das Jahr 2020 kam das Statistikamt Eurostat auf einen Rückgang um 0,2 Jahre. Sie errechneten, dass ein Neugeborenes in Deutschland nunmehr im Schnitt 81,1 Jahre alt wird.

Die Coronavirus-Pandemie ist noch nicht überstanden. Noch immer steckt sich eine Vielzahl von Menschen an. Die Lage auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser verschlimmert sich von Tag zu Tag. An diesem Sonntag hält die Bundesrepublik kurz inne und blickt in einer zentralen Gedenkfeier auf das zurück, was bereits geschehen ist. Zehntausende Menschen haben eine Infektion mit dem tückischen Erreger Sars-CoV-2 nicht überlebt. Sie bleiben zumeist anonym. Im gesellschaftlichen Gedächtnis sind sie unvergessen.

Quelle: ntv.de, Mitarbeit: Christoph Wolf und Martin Morcinek

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