Panorama

Blick auf Corona-Deutschland Wo sind die Hotspots, wo "grüne Zonen"?

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Warum manche Regionen zum Hotspot werden, andere aber sehr niedrige Inzidenzen haben, ist nicht immer klar.

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Insgesamt steigen die Inzidenzen in Deutschland wieder, aber die Fallzahlen sind regional sehr unterschiedlich. Ein Großteil der Hotspots befindet sich in nur zwei Bundesländern, fast alle Gebiete mit besonders wenig Neuansteckungen im Westen. Doch es gibt auch Ausreißer und sinkende Zahlen.

Der Trend ist eindeutig: Seit Mitte Februar sinken die Corona-Inzidenzen in Deutschland trotz eines anhaltenden Lockdowns nicht weiter, sondern steigen wieder. Die dritte Welle scheint Fahrt aufzunehmen, heute registrierte das RKI fast 14.000 Neuinfektionen, rund 2200 mehr als vor einer Woche. Doch die Pandemie entwickelt sich regional sehr unterschiedlich. Von den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten sowie den 12 Berliner Bezirken haben 88 derzeit 7-Tage-Inzidenzen von mehr als 100 registrierten Fällen pro 100.000 Einwohnern. Es gibt aber auch 45 mit weniger als 35. Immerhin 126 haben Inzidenzen unter 50, alle anderen bewegen sich zwischen 50 und 100 Neuinfektionen.

Bei der Verteilung im Bundesgebiet gibt es einige Auffälligkeiten. So konzentrieren sich besonders viele Hotspots mit Inzidenzen in nur zwei der 16 Bundesländer. Von aktuell 22 Kreisen mit Inzidenzen über 150 befinden sich elf in Bayern und acht in Thüringen.

Mit einer Inzidenz von rund 380 führt das thüringische Greiz die Liste der Hotspots an, die Neuinfektionen steigen dort so rasant wie in kaum einer anderen Region Deutschlands an. Am 15. Februar waren es noch 54 Fälle pro Woche und 100.000 Einwohner, 14 Tage später bereits 159.

"Virus hält sich auf dem Land länger"

Thüringen hat mit mehr als 138 Fällen auch die mit großem Abstand höchste Inzidenz aller Bundesländer. Woran dies genau liegt, ist schwer zu sagen, wie so oft in den vergangenen Monaten spricht man auch dort von einem "diffusen" Infektionsgeschehen. Es gibt aber eine Eigenschaft, die möglicherweise auch die hohen Werte anderer Regionen wenigstens zum Teil erklären könnten.

Thüringen sei besonders ländlich geprägt, und Menschen auf dem Land hätten ein anderes Sozialverhalten, sagte der Jenaer Infektiologe Matthias Pletz dem MDR. "Am Anfang hatten wir alle erwartet, dass in den größeren Städte das Infektionsgeschehen hoch ist, und überraschend war es dann aber in den ländlichen Gebieten so. Das ist tatsächlich das soziale Gefüge. Der Großstädter ist ja eigentlich einsamer als der Mensch auf dem Land. Auch wenn das Land dünner besiedelt ist." Laut Pletz gibt es auf dem Land eher eine Vereinskultur, die Menschen kennen sich besser. Die Intensität der Kontakte sei dann entscheidend, so der Infektiologe. Das Virus halte sich auf dem Land viel länger.

Soziale Unterschiede in Städten mitentscheidend

Für die Theorie spricht, dass es umgekehrt in Großstädten, wo viele Menschen auf kleinem Raum zusammenleben gar nicht so hohe Inzidenzen gibt. München liegt beispielsweise mit einer Inzidenz von rund 65 unter dem Bundesdurchschnitt, Berlin zählt aktuell sogar nur etwa 55 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner. Und auch Jena, Weimar und Erfurt stehen mit Inzidenzen von rund 63, 54 und 90 in Thüringen vergleichsweise gut da.

In den Städten spielen offenbar die sozialen Verhältnisse eine entscheidende Rolle, was unter anderem aus einer Forschungsarbeit des RKI zur ersten Corona-Welle hervorgeht. In Berlin hat zum Beispiel das wohlhabende Pankow eine Inzidenz von etwas über 40, während der ärmere Bezirk Tempelhof-Schöneberg auf den doppelten Wert kommt. Gründe dafür sind unter anderem verengte Wohnverhältnisse, die Tatsache, dass viele schlechter bezahlte Jobs Präsenzberufe sind sowie eine mit schwächeren Einkommen oft verbundene ungesündere Lebensweise.

Dass aber auch Städte extrem hohe Inzidenzen haben können, zeigt Hof, dessen Inzidenz mit über 350 fast so hoch wie die von Greiz ist. Der fränkische Ort liegt mitten in Deutschlands größten Corona-Ballungsraum, der aus Ost-Bayern, Thüringen und Nord-Sachsen besteht.

Mutante B.1.1.7 nicht alleinige Ursache

Dort kommt zu der überwiegend ländlichen Prägung die Nähe zu Tschechien hinzu. Das gesamte Land hat mit einer Inzidenz von fast 800 zusammen mit Estland derzeit die höchsten Fallzahlen Europas. In den Grenzregionen sind sie teilweise noch deutlich höher. Aus Tschechien hat sich wahrscheinlich auch die hochansteckende Virus-Mutante B.1.1.7 nach Deutschland vorgearbeitet.

Dem jüngsten RKI-Bericht zu den Sars-CoV-2-Varianten zufolge wurden in Bayern bisher auch besonders oft die Mutante in positiven Proben festgestellt. Den Anteil von B.1.1.7 am gesamten deutschen Infektionsgeschehen schätzt das RKI schon auf 55 Prozent. In der Grenzregion zu Tschechien könnte er aber bereits deutlich höher sein, zumal der Bericht den Stand von vor einer Woche abbildet.

In Thüringen ist der Mutanten-Anteil laut RKI-Bericht allerdings nicht außergewöhnlich hoch. Im Gegenteil, sie macht dort weniger als 10 Prozent aus. Das mag an der noch zu geringen Sequenzierung von positiven Proben liegen. Aktuell hohe oder steigende Inzidenzen können aber offenbar nicht alleine auf B.1.1.7 zurückzuführen sein.

Was ist los in Schwäbisch Hall?

Im östlichen Corona-Ballungsraum gibt es auch Lichtblicke. So sinken die Fallzahlen beispielsweise in Tirschenreuth, das lange Zeit der Kreis mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz in Deutschland war. Seit dem Höchststand von rund 400 Fällen pro 100.000 Einwohner ist der Wert auf rund 185 zurückgegangen, womit der Kreis jetzt die Top 10 der Hotspots verlassen hat. Noch besser sieht es im thüringischen Hildburghausen aus, das die Inzidenz auf knapp 153 senken konnte.

Der einzige Landkreis der Top-10-Hotspots, der nicht im östlichen Corona-Ballungsraum liegt, ist auf Platz 10 Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg mit einer Inzidenz von etwa 195. Dies liegt vor allem an der 35.000-Einwohner-Stadt Crailsheim, deren Wert 500 überstiegen hat.

Laut SWR stecken sich dort vor allem Mitarbeiter kleiner Betriebe an. Außerdem habe es Corona-Ausbrüche in einer Flüchtlings- und Obdachlosenunterkunft und in zwei Kindergärten gegeben. Dem Sozialdezernent des Kreises Schwäbisch Hall zufolge sollen 70 Prozent der Fälle der B.1.1.7-Mutante zuzurechnen sein.

Ein Kreis mit Inzidenz unter 10

Wie sehr sich das Pandemiegeschehen auch regional sehr stark unterscheiden kann, zeigt der Landkreis Kitzingen, der sich im bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken gar nicht so weit von den Hotspots des Landes befindet. Mit einer Inzidenz von 9,9 führt er derzeit die Top 10 der "grünen Zonen" in Deutschland an. Das ist umso überraschender, da der Kreis noch am 10. Februar fast 130 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche zählte.

Wie viele andere Niedriginzidenz-Regionen hat auch für Kitzingen kein Spezialrezept für den Erfolg - zumindest ist es nicht bekannt. Vermutlich halten sich die Menschen an die Regeln und etwas Glück ist sicher auch dabei. Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass der Kreis vor allem vom Weinanbau lebt und weniger Menschen in Betrieben zusammenarbeiten.

Dagegen spricht allerdings die These des Jenaer Infektiologen Pletz, der ja sagt, durch das soziale Gefüge halte sich das Virus auf dem Land länger. Es muss also noch weitere Variablen geben, die einen Unterschied machen, beispielsweise verschiedene Mentalitäten oder soziale Prägungen.

Rheinland-Pfalz hat die meisten "grünen Zonen"

Eine Landwirtschaftsregion ist auch das oberbayerische Eichstätt aus, das eine Inzidenz von rund 20 aufweist und den zehnten Platz der Landkreise mit den geringsten Neuinfektionen belegt. Damit hat Bayern zwei Kreise in den Top 10 der "grünen Zonen" und vier unter den zehn Hotspot-Regionen mit den höchsten Werten.

Vier von acht Kreisen mit Inzidenzen unter 20 liegen in Rheinland-Pfalz. Kusel (11,4), der Landkreis Kaiserslautern (17,9) und Cochem-Zell (17,9) gehören zu einem größeren Cluster in dem Bundesland, in dem viele Kreise Inzidenzen unter 50 haben. Dazu kommt noch die Stadt Speyer (15,8), die allerdings von einem Kreis mit mehr als 60 Fällen pro 100.000 Einwohner und Woche umgeben ist.

Nur Schleswig-Holstein unter 50

Rheinland-Pfalz ist jedoch nicht das Bundesland mit den derzeit niedrigsten Fallzahlen, ein Wert von rund 51 reicht nur für den zweiten Platz. Spitze ist hier Schleswig-Holstein, das eine 7-Tage-Inzidenz von 48 aufweist. Dafür genügt mit Dithmarschen (12,8) ein Kreis in den Top 10, weil das Land in seinem nördlichen Teil bis auf die Stadt Flensburg durchweg Kreise mit Inzidenzen unter 50 hat.

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Das ist wiederum erstaunlich, weil Schleswig-Holstein im Norden an Dänemark grenzt, in dem B.1.1.7 schon länger die quasi alleinherrschende Virus-Variante ist. Möglicherweise liegt es an Grenzschließungen. Aber selbst in Flensburg, wo laut Oberbürgermeisterin Simone Lange Corona-Infektionen fast nur noch mit mutierten Viren festgestellt werden, sinken die Fallzahlen. Am 2. März betrug die Inzidenz dort noch rund 162, heute liegt sie bei knapp 88.

Man sieht, dass das Coronavirus weiter Rätsel aufgibt und noch viel Forschungsarbeit nötig ist, um genauer zu wissen, wo und unter welchen Gegebenheiten Ansteckungen stattfinden. Vor allem wird bisher offenbar zu wenig auf die sozialen Aspekte geschaut. Es scheint außerdem ratsam zu sein, die Pandemie regionaler zu betrachten und zu bekämpfen, da es auch innerhalb der Bundesländer große Unterschiede gibt.

Quelle: ntv.de

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