Politik

So lief das erste SPD-Casting 17 Genossen kämpfen gegen die Uhr

17 Kandidaten, zweieinhalb Stunden, 23 Abende: Die knappe, gnadenlos herunterratternde Redezeit erweist sich als härtester Gegner für die Bewerber um den SPD-Vorsitz. Dennoch liefert der Auftakt des Kandidaten-Castings überraschende Erkenntnisse.

Das ältere Pärchen eilt über den Vorplatz auf den Eingang der Congresshalle in Saarbrücken zu. "Wir brauchen noch so ein Symbol für uns. Als Duo", sagt Gesine Schwan und bleibt stehen, sie will das noch eben in Ruhe klären. "Wie ein Tandem, aber nicht so ein normales", überlegt sie und schaut ihren Partner begeistert an. "Tandem ist gut!", sagt Ralf Stegner und läuft schon wieder los. In der Congresshalle, deren Foyer die beiden nun erreicht haben, erwarten 700 Menschen in wenigen Minuten ihren Auftritt.

Eine Premiere: die erste von 23 Regionalkonferenzen, auf der sich alle Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz gemeinsam der Basis vorstellen. Aber kann das funktionieren? 17 Kandidaten mal zweieinhalb Stunden mal 23 Abende - kommt dabei am Ende mehr rum als Hektik, platte Statements und astronomische Reisekosten? "Wir versuchen hier wirklich etwas Neues", sagt Interims-Parteichef Thorsten Schäfer-Gümbel n-tv.de. "Wir wollen ganz nah an die Mitglieder rankommen und viele beteiligen."

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Team Schwan/Stegner.

(Foto: picture alliance/dpa)

Denn Ziel ist nicht nur, dass die Kandidaten für sich als Person werben. Dringender noch ist das Werben für das Amt des Parteivorsitzenden. Dafür, dass man zukünftig als Partei hinter den Vorsitzenden steht, auch wenn es ungemütlich wird. Weil man sie zuvor gemeinsam ausgesucht hat. "Nahles, Schulz und Beck, die sind ja alle demontiert worden", erinnert sich einer im Publikum, der gerade einen Platz gefunden hat. "Die SPD muss den Umgang mit ihrem Führungspersonal erst noch lernen", sagt ein anderer.

Neun Minuten und 20 Sekunden für jeden

Nicht für alle 700 Teilnehmer reichen die Stühle in der großen verglasten Halle, es herrscht Getümmel und spürbare Freude: Zu wenig Sitzplätze, das bedeutet ja schon mal mehr Publikum, mehr Interesse als erwartet. Auch vorne ist es eng: Da stehen 17 Kandidaten zum Gruppenfoto beisammen, nachdem die Bewerbersuche doch sehr schleppend angelaufen war. "Jetzt gegen Ende wurden es mehr, da mussten die Organisatoren das Programm für heute Abend immer wieder umstellen", sagt Gesine Schwan n-tv.de. "Ich habe andauernd einen neuen Ablaufplan zugeschickt bekommen."

Dieser hat es in sich: Karl Lauterbach nutzte ihn schon im Vorfeld dazu, die Gesamtredezeit pro Bewerber-Duo zu berechnen: neun Minuten und 20 Sekunden. Wie ernst dieses Limit gemeint ist, davon zeugt die weithin sichtbare Digitaluhr auf der Bühne, die in den nächsten zweieinhalb Stunden bei jedem Statement die Sekunden runterzählen wird.

Die Vorstellungsrunde der sieben Duos plus einem Einzelbewerber - fünf Minuten pro Statement - sorgt gleich für einen Paukenschlag: Simone Lange, die Flensburger Oberbürgermeisterin, die sich mit dem Bautzener OB Alexander Ahrens empfohlen hatte, erklärt den Rückzug des Duos. Sie und Ahrens ließen ihre "Kraft übergehen" auf das Team von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Der Ex-Finanzminister von NRW hat sich mit dem Ankauf von Steuersünder-Dateien einen Namen gemacht, die Bundestagsabgeordnete gilt als Expertin für Digitalpolitik.

"Arme sterben früher."

Der Rest des Abends hat also plötzlich nur noch 15 Hauptdarsteller, mehr Redezeit gibt es trotzdem nicht. Wer Herkunft aus der Arbeiterklasse vorweisen kann, verwendet allein darauf zwei Minuten. Lauterbach hat einen "Bildungsaufstieg" geschafft, Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hat das Abitur nur dank des "Schüler-Bafögs von Willy Brandt", die ehemalige NRW-Familienministerin Christine Kampmann war "Arbeiterkind" und hat dann auch noch auf dem Sozialamt gearbeitet. "Verteilungsgerechtigkeit" und "gleiche Chancen" sind ein großes Thema an diesem Abend, besonders punkten können die Bewerber immer dann, wenn sie konkret werden. Lauterbach sagt: "Arme sterben zehn bis zwölf Jahre früher." Das sitzt.

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Team Lauterbach/Scheer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Er ist auch derjenige, dem es nach der sehr friedlichen Vorstellungsrunde, in der die Bewerber Aussagen ihrer Konkurrenten allenfalls "ergänzen" oder "wieder aufnehmen", ein bisschen langweilig wird. "Ich will mal einen Dissens hier aufmachen, den ich wirklich fühle", kündigt er an. Man könne nicht tolle Konzepte entwickeln "und dann machen wir eine Koalition, in der nichts von dem umgesetzt wird." Niemand sonst fordert den GroKo-Ausstieg so deutlich wie Lauterbach und seine Teampartnerin Nina Scheer. Boris Pistorius hält am deutlichsten dagegen: "Wir müssen uns gut überlegen, ob wir so aus der kalten Hose aussteigen", sagt er und beschwert sich darüber, dass "unsere Leute unsere eigenen Erfolge" wie den Mindestlohn nicht hochhalten. Nur wenn man mit der Union partout nicht weiterkomme, sei der Ausstieg gerechtfertigt.

Olaf Scholz in der Defensive

Christina Kampmann und Michael Roth "musste niemand fragen oder überreden", sich zu bewerben. Das heben sie hervor, verweisen auf ihre frühe Entscheidung und die Zeit, die sie genutzt haben, um Konzepte zu erstellen. Bezogen auf die von vielen gewünschten Reformen der Parteistruktur sind die beiden ähnlich konkret wie Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping. Sie alle wollen die Basis stärker einbinden, das Wissen und die Erfahrung der Kommunalpolitiker auch in der Bundespolitik und im Vorstand nutzen.

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Team Scholz/Geywitz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während Finanzminister Olaf Scholz und die ehemalige Brandenburger Landtagsabgeordnete Klara Geywitz laut dem RTL/n-tv Trendbarometer im Wettbewerb vorne liegen, spiegelt das Saarbrücker Publikum diese Favoritenrolle überhaupt nicht wider. Der Applaus ist eher etwas verhaltener als bei den anderen Kandidaten. In der abschließenden Fragerunde für das Publikum muss Scholz dann auch in die Defensive gehen, als ein Genosse wissen will, wie jemand glaubwürdig seine Kandidatur erklären könne, "der uns in dieses Tal der Tränen geführt hat". Scholz verweist auf Branchenmindestlöhne, Kurzarbeitergeld, sozialen Wohnungsbau und was er nicht schon alles auf den Weg gebracht habe. Er sei ein "echter truly Sozialdemokrat".

"Das geht alles von meiner Zeit ab"

Die meisten Sympathiepunkte heimst Gesine Schwan ein, auch wenn ihr der Zwischenapplaus überhaupt nicht gelegen kommt: "Das geht alles von meiner Zeit ab." Das SPD-Publikum nutzt nach all den Debakeln der letzten Monate die Gelegenheit, mal lachen zu können und lässt sich von dem Senior-Duo überraschen. "Ich hätte nicht erwartet, dass Stegner so viel Begeisterung ausstrahlen kann", sagt ein Besucher hinterher.

Der Vorher-Nachher-Vergleich im Publikum legt den Schluss nahe, dass diejenigen, die ihren Favoriten schon hatten, an diesem Abend ihre Meinung kaum geändert haben werden. Dazu war zu wenig echte Kontroverse auf der Bühne. "Mein Eindruck war: Eigentlich könnten die es alle",  resümiert einer der jüngeren Parteigenossen, bleibt aber bei seinem Lieblings-Duo. Andererseits tut es einer Partei, die zuletzt stark zur Selbstdemontage neigte, vielleicht auch mal gut, sich einen ganzen Abend lang fair, begeistert und - ja - fröhlich zu erleben. "Wir sind wie ein Tandem, aber kein normales", sagt Gesine Schwan am Schluss ihres Statements. "Wir lenken beide vorne und trampeln beide hinten."

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Quelle: n-tv.de

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