Politik

Heute vor 30 Jahren Berliner entern Stasi-Zentrale

imago60854803h.jpg

Tausende Menschen begehren Einlass auf das Gelände der Stasi-Zentrale.

(Foto: imago/Rolf Zöllner)

Im 15. Januar 1990 begehren Tausende Bürger Einlass in die Zentrale der gefürchteten Staatssicherheit in der Ost-Berliner Normannenstraße. Danach wird von einem Sturm gesprochen. Dabei ist die Stasi darauf vorbereitet. Zudem befinden sich im Ministerium bereits auch andere Leute.

Ost-Berlin, am 15. Januar 1990: Vor der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit im Stadtbezirk Lichtenberg braut sich etwas zusammen. "Stasi raus, es ist aus" ertönt es vor dem Haupttor in der Normannenstraße. Das Tor geht auf und Tausende Menschen begehren Eingang auf das Gelände. Diese Bilder gehen um die Welt. Sogar US-Präsident George Bush soll das Ereignis im Weißen Haus vor dem Fernseher verfolgt haben. Es hat den Anschein, dass die Revolution in der DDR mit dem Sturm auf den bislang allmächtigen Geheimdienst noch einmal an Dynamik gewinnt. Vor allem wächst die Befürchtung, dass die Ereignisse in Gewalt münden könnten - eine gefährliche Situation.

98635688.jpg

Bei der Erstürmung gehen auch Scheiben zu Bruch.

(Foto: picture alliance / -/dpa)

Allerdings ist es mit Filmberichten über Revolutionen immer so eine Sache. So stellte sich die von der sowjetischen Propaganda suggerierte Erstürmung des Petrograder Winterpalais im Rahmen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution als Legende heraus. Denn Szenen aus Sergej Eisensteins Streifen "Oktober" fanden auf Stalins Befehl hin Eingang in einen Dokumentarfilm und wurden weltweit lange Zeit für bare Münze genommen.

Bürgerkomitees bereits vor Ort

So extrem ist es mit dem Ost-Berliner Ereignis nicht, aber eine gewisse Parallelität zur medialen Überspitzung im Nachhinein ist nicht von der Hand zu weisen. Denn zum Zeitpunkt der sogenannten Erstürmung haben bereits Abgesandte der Bürgerkomitees aus den DDR-Bezirken die Stasi-Zentrale für besetzt erklärt. Sie setzten in Gesprächen mit der Führung des Ministeriums durch, dass die Stasi-Mitarbeiter bis zum Mittag des 15. Januar ihre Arbeitsplätze räumen. Die überwiegende Mehrheit der Geheimdienstler kommt der Aufforderung auch nach. Nur die Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes (HVA) sind noch in ihren Büros, die sie dann am Abend verdunkeln. "Auslandsaufklärung. Betreten verboten" steht auf an Glastüren angebrachten Zetteln. Daran wird sich auch gehalten. Kein Demonstrant dringt in diesen Bereich vor. Einige, die es doch versuchen, werden von Polizisten aufgehalten.

Dies ist den Menschen, die einem Demonstrationsaufruf des Neuen Forums gefolgt sind, das den Eingang zur Zentrale eigentlich nur zumauern will, aber nicht bekannt. Sie fordern mit Sprechchören die Öffnung des Eingangstores. Gegen 17 Uhr springt einer von ihnen über das Tor, das dann geöffnet wird. Die Mitglieder der Bürgerkomitees und die auf dem Gelände vorhandenen Volkspolizisten greifen nicht ein. So können die Menschen ungehindert in den Hof des Stasi-Geländes strömen.

c167c148b0d8dc542ef25cacef5361d6.jpg

Ein verwüsteter Raum.

(Foto: ZB)

Hauptziel der Demonstranten ist nicht etwa das Haus 1, in dem früher Stasi-Chef Erich Mielke residierte, sondern das Haus 18. Dort ist vor allem der Versorgungstrakt untergebracht. Dort befinden sich statt Akten Lachshälften und Haifischflossensuppen in Dosen. Die Menschen zieht es auch dort hin, weil die Räume erleuchtet sind. Es ist bis heute nicht geklärt, ob Stasi-Leute unter den Demonstranten waren, die den Menschenstrom gezielt zu diesem Haus hinlenkten.

Dort kommt es vereinzelt zu Randalen. Türen werden eingetreten, Honecker-Bilder heruntergerissen, Wände mit Farbe beschmiert und das dortige Vorratslager geplündert. Das bleiben aber auch die einzigen Ausschreitungen. Kurze Zeit später werden die Menschen von Vertretern der Bürgerkomitees sowie von Volkspolizisten zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert. Sie kommen dem auch nach.

Reißwölfe in vollem Betrieb

Dennoch steckt in der Tatsache, dass das Volk den Hauptsitz der Institution stürmt, die jahrzehntelang für die Unterdrückung der Opposition in der DDR zuständig war, eine gewisse Symbolik. Die Besetzung eines gefürchteten Machtapparates, der Tausenden Menschen viel Leid gebracht hat.

6860557.jpg

Warenregale im Haus 18.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Und die Wut der Menschen ist verständlich, denn es ist bekannt, dass bei der Stasi, die nun Amt für Nationale Sicherheit, im Volksmund Nasi genannt, heißt, die Reißwölfe heiß laufen. Bereits seit Anfang November 1989 werden wichtige Dokumente geschreddert. In den Bezirken haben die Bürgerrechtler die Geheimdienst-Stellen bereits unter ihre Kontrolle gebracht. Die Ost-Berliner Zentrale hingegen blieb bis Anfang 1990 unangetastet. Auch deshalb sind die Bürgerrechtler aus den Bezirken in die Hauptstadt gekommen, weil die Berliner es "nicht auf die Reihe kriegen", wie Pfarrer Martin Montag, der zu diesem Zeitpunkt beim Suhler Bürgerkomitee tätig war, kürzlich scherzhaft der "Berliner Zeitung" sagte.

Schuld an dem Umstand ist aber vor allem die Regierung von Ministerpräsident Hans Modrow, die aus Ministern der SED-PDS und der ehemaligen Blockparteien besteht. Ihr Zögern sorgt für die Vernichtung vieler Tonnen Geheimdienstmaterial. Bei den Sitzungen des Anfang Dezember 1989 installierten Runden Tisches, zu dessen Hauptaufgaben die Zerschlagung der Stasi-Strukturen gehört, bremsen vor allem Vertreter der ehemals allmächtigen Partei das entschiedene Vorgehen gegen den Geheimdienst.

Bürgerrechtler und Modrow eilen zur Normannenstraße

98635685.jpg

Jugendliche decken sich mit Utensilien aus der Stasi-Zentrale ein.

(Foto: picture alliance / Peter Kneffel)

Die Ereignisse in der Stasi-Zentrale schrecken Bürgerrechtler und Regierung auf. Das DDR-Fernsehen unterbricht sein Programm, um die Demonstranten zur Gewaltlosigkeit aufzurufen. Der zu dieser Zeit im Schloss Schönhausen tagende Runde Tisch beendet seine Sitzung. Vertreter der Opposition eilen nach Lichtenberg, um zur Beruhigung der Lage beizutragen. Sie treffen gegen 19 Uhr ein. Bürgerrechtler wie Ulrike Poppe, Rainer Eppelmann und Konrad Weiß sprechen zur Menge.

Modrow, der zuvor beim Runden Tisch auftrat, befindet sich gerade in einem Gespräch mit dem jugoslawischen Außenminister Budimir Loncar, als ihm die Nachricht über die Erstürmung der Stasi-Zentrale überbracht wird. Der Regierungschef kürzt die Unterredung ab und lässt sich danach zum Ort des Geschehens fahren. Auch er ergreift das Wort. Modrow äußert Verständnis für die Demonstranten. Er sagt aber auch: "Zugleich sollten wir eines wissen: Gewaltlosigkeit und Besonnenheit gehören zusammen. Andersdenkende wird es immer im demokratischen Prozess des Aufbruchs und der Veränderung geben." Die Auftritte Modrows und der Bürgerrechtler tragen zur Beruhigung der Lage bei. Gegen 20 Uhr ziehen die meisten Menschen wieder ab.

Auflösung mit Stasi-Angehörigen

imago66287063h.jpg

Hans Modrow spricht zu den Demonstranten. Rechts neben ihm der Sozialdemokrat Ibrahim Böhme, der wenig später als Stasi-IM enttarnt wird. Ganz rechts der spätere DDR-Außenminister Markus Meckel.

(Foto: imago/Rolf Zöllner)

Die Bewachung des riesigen Areals übernimmt nun ein Zug der Bereitschaftspolizei mit 21 Mann. Am 8. Februar 1990 wird das "Staatliche Komitee zur Auflösung" des Amtes für Nationale Sicherheit gebildet. Dieses zählt etwas mehr als 250 Mitarbeiter, darunter viele hauptamtliche Stasi-Angehörige. Daneben agierte ein "Bürgerkomitee". Nach dem Ereignis vom 15. Januar wird festgestellt, dass Akten fehlen. Es wird gemutmaßt, dass auch Vertreter ausländischer Geheimdienste auf dem Stasi-Gelände waren.

30 Jahre später sind Tausende Säcke mit zerrissenen Stasi-Akten noch immer nicht ausgewertet worden. Nach Angaben des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, werden die Papiere zurzeit per Hand zusammengesetzt. Von einst 16.000 Säcken mit sichergestellten Stasi-Papieren sei bislang der Inhalt von 520 erschlossen worden. Die manuelle Rekonstruktion könnte noch Jahrzehnte dauern. Daneben gibt es noch 111 Regal-Kilometer mit unversehrten Papieren. Die Aufarbeitung der Stasi-Machenschaften wird noch Generationen beschäftigen.

Quelle: ntv.de