Politik

Was für ein Foto! Das Selfie der vier Musketiere

Über dieses Selfie spricht Deutschland: Vier müde Politiker in gelblichem Licht in einer unbekannten Wohnung, hinten hängen Kabel aus der Decke. Es ist nicht weniger als ein kommunikativer Geniestreich.

Die Strategie der grün-gelben Social-Media-Helden ist klar: Sie wollen "stattfinden", also in den Medien auftauchen. Das erwarten die eigenen Leute und zudem wollen die Grünen und die Liberalen weiter den Druck auf die großen Parteien erhöhen. Über Inhalte kann man bei Sondierungsgesprächen nicht öffentlich reden, wenn man sich nicht Chancen verbauen möchte. Auch Durchstechereien haben die vier bisher gut vermieden und damit genau das bewiesen, woran es der CDU zuletzt vollständig fehlte: Professionalität. Kontrolliertheit ist schließlich das, was viele Wähler von der Union in andere Parteien - und vor allem zum SPD-Spitzenkandidaten Olaf Scholz - getrieben hat.

Also: Ein Foto muss her. Und was für eines!

Dieses Selfie ist nicht irgendein Foto. Es ist ikonografisch, weil es zu allerlei Scherzen einlädt: Etwa der Aufforderung "name this band!", gebt dieser Band einen Namen. Das Foto ist zudem ein grünes. Von der Nichtinszenierung erinnert es an frühere Bilder von Annalena Baerbock und Robert Habeck auf dem Balkon. Wohnlich und locker. Damit unterscheidet sich die Bildsprache fundamental von allem, was auf den Instagram-Kanälen der Union zu finden ist. Doch auch die FDP gibt sich für gewöhnlich etwas polierter.

Zudem ist es eben ein Selfie. Vermutlich hätte FDP-Generalsekretär Volker Wissing das Telefon auch jemand anderem in die Hand drücken können. Das Ergebnis wäre dann jedoch das typische Orgelpfeifenfoto gewesen: Eine Reihe von Politikern gucken verklemmt-brav in die Kamera.

Und dieses vermeintlich banale Foto sendet eine ganze Salve von politischen Botschaften aus:

  • Erstens: "Wir reden miteinander." So weit, so simpel.
  • Zweitens: "Wir sind koordiniert und professionell." Die vier Musketiere haben das Foto auf allen Kanälen zugleich gepostet und gezeigt: "Wir können uns auch in anderen Dingen zusammenreißen."
  • Drittens: "Wir sind modern." Statt per Pressemitteilung oder Statement kommunizieren sie auf einem der wichtigsten sozialen Netzwerke gerade der jüngeren Nutzer: Instagram.
  • Viertens: "Wir sind uneitel." Vier Alphatiere des Politbetriebs stehen hier im hässlichen Mischlicht und lassen sich vom Smartphone in die müden Gesichter blitzen. Sie sagen damit: "Personen sind egal. So verhandeln wir: sachorientiert."

Es gehört zur Ironie dieser PR-Aktion, dass sie ausgerechnet durch eine narzisstische Kulturpraxis, das Selfie, Sachlichkeit und Professionalität transportiert.

Auch der Text ist bemerkenswert: "Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten." Ausgelotete Brücken? Das ist ein ungewöhnliches, aber eben nicht falsches Sprachbild, denn es scheint durchaus möglich, Lote beim Brückenbau zu verwenden. Diese Art der sorgsamen Sprache erinnert an Robert Habecks Duktus. Der grüne Co-Vorsitzende ist in guten Stil vernarrt, er hat Bücher (ähem: selbst) geschrieben, darunter eines über politische Sprache. Der kleine, sorgsame Text endet auch stilistisch perfekt: Er tröpfelt aus. Das ist ein einfacher Trick professioneller Autoren: Man benutzt zum Ende eines Textes schlicht immer kürzere Sätze. Im letzten fehlt sogar das Verb. Großartig.

Nicht nur das Foto entspricht also eher grüner Ästhetik. Der Text klingt nach einem grünen Politiker. Es ist fast, als würde ein einzelner Instagram-Post die politischen Machtverhältnisse spiegeln.

Nach einem miefigen, verstörenden Wahlkampf fühlt es sich an, als hätte endlich jemand das Fenster aufgerissen. Und sei es nur in Sachen Polit-PR.

Quelle: ntv.de

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