Politik

Grüne und FDP inszenieren sich Die kleine Selfie-Koalition

So sehen Wahlgewinner aus: Mit einem Selfie dokumentieren die Spitzen von Grünen und FDP ihre erste Gesprächsrunde. Das Foto strahlt Selbstbewusstsein aus, und unbedingten Machtanspruch. Im Internet wird es gefeiert. Doch es könnte nach hinten losgehen.

Es ist ein bisschen bizarr: Nach der Bundestagswahl führt nicht der Wahlgewinner, SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz, die ersten Gespräche. Es sind die Spitzen der beiden kleineren Parteien, die einer möglichen Koalition angehören wollen, die den Reigen der Regierungssuche beginnen.

Strategisch ergibt es Sinn, dass Grüne und FDP vorfühlen, wo Schnittmengen liegen und wo Konfrontationen zu erwarten sind. Das könnte Zeit sparen auf der Suche nach dem neuen Regierungschef, ob er nun von der SPD oder der CDU kommt.

Doch Grünen und Liberalen geht es nicht nur um Pragmatismus. Ihnen geht es auch um Zeichen. Und das setzen sie gekonnt mit einem Foto vom ersten Treffen. Es ist ein Selfie, auf dem die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck, FDP-Chef Christian Lindner und der liberale Generalsekretär Volker Wissing in die Kamera schauen.

Halb erleichtert, halb ermüdet

Was es zeigt: vier leger gekleidete Politiker, halb erleichtert ob des überstandenen Wahlkampfs, halb ermüdet ob der langen Tage nach der Wahl. Was es zeigen soll: vier Politiker, die die Regierungsbildung angehen, die machen wollen und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Das Foto soll den Aufbruch in eine neue Ära signalisieren. Bei allen inhaltlichen Unterschieden hatte Lindner den beiden Parteien bereits kurz nach der Wahl attestiert, sich am stärksten gegen den Status quo der Großen Koalition gewandt zu haben. Wie zum Beweis folgt nun das Foto zu diesem Statement.

Grüne und FDP sitzen seit Jahren in der Bundestags-Opposition. Vor vier Jahren hätte es anders kommen können. Da verhandelten sie mit der Union über eine Jamaika-Koalition. Die Gespräche platzten, FDP-Chef Lindner wollte lieber nicht reagieren als schlecht regieren - ein Satz, der ihm noch heute anhängt. "Wenn wir immer das Gegenteil machen von 2017, dann kann's was werden", sagte Habeck kürzlich im Rückblick.

Der Willen zum Regieren ist da. Das soll auch dieses Foto ausdrücken. Die beiden Parteien wollen nicht nur die langen Jahre der Großen Koalition hinter sich lassen, sie wollen auch eine wichtige Rolle im neuen Kabinett spielen. Das Wahlergebnis gibt ihnen Rückenwind: Die Grünen haben ihr bestes Ergebnis aller Zeiten eingefahren, die Liberalen liegen dank leichter Zugewinne sicher über der Zehn-Prozent-Marke.

Erstaunlich ist allerdings nicht so sehr, dass sich die Parteispitzen auf Instagram inszenieren. Erstaunlich ist, mit welcher Einträchtigkeit sie es tun. Alle vier Politiker haben dasselbe Foto geteilt - wenn auch in leicht verändertem Format, bei Habeck und bei Baerbock und Lindner offensichtlich mit einem Foto-Filter.

Moderne Inszenierung

Hinzu kommt ein gleichlautender Kommentar unter dem Bild: "Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten." Nur bei Wissing hat sich in diesen kurzen Sätzen ein Grammatikfehler eingeschlichen. Auch diese gemeinsame Bildunterschrift zeigt, wie ernst es den beiden Parteien mit der Regierungsbeteiligung ist: Sie wollen auch bei strittigen Themen nach Lösungen suchen.

Das Foto ist eine Inszenierung des gemeinsamen Machtanspruchs. Es zeigt aber auch - und das ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt -, dass Grüne und FDP zukunftsfähig sein wollen. Denn diese Inszenierung über Instagram ist modern, die Politiker wissen, wie sie ihre Anhänger erreichen. Entsprechend verbreitete sich das Foto schon kurz nach der Veröffentlichung in den sozialen Netzwerken, wurde vielfach kommentiert, verspottet und gelobt - und innerhalb kürzester Zeit zum Meme, einem symbolisch aufgeladenen Bild, das in immer neuen, meist witzigen Abwandlungen adaptiert wird.

Eine der schönsten und meistgeteilten Versionen entstand mit der App Reface, mit der Gesichter animiert werden können. Es zeigt die vier Politiker, wie sie den Klassiker "We are Family" von Sister Sledge singen. Eine Familie - das passt ins Bild, geht es in ihnen bei aller angestrebter Harmonie doch auch nicht immer reibungslos zu.

Ob das am Ende auch für eine Regierung mit grüner und liberaler Beteiligung gilt? Das blendet das Foto aus, denn dazu bräuchte es noch einen Kanzler von SPD oder CDU. Doch das spielt vorerst noch eine Nebenrolle - was sich rächen könnte. Wie sagte Habeck doch zu den geplatzten Koalitionsverhandlungen von 2017: "Und nicht wieder vom Balkon winken, bevor etwas geleistet wurde." Geleistet haben Grüne und FDP noch nichts, zu den am Dienstagabend besprochenen Inhalten äußern sie sich nicht, ebenso wenig zu Streitpunkten oder möglichen Kompromissen. Dieses Selfie könnte auch das erste Balkon-Foto von 2021 sein.

Quelle: ntv.de

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