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Als stünde das "C" für Cringe Die CDU hat Konservative heimatlos gemacht

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Am Morgen nach der Wahl kommt Laschet am Konrad-Adenauer-Haus an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Diese Bundestagswahl ist ein Alarmsignal: Die CDU hat als Heimatpartei der Konservativen versagt. Das muss alle politischen Geister entsetzen, egal, wo sie selbst stehen.

Die CDU ist ein politisches Soufflé, und wer einmal ein Soufflé gemacht hat, weiß: Zugluft bekommt den Dingern schlecht. Angela Merkel hat mit ihrem Abgang eine Tür aufgerissen und die Partei ist zusammengesackt zu einem lauwarmen, weichen Pfannkuchen. Kein Moment hat das so sehr verdeutlicht wie Laschets erste Worte an diesem Wahlabend: "ohne Amtsbonus", sagte der Rheinländer, sei das eben ein "offener und harter Wahlkampf". Er meinte: Ohne Amtsbonus sind wir nichts. Für konservative Wähler, für "Bürgerliche", ist das eine Schreckensnachricht.

Was heißt überhaupt "bürgerlich"? Das Wort ist eine charmantere Chiffre für "rechts", aber im ursprünglichen, tadellosen Sinne - nicht als Kurzwort für "rechtsextrem". Es geht um alte Werte, um Anstand, aber auch um technische Modernität, Weltgewandtheit und die Lust am wirtschaftlichen Wachstum - gerade Letzteres ein schöner Kontrapunkt zur unter Grünen gern ventilierten "Degrowth"-Ideologie. Bürgerlich steht aber noch für etwas anderes: Professionalität.

Die CDU hat bürgerliche Werte ignoriert

Viele dieser bürgerlichen Sekundärtugenden hat die CDU im Wahlkampf ignoriert. Da ist zunächst die Technologieoffenheit: Anders als die Schwesterpartei macht die CDU durchweg den Eindruck, mit der neuen Welt zu hadern. Die CSU ist womöglich durch die "Laptop und Lederhosen"-Kampagne geprägt. Sie spricht von Weltraumhäfen und Flugtaxis, nicht immer geht das ohne Spott.

Die CSU weiß sich in sozialen Medien zu bewegen. In der CDU dagegen führt praktisch jeder Tastaturanschlag zum Lacher, sind Kampagnen der peinlichen Social-Media-Truppe "CDU Connect" ein Fest für Häme, ganz, als stünde das "C" für Cringe.

Laschet versuchte, ein "Modernisierungsjahrzehnt" auszurufen, die programmatisch vielleicht kühnste und dümmste Idee überhaupt. Die Union war 16 Jahre Kanzlermacht - und kaum jemand verbindet sie mit Modernität. Das ist einer der Gründe, warum Laschets Auftritt neben Tesla-Chef Elon Musk zu Häme führte: Der Aachener fragte den Elektroking, ob Wasserstoff die Zukunft der Mobilität sei - er übersetzte zwar nur harmlos eine Pressefrage, aber es fügte sich einfach zu gut ins Bild.

Wahlkampf ohne Würde und Anstand

Auch den Anstand haben viele CDUler und ihre Fans sausen lassen, als die Umfragen wirklich bedrohlich wurden: Rüpelige Beschimpfungen auf sozialen Medien wurden zur Normalität. Als ein CDU-Oberstaatsanwalt medienwirksam in SPD-Ministerien durchsuchen ließ, nutzte Laschet das im Fernsehen würdelos aus, anstatt sich bürgerlich von solchen Schlammschlachten fernzuhalten. Bürgerlich geht anders, Bürgerliche respektieren Institutionen. Als weltgewandt gab sich Laschet auch nicht gerade, als er fantasierte, vom Afghanistan unter den Taliban werde schon kein Terror mehr ausgehen.

Am meisten vermissten Bürgerliche in den letzten Monaten an "ihrer" CDU vermutlich die Professionalität. Die Konzentration einer Angela Merkel und auch eines Helmut Kohl beim Umgang mit Medien brachte Laschet in kaum einem Moment zustande. Laschet hat sich bis zur buchstäblichen letzten Sekunde durch den Wahlkampf gehampelt - sogar seinen Wahlzettel steckte er falsch herum in die Urne.

Ohne Sekundärtugenden blieb der CDU nichts - denn das Primäre, die Inhalte, hat sie lange verloren. Nach den Kehrtwenden bei der "Ehe für alle" (zunächst übrigens gegen Laschet) und der Kernenergie (Tabu nach Fukushima) bleibt bei der Union wenig von alten Politschlagern übrig. Die "schwarze Null" verteidigt auch ein Olaf Scholz. Europäischen Gemeinsinn stiften ebenfalls andere.

Die Bürgerlichen sind zur SPD geflüchtet

Was sollten Bürgerliche denn nun tun? Bei der Wahl am Sonntag hatten sie drei Möglichkeiten: die Grünen als die neuen Bürgerlichen, die AfD und die FDP. Die Grünen hatten einen guten Start: Diszipliniert und staatstragend hielten sie eine Doppelspitze durch und die K-Frage offen. Dann aber haben sie sich disqualifiziert durch etwas, was bei der Union auch schon für Ärger sorgte und Bürgerliche nicht mögen: Sie haben geschummelt und sich aufgeplustert. Unprofessionell. Die zerstrittene und grobschlächtige AfD ist für Bürgerliche alten Schlags so attraktiv wie die Releaseparty einer Rechtsrockband. Die FDP ist für manche Bürgerliche schön und gut, was ihr womöglich das historisch beste Ergebnis einbrachte - aber da tummeln sich auch viele Sozialliberale.

Was Bürgerliche angesichts dieses Dilemmas gemacht haben, zeigen die Wählerwanderungen: Viele Bürgerliche - gerade Ältere - sind zur SPD geflüchtet. Das dürfte weiß Gott kein leichter Schritt gewesen sein. Die SPD hat zwei linke Vorsitzende und einen Kevin Kühnert.

Aber die SPD hat eben auch einen General vom konservativen Seeheimer Kreis. Und Lars Klingbeil hat einen löwenartigen, hochprofessionellen, zu jeder Zeit kontrollierten Wahlkampf geliefert - man könnte sagen: einen bürgerlichen. Die roten Kampagneros waren schnell und präzise, die CDU reagierte hingegen auf größte Kommunikationskrisen teils Tage später - wie bei Laschets Gerede, die SPD habe immer auf der falschen Seite der Geschichte gestanden. Die SPD hatte zu Beginn den einen unbürgerlichen Spot, in dem sie Laschets Adlatus Nathanael Liminski attackierte - den räumte Scholz sofort ab.

Scholz, Sehnsuchtsfigur für Bürgerliche

Apropos Scholz: Der Hanseat ist auch persönlich eine fantastische Projektionsfläche für bürgerliche Sehnsüchte nach Professionalität. Am Wahlabend suchten ihn Journalisten händeringend, aber "Olaf" - sie nannten ihn wirklich "Olaf" - wollte nicht, schließlich fehlte noch die erste Hochrechnung. Die Leute mögen diese Kontrolliertheit, Konservative erst recht.

Die SPD hat es so geschafft, den linken Blinker abzukleben und die CDU dann still und leise zu überholen - vermutlich auch bei Wählern, die sich als konservativ bezeichnen.

Diese Wahl war also keine "Richtungsentscheidung", es war auch keine reine Personenwahl, es war vor allem eines: eine Flucht vor unseriösen Angeboten. Die CDU hat an Grüne und FDP verloren, vor allem aber an die SPD - obwohl man der Partei laut Umfragen kaum Kompetenzen auf entscheidenden Gebieten zutraute.

Sehnsuchtsmoment mit Friedrich Merz

Die Personalien Friedrich Merz und Hans-Georg Maaßen zeigen, dass die CDU auch für Erzkonservative personell wenig bietet. Merz machte durch homophobe und frauenfeindliche Äußerung von sich reden, was nicht bürgerlich ist, sondern schlicht unanständig und aus der Zeit gefallen. Maaßen flirtet mit Rechtsextremen und interpretiert die Namensinitialen der grünen Spitzenkandidatin als "Chiffre". Auch so was ist nicht konservativ, sondern schlicht orientierungslos - und für einen Ex-Geheimdienstler auch unprofessionell.

Einen Sehnsuchtsmoment für Bürgerliche bot dieser Wahlkampf durchaus. Es ist ein kleiner Videoschnipsel von Merz, der sich im Wortgefecht mit einem Linken das Jackett auszieht und wütend zischt, eine Auseinandersetzung könne der Gegner gern haben. Da blitzte der gerechte Zorn der Sachkunde auf, die Freude am Streit und wahre Angriffslust! Es war ein Strohfeuer.

Wenn die SPD erst einmal ihre Linken wieder zu Wort kommen lässt, werden viele Konservative, die jetzt bei "Olaf" unterkamen, wieder auf der Flucht sein. Die AfD ist derzeit so attraktiv wie die Klowand eines Kegelclubs, aber das muss nicht so bleiben. Und rechts von der Union können sich auch andere Parteien aufbauen, die ihr Potenzial nicht durch den Verlust jeglichen Anstands verpöbeln.

Sicher ist: Wenn die CDU sich nicht schleunigst verpuppt und als schöner schwarzer Schmetterling wieder auf der politischen Bühne auftaucht, verliert sie weiter bei den Bürgerlichen - an wen auch immer. Ihr Vorsitzender hat das allerdings, wie es derzeit klingt, nicht verstanden.

Quelle: ntv.de

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