Politik

Freunde, Feinde, Wahlchancen Das Virus allein wird Trump nicht umwerfen

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Der erkrankte US-Präsident grüßt aus dem Auto heraus seine Anhänger vor dem Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda.

(Foto: AP)

Wilde Spekulationen darüber, was Trumps Ansteckung mit dem Coronavirus für die US-Wahl bedeutet, sind nur viel Wirbel um dieselben Tatsachen. Für die einen ist Trump ein Versager. Für die anderen der starke Mann.

Ende April verschickte Mitch McConnell, der republikanische Mehrheitsführer im US-Senat, neue Richtlinien des zuständigen Arztes für die Senatoren herum. In einem siebenseitigen Brief wurden alle Senatoren angehalten, zwei Meter Abstand voneinander zu halten. Sie sollten die Zahl der Besucher und Mitarbeiter minimieren, Mund-Nasen-Schutz tragen und sich nicht in Gruppen treffen.

Diese Richtlinien wurden sorgfältig eingehalten, schreibt das US-Magazin "The Hill" - bis zum 26. September. Da verkündete US-Präsident Donald Trump die Nominierung von Amy Coney Barrett als Oberste Richterin am Supreme Court - im Rosengarten des Weißen Hauses. Dort waren die meisten Veranstaltungsgäste ohne Abstand und Mund-Nasen-Schutz geblieben. Man umarmte sich. Auch einer der beiden inzwischen positiv getesteten republikanischen Senatoren drückte andere Gäste herzlich. Trump selbst steckte sich womöglich dort direkt oder indirekt an.

Die Republikaner haben im Senat eine Mehrheit von vier Stimmen. Infizieren sich noch mehr von ihnen, könnte Amy Coney Barrett möglicherweise doch nicht wie geplant vor der Wahl am 3. November bestätigt werden. Dies sei "das jüngste Beispiel für disziplinierte republikanische Senatoren, deren Pläne von einem unberechenbaren Präsidenten untergraben werden", urteilt "The Hill".

Weitere US-Medien spekulieren kräftig mit "Was wäre wenn"-Szenarien. Zu den republikanischen Plänen gehört neben dem prestigeträchtigen Richterposten, den sie mit der konservativen Abtreibungsgegnerin Barrett besetzen wollen, selbstredend auch der Wahlsieg und die Mehrheit in der mächtigen Kongresskammer. Hat also Trumps Sorglosigkeit und seine jetzige Infektion die eigenen Ziele und die der Republikaner entscheidend untergraben?

Kaum Wechselwähler

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Amy Coney Barrett wäre der dritte konservative Richter am Supreme Court, den Trump in seiner ersten Amtszeit installiert.

(Foto: AP)

Es wäre ziemlich abenteuerlich, dies zu diesem Zeitpunkt zu behaupten. Denn eine Zahl ist eindeutig: In den Vereinigten Staaten gibt es nur etwa 3 Prozent echte Wechselwähler. Die große Mehrheit fühlt sich also den Republikanern oder den Demokraten verbunden und bleibt im Zweifel eher zu Hause, als die andere Partei zu wählen. Die Sichtweisen sind dabei ziemlich festgefahren und die meisten haben sich schon entschieden. Umfragen deuten eher darauf hin, dass Trumps Verhalten bei der vergangenen TV-Debatte ihn schlecht dastehen lässt.

Stimmungen können sich dennoch schnell ändern und Umfragen grundsätzlich nur begrenzt Wahlverhalten einschätzen. Die Demokraten mussten dies 2016 am eigenen Leib erfahren. Zwar führt aktuell ihr Kandidat Joe Biden die nationalen Umfragen seit Monaten im Schnitt mit mehr als 7 Prozent an, aber was dies für das Ergebnis im November heißt, vermag niemand zu prognostizieren. Falls es überhaupt nach der Wahlnacht eines gibt. Seit Monaten beschwert sich Trump über die angeblich so betrugsanfällige Briefwahl. Im Fall der Fälle könnte am Ende der Supreme Court entscheiden.

Wirtschaft, Gesundheitsversorgung, Supreme Court, Coronavirus und Kriminalität - für registrierte Wähler sind dies auch in dieser Reihenfolge die wichtigsten Themen, stellte Pew Research fest. Senator Mitch McConnell hat am Wochenende bereits mitgeteilt, dass Barretts Anhörung wie vorgesehen am 12. Oktober stattfinden soll. Infizierte republikanische Senatoren, deren Fehlen die nötige Mehrheit gefährden könnte, sollten sich zur Not virtuell zuschalten.

Nach einer Gesundung dürfte Trumps Ansteckung für die einen Bestätigung gewesen sein, dass der Präsident sein Versagen in der Corona-Politik nun am eigenen Leib erfahren hat, womöglich sind sie sogar schadenfroh. Für andere bedeutet seine Ansteckung eher das Gegenteil: Trump wird nahbar, etwa wenn er in einem Video erklärt, er habe "viel gelernt", das medizinische Personal lobt und die Einheit der Amerikaner beschwört.

Wenn ihr Präsident dann pünktlich am 15. Oktober wieder in alter Manier gegen Konkurrent Joe Biden auf die Bühne des zweiten TV-Duells tritt, weil er just aus der Quarantäne durfte, wird auch seine Erkrankung nur eine weitere Episode seiner Präsidentschaft gewesen sein. Eine, mit der er belegt hat, dass ihn nichts umwirft: kein drohender Bankrott, keine Bettgeschichten, kein Impeachment-Verfahren oder möglicher Steuerskandal. Auch das Virus nicht. Das müssten schon die Wähler tun.

Quelle: ntv.de