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Grünes Küstenkind Der Däne, der Rostocks OB werden will

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"Ich sehe alles in meiner Rolle als Papa, als Bürger und als Unternehmer", sagt Claus Ruhe Madsen.

(Foto: picture alliance/dpa)

"In den Parteien wird viel in Klüften anstatt in Stärken gedacht." Claus Ruhe Madsen setzt daher im Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt in Rostock auf seine Unabhängigkeit. Im Gespräch mit n-tv.de schildert der gebürtige Däne, was ihn mit der Stadt an der Warnow verbindet.

n-tv.de: Ein Däne für Rostock, wie passt das zusammen?

Claus Ruhe Madsen: Bestens. Ich bin Rostocker. Ich wohne seit über 20 Jahren in der Hansestadt. Meine Familie lebt hier. Ich passe also zu der Stadt.

Geboren sind Sie allerdings in Kopenhagen.

Das stimmt. Der Ostseeraum grenzt an Skandinavien. Meine alte Heimat liegt gerade einmal 150 Kilometer Luftlinie von Rostock entfernt. Zieht man einen Kreis um Rostock, dann wohnen 98 Prozent der Deutschen weiter weg als ich, als ich noch in Dänemark war. Wir haben die gleiche Küstenkind-Mentalität. Das vereint uns.

Die Länder der Region haben über Jahrhunderte hinweg Austausch betrieben. Ich strebe eine Zusammenarbeit mit den Ostsee-Anrainern an. Wir müssen nicht etwas erfinden, was es schon woanders gibt. Schweden hat zum Beispiel einen hohen Standard bei der Ökologie, den ich auch erreichen will. Das Gleiche gilt für die Digitalisierung. Kopenhagen hat ein sehr gutes Fahrradwegenetz. Ich habe bereits mit dänischen Planern gesprochen, die uns dabei helfen wollen, auch Rostock fahrradfreundlicher zu machen.

Was bringen Sie mit, was Ihr Konkurrent - Sozialsenator Steffen Bockhahn von der Linken - nicht hat?

Zwei Kandidaten im Wettstreit für Rostock

Am 16. Juni findet die Stichwahl in der Hansestadt Rostock statt. Im ersten Wahlgang am 26. Mai setzten sich der unabhängige Kandidat Claus Ruhe Madsen (34,6 Prozent der Stimmen) und der Linken-Politiker Steffen Bockhahn (18,9 Prozent) durch. Die Wahlbeteiligung lag bei 59,0 Prozent. Bei der anstehenden Abstimmung kann Bockhahn auf die Unterstützung der SPD-Anhänger hoffen. Deren Kandidat, Chris Müller-von Wrycz Rekowski schied mit 13,2 Prozent als Drittplatzierer aus dem Rennen.

 

Der 40-jährige Bockhahn kommt gebürtig aus Rostock und ist derzeit Senator für Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule und Sport in der Hansestadt. Von 2009 bis 2013 saß er für die Linke im Bundestag. Er ist verheiratet und Vater eines Kindes. Claus Ruhe Madsen ist 46 Jahre alt und lebt mit Frau und Tochter im Rostocker Stadtteil Warnemünde. Er ist Geschäftsführer des Möbelhauses Wikinger.

Der große Unterschied ist, dass ich parteilos bin. Ich möchte Bürgermeister für alle Bürger sein. Ich widme mich unterschiedlichsten Aufgaben, die den Interessen etwa der Radfahrer und der älteren Menschen entsprechen. Mir geht es darum, weniger zwischen den Parteien zu streiten, sondern konstruktiv miteinander zu reden.

Ihre Kandidatur wird aber von CDU und FDP unterstützt.

Das liegt daran, dass die beiden Parteien keinen eigenen Kandidaten aufgestellt haben. Sie empfehlen mich zwar, aber geben mir keine finanziellen Wahlkampfhilfen. Ich bin auf meine eigene Infrastruktur angewiesen. Für mich ist das ein wichtiges Signal an die Bürger: Gerade ein Bürgermeister sollte nicht vorgeschriebenen Parteiparolen folgen. Ich denke grün und gleichzeitig schaue ich danach, was wichtig für die Wirtschaft ist. Ich nehme aus allem das Beste. Damit habe ich bessere Chance etwas umzusetzen und orientiere mich nicht an vorgegebenen Plänen oder Parteiprogrammen. Es ist besser, einen kleinen Schritt zu machen, als einen großen Schritt zu denken.

Gerade größere Parteien wie SPD und CDU spüren bei Wahlen und in Umfragen eine gewisse Politikverdrossenheit. Untermauern Sie das nicht mit Ihrer Einstellung?

In den Parteien wird viel in Klüften anstatt in Stärken gedacht. Der Stil muss verändert werden, sonst hält die Verdrossenheit an. Wir müssen auf die Bürger schauen. Es wird nicht besser, indem man schlecht über andere redet. Wenn man das Eigene hervorhebt, fährt man besser. Ich komme von außerhalb der Verwaltung. Ich sehe alles in meiner Rolle als Papa, als Bürger und als Unternehmer. Ich bringe also einen frischen Ansatz mit.

Doch am Ende des Tages müssen Sie gerade mit der Verwaltung und auch der Bürgerschaft zusammenarbeiten.

Steffen Bockhahn (Linke), Sozialsenator der Hansestadt Rostock und Kandidat seiner Partei für die OB-Wahl. Foto: Bernd Wüstneck/Archivbild

Steffen Bockhahn ist derzeit Sozialsenator der Hansestadt Rostock. Er tritt gegen Madsen an.

(Foto: Bernd Wüstneck/ZB/dpa)

Ich will ein moderner Arbeitgeber sein, der seine Mitarbeiter motiviert. Der ihnen Wertschätzung und Verantwortung gibt. Der Ansatz soll sein, dass in Lösungen gedacht wird. Diejenigen, die Anträge nicht genehmigen, sollen sich dafür rechtfertigen - und nicht andersherum. Seit vielen Jahren werden in der Verwaltung Planstellen nicht besetzt. Das führt dazu, dass einzelne Mitarbeiter die Arbeit vieler verrichten müssen. Daher ist der Krankenstand hoch. Das muss sich ändern. Ich strebe an, die Digitalisierung voranzutreiben und einen positiven Arbeitsplatz zu schaffen.

In der Bürgerschaft setze ich auf einen konstruktiven Dialog mit den Parteien. Es geht darum, Rostock besser zu machen. Zuletzt gab es viele Diskussionen und Dispute. Wir müssen einen anderen Ton finden und besser miteinander reden. Der bisherige Oberbürgermeister Roland Methling hat viel geleistet und Rostock schuldenfrei gemacht. Jetzt sollte über Konzepte wie "Fahrradstadt Rostock" nicht nur geredet, sondern diese auch umgesetzt werden.

Sie haben den ersten Wahlgang am 26. Mai mit 34,6 Prozent der Stimmen für sich entschieden. Steffen Bockhahn erreichte 18,9 Prozent. Wer hat Sie gewählt?

Das ist ein breiter Schnitt durch die Bevölkerung. Ich konnte jeden Stadtteil für mich entscheiden, was ich so gar nicht erwartet hätte. Im Endeffekt hatte ich 35.000 Stimmen - das waren mehr als damals Roland Methling 2012 bekam. Mit dem Unterschied, dass es für ihn im ersten Wahlgang direkt für die absolute Mehrheit gereicht hat. Doch dadurch, dass die Wahlbeteiligung in diesem Jahr so hoch war - was ich sehr gut finde -, gehe ich in die Stichwahl. Meine persönliche Befürchtung ist nun, dass meine Wähler am 16. Juni nicht mehr zur Wahl gehen und sich lieber an den Strand legen, weil der Abstand auf meinen Mitbewerber so groß war.

Was ist Ihre Vision für Rostock?

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Rostock zählt rund 200.000 Einwohner. Im Jahr 2025 findet hier die Bundesgartenschau statt.

(Foto: imago/Photocase)

Menschenfreundlichkeit. Wenn es kaputte Gehwege gibt, dann nützt es nichts, dass ein Bus fährt. Denn die ältere Dame kommt dann vielleicht gar nicht zur Bushaltestelle. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist mir wichtig. Rostock soll plastikfrei werden. Ich finde es großartig, dass sich die Jugend dafür stark macht. Wir sind eine Stadt am Meer und tragen damit besondere Verantwortung für unsere Umwelt. Ich will mehr Grünflächen sowie Plätze für Tiny Houses schaffen und Rostock dadurch lebenswerter machen. In einigen Jahren richten wir die Bundesgartenschau aus. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, die Ökologie in den Vordergrund zu rücken. Außerdem sollen im Bereich Wirtschaft Jobs gesichert und geschaffen werden. Wir müssen das Pfund Universität ausnutzen. Ich plane daher, dauerhaft einen Studenten oder eine Studentin mit an meinen Schreibtisch im Rathaus zu holen, um etwa Themen wie intelligente Verkehrsführung zu besprechen. Momentan stehen wir in Rostock zu viel im Stau.

Was passiert noch bis zum 16. Juni, an dem die Stichwahl stattfindet?

Ich war im Wahlkampf viel in den Stadtteilen unterwegs. Nun plane ich auch ein paar Sonderevents. Zum Beispiel in einer Schrebergarten-Kneipe, wo ich mit Gärtnern eine Diskussion führe. Außerdem will ich mit Jugendlichen über Digitales wie e-sports reden. Es sollen einige weitere Themenabende stattfinden, an denen ich mich dabei auf Augenhöhe mit den Bürgern vor Ort austausche. Da bespreche ich nicht unbedingt nur schwere Themen, sondern kann mit den Menschen auch lachen. Die Stadt ist für mich in den vergangenen Monaten gewachsen. Ich kenne jetzt jede Straße. Daher sehe ich das Ganze nicht so verbissen. Ich nehme die Erfahrung mit, die ist unbezahlbar.

Und dann stehen Sie am Ende als Wahlsieger da?

Das entscheidet der Wähler. Meine Hoffnung ist, dass viele Menschen wählen gehen. Der Wahlkampf war und ist sehr interessant. Ich habe viel gelernt. Am Ende ist es, wie es ist.

Mit Claus Ruhe Madsen sprach Friederike Zörner

Quelle: n-tv.de

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