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Fischereiverband ist erbost EU erlaubt Ostsee-Hering nur noch als Beifang

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Für die Fischerei von Heringen gilt eine Ausnahme für Schiffe unter zwölf Metern Länge.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach 20 Stunden Verhandlungen einigen sich die EU-Fischereiminister auf die Fangquoten für 2022. Aufgrund des schlechten Zustands der Bestände dürfen Hering und Dorsch in der Ostsee nur als Beifang gefangen werden - "eine Katastrophe" für die Branche, sagt der Fischereiverband.

Die EU-Fischereiminister haben sich nach langen Verhandlungen auf Fischfangquoten für 2022 geeinigt: Fischer dürfen in weiten Teilen der Ostsee im kommenden Jahr keinen Hering und Dorsch fangen, außer wenn sie als Beifang in die Netze geraten. Wegen des weiterhin schlechten Zustands der Bestände hatte die EU-Kommission ein Fangverbot für diese beiden Fischarten in der westlichen Ostsee vorgeschlagen.

Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums gilt für die Fischerei von Heringen eine Ausnahme für Schiffe unter zwölf Metern Länge, die mit Stellnetzen arbeiten. Sie dürfen weiterhin gezielt Hering fangen. Aktive Fanggeräte wie gezogene Schleppnetze sollen jedoch verboten sein.

Bei Scholle und Sprotte, die auch von deutschen Fischern intensiv befischt werden, einigten sich die Fischereiminister auf leichte Steigerungen der Quote. Die erlaubte Fangmenge für Scholle beträgt 25 Prozent mehr, für Sprotte 13 Prozent mehr.

Dorsch-Quote sinkt drastisch

Durch die Einschränkung der gezielten Befischung von Dorsch in der westlichen Ostsee sinkt in dem für deutsche Fischerinnen und Fischer wichtigen Gebiet die Fangquote der Einigung der EU-Minister zufolge um 88 Prozent. In östlichen Gewässern galt bereits ein Verbot der gezielten Befischung. Die Fischerei von Lachs im Hauptbecken muss um 32 Prozent reduziert werden, während die Quote vor der finnischen Küste mit einem Plus von sechs Prozent nahezu unverändert bleibt.

In der Rigaer Bucht dürfen 21 Prozent mehr Heringe gefischt werden. Freizeitangler dürfen am Tag jeweils einen Lachs und einen Dorsch angeln. Bevor sich die für Fischerei zuständigen Minister einigen, legt die EU-Kommission ihnen jedes Jahr Empfehlungen vor. Dabei stützt sich die EU-Kommission auf Einschätzungen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES).

Deutschland stimmte den Beschlüssen nicht zu. Die EU-Kommission habe "unterschiedliche Maßstäbe" an die Fanggebiete Ostsee und die nördlich gelegeneren Gebiete Kattegat und Skagerrak angelegt, erklärte das Bundeslandwirtschaftsministerium. "Es kann nicht sein, dass unsere Fischerei in der Ostsee massive Einschnitte hinzunehmen hat. Aber auf der anderen Seite wird währenddessen in nördlicheren Gewässern, sei es in Kattegat oder Skagerrak, weiterhin gefischt", sagte Ministerin Julia Klöckner.

Umweltschützer zufrieden

EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius zeigte sich in Luxemburg zufrieden mit der Entscheidung der Fischereiminister. Es sei gelungen, "eine verantwortungsvolle, ausgewogene Einigung zu erzielen, die uns dabei hilft, die Fischbestände in der Ostsee-Fischerei wieder aufzubauen", sagte er. Gleichzeitig forderte er die Mitgliedstaaten dazu auf, gegen "die hauptsächlichen Quellen von Umweltverschmutzung" wie Landwirtschaft vorzugehen. "Unsere Fischer und Fischerinnen sollten nicht den Preis für das zahlen, was an Land falsch läuft".

Die Umweltschutzorganisation BUND begrüßte die Einigung: "Ein 'Weiter so' darf es im Ostsee-Fischfang nicht geben, denn sonst hängen bald nicht mehr nur Fische am Haken, sondern gesamte Arten und Ökosysteme." Greenpeace forderte "konsequente Schutzgebiete - nur so kann das Sterben der Ostsee noch aufgehalten werden".

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Nach Einschätzung des Fischereiverbandes drohen schwere Folgen für die Branche. "Unter dem Strich ist das für die deutsche Fischerei, das muss man ganz klar sagen, eine Katastrophe", sagte Verbandssprecher Claus Ubl. Dorsch und Hering seien die "Brotfische". "Und wenn die dermaßen gekürzt werden, dass man sie nicht mehr gezielt befischen darf, dann kann sich jeder ausrechnen, dass da kaum noch ein Fischer von überleben kann", sagte Ubl.

Es sei abzuwarten, welche Hilfsmaßnahmen kommen. "Aber ich rechne damit, dass es in den nächsten Jahren einen Strukturwandel in der deutschen Ostseefischerei geben wird", sagte Ubl. Wichtige Strukturen dürften wegbrechen, weil sie nicht mehr zu halten seien. "Denn wenn ich keinen Fisch fange, kann ich auch Strukturen wie Kühlhäuser, Eismaschinen und anderes nicht mehr halten - und wenn die einmal weg sind, sind sie weg." Wohin sich die Ostseefischerei entwickeln werde, könne noch niemand sagen. Vielleicht werde der Bund ja noch ein weiteres Abwrackprogramm auflegen. Dass die Quoten für Scholle und Sprotte angehoben wurden, werde einigen Fischern helfen, zu überleben.

Quelle: ntv.de, cls/dpa/AFP

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