Politik

"Historischer Besuch" Erdogan trifft "Freund Wladimir"

Der Abschuss eines russischen Kampfjets löste eine tiefgreifende Krise zwischen Russland und der Türkei aus. Nun ist wieder Entspannung angesagt - und Erdogan reist zu seinem "Freund". Eine Abkehr von der EU? Ein namhafter Historiker vermutet das.

Bei seiner mit Spannung erwarteten ersten Auslandsreise seit dem gescheiterten Putschversuch reist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Russland. Gemeinsam mit Gastgeber Wladimir Putin will der Staatschef bei dem Treffen in St. Petersburg vor allem das zerrüttete russisch-türkische Verhältnis wieder festigen. Die Präsidenten wollen unter anderem über milliardenschwere Energieprojekte und den Syrien-Krieg sprechen.

Türkische Regierungskreise versuchten vor der Reise, Sorgen zu zerstreuen, Erdogans Besuch könnte eine Abkehr des Nato-Landes von Europa bedeuten. "Nur weil man Putin besucht, bedeutet das nicht, dass man sich von der EU abwendet", hieß es. Hauptziel sei die Botschaft: "Lass uns das (die Krise) hinter uns lassen."

Erdogan sagte vor dem Treffen in der Zarenmetropole: "Es wird ein historischer Besuch, ein Neuanfang. Bei den Gesprächen mit meinem Freund Wladimir wird eine neue Seite in den beiderseitigen Beziehungen aufgeschlagen."»

Lichtblick für Tourismusbranche?

Die Türkei hatte Ende November einen russischen Jet im Grenzgebiet zu Syrien abgeschossen. Moskau verhängte daraufhin Sanktionen gegen Ankara. Ende Juni bekräftigte Erdogan dann in einem Brief sein Bedauern. Ihn und Putin trennt aber die Haltung im Syrien-Krieg. Für die türkische Tourismusbranche dürfte der Neubeginn nach monatelanger Eiszeit ein Lichtblick sein.

Nachdem Russland Charterflüge als Folge der Sanktionen eingestellt hatte, brachen die Besucherzahlen ein. Im Juni lag die Zahl der russischen Urlauber verglichen mit dem Vorjahresmonat um 93 Prozent niedriger.

Historiker: Putin will Keil zwischen Türkei und Westen treiben

Nach Ansicht des Historikers Michael Wolffsohn will Putin si einen Keil zwischen die Türkei und den Westen treiben. Durch die angestrebte Annäherung zwischen Moskau und Ankara wolle Putin "natürlich" die EU und die Nato schwächen, sagte der Publizist und Nahostexperte der Nachrichtenagentur AFP. Allerdings hält Wolffsohn den türkischen Präsidenten Erdogan nicht für einen langfristig verlässlichen Partner für Moskau.

Der türkische Staatschef fahre eine "Zick-Zack-Linie", urteilte Wolffsohn. "Bei Erdogan ist nichts dauerhaft, nur das Ziel, seine persönliche Macht zu erhalten und auszubauen." Putin hingegen habe eine klare Strategie. "Weil aber Erdogan heute hü und morgen hott sagt, ist er für Putin nur von Fall zu Fall ein interessanter Partner", fügte der Publizist hinzu. Einer dauerhaften Allianz gibt Wolffsohn daher keine Chance: "Allianzen schließt man für längere Zeit."

Als Beispiele für die Unstetigkeit des türkischen Präsidenten nannte Wolffsohn vor allem den Umgang mit autokratischen Staatsführern. So habe Erdogan Syriens Präsidenten Baschar al-Assad sowie den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi und auch Ägyptens Staatschef Husni Mubarak zuerst "umgarnt" - um sich dann von ihnen abzuwenden. Auch im Umgang mit Israel sei Erdogan mal auf Kooperation und dann auf Konfrontation aus. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) habe Erdogan ebenfalls erst "gewähren" lassen, um sie nun "an die Leine" zu nehmen.

Quelle: n-tv.de, bad/dpa/AFP

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