Politik

Forscher widerspricht UN-Chef "Es gibt keine Biowaffen in Terroristenhand"

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Ein Polizist steht 2017 bei einer Biowaffen-Übung vor einem Dekontaminationszelt.

(Foto: picture alliance / Bernd von Jut)

Monatelang schweigt der Weltsicherheitsrat zur Corona-Krise. Dann überrascht UN-Generalsekretär Guterres mit einer Warnung vor Anschlägen mit Krankheitserregern. Der Hamburger Biowaffen-Forscher Gunnar Jeremias wirft ihm "missglückte Krisenkommunikation" vor.

Die Corona-Misere offenbart, wie sehr der durch Konflikte zunehmend lahmgelegte Weltsicherheitsrat zerstritten ist. Noch nach der Lehman-Pleite 2008 zogen Staaten rund um den Erdball an einem Strang. Jetzt schweigt das UN-Gremium und kann sich nicht auf eine gemeinsame Resolution einigen. Deutschlands UN-Botschafter Christoph Heusgen nennt die Sprachlosigkeit "ohrenbetäubende Stille".

UN-Generalsekretär António Guterres war es, der die Ruhe mit einem weltweit vernehmbaren Knall durchbrach. Er warnte - wie aus dem Nichts - vor Angriffen durch Bioterroristen. "Die Schwächen und mangelhafte Vorbereitung, die durch diese Pandemie offengelegt wurden, geben Einblicke darin, wie ein bioterroristischer Angriff aussehen könnte - und erhöhen möglicherweise das Risiko dafür", sagte der Portugiese bei einer Videokonferenz des Sicherheitsrats, der erstmals wegen der Corona-Krise getagt hatte. "Nichtstaatliche Gruppen könnten Zugang zu virulenten Stämmen erhalten, die für Gesellschaften auf der ganzen Welt eine ähnliche Verwüstung bedeuten könnten."

Auch wenn Guterres vage blieb und lediglich von Wahrscheinlichkeiten sprach, klang sein Weckruf dramatisch. Aber nach Meinung des Politikwissenschaftlers Gunnar Jeremias malt der UN-Generalsekretär einen virtuellen Teufel an die Wand, erst recht im Zusammenhang mit dem Coronavirus. "Es ist alles andere als einfach, eine Biowaffe herzustellen nach dem Prinzip: Da sollen Erreger zum Einsatz kommen, die sich - im Sinne der Angreifer - wirksam, gezielt und kontrolliert verbreiten", erklärt der Experte, der die Forschungsgruppe zur Analyse biologischer Risiken an der Universität Hamburg leitet. "Das ist nach heutigem Kenntnisstand sehr schwer und für die meisten Akteure unmöglich." Wobei dies gerade für Terroristen gelte.

"Es fehlt dem Mensch an Wissen und technischen Möglichkeiten"

"Ich halte es für unrealistisch, dass momentan eine terroristische Vereinigung in der Lage wäre, eine Biowaffe zu bauen, die eine Pandemie auslösen kann", erläutert der Experte im Gespräch mit ntv.de. "Die Vorstellung, wie sie gerne von Verschwörungstheoretikern oder Apokalyptikern verbreitet wird, man setzt da irgendetwas aus und schon entwickelt sich eine Pandemie, die nur bestimmte Länder heimsucht, gibt es nur in Thrillern." Ein solcher Vorgang sei unkontrollierbar. Das Coronavirus, das rund um den Globus erforscht werde, zeige dies. Niemand sei immun, was kaum im Interesse der Angreifer wäre.

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Dr. Gunnar Jeremias, Leiter der Forschungsstelle biologische Waffen und Rüstungskontrolle Universität Hamburg, ZNF.

(Foto: Gunnar Jeremias)

Laut Jeremias schafften es Wissenschaftler in der Vergangenheit zwar schon, bekannte Viren im Labor nachzubauen. Man könne schon lange bekannte Viren genetisch verändern. Dies diene auch friedlichen Zwecken, man denke nur an die Entwicklung von Impfstoffen. "Aber ein ganz neues Coronavirus im Labor zu erzeugen, ist unmöglich. Dazu fehlt es dem Mensch an Wissen und technischen Möglichkeiten." Man könnte es auch so sagen: Die Natur habe im Gegensatz zum Menschen unendlich viel Zeit und könne "probieren und probieren, was Forscher im Labor nicht hinbekommen - und schon gar keine Terroristen, die unter Druck der Ermittler stehen".

Anschläge oft ohne Wirkung

Der Experte unterscheidet zwischen Biogiften und Biowaffen, wobei letztere massenvernichtende Wirkung haben können. Anschläge mit hochgiftigem Rizin, ein Kampfstoff, der auf Pflanzenbasis hergestellt wird, hat es weltweit immer wieder gegeben. Oft zeigten sie kaum Wirkung oder scheiterten im Ansatz. Amerikanische Rechtsextremisten nutzen Rizin bevorzugt als Mittel für Attacken auf politische Gegner. Ende März war ein 31-jähriger tunesischer Islamist, der sich zum IS bekannte, für den Bau einer Bombe mit Rizin vom Oberlandesgericht Köln zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Dem Urteil zufolge probierte er das selbst erzeugte toxische Mittel an einem Hamster aus.

"Zwischen einem Biogift wie Rizin und einem Bakterium oder Virus liegen Welten", erklärt Jeremias. "Rizin entfaltet einmalige Wirkung, pathogene Keime verbreiten sich von selbst und töten im schlimmsten Fall Massen." Es habe Versuche gegeben, Milzbrand, ein Bakterium, als Biowaffe einzusetzen. Die seien jedoch gescheitert. Der Experte erinnerte an den Anschlag der japanischen Sekte Ōmu Shinrikyō in der Tokioter U-Bahn im März 1995. Sie setzte Giftgas ein, weil sie keine Biowaffe herstellen konnte. "Die Sekte hatte lange Zeit intensiv versucht, eine Bombe mit Milzbranderregern zu bauen, steckte rund 20 Millionen Dollar in das Projekt, scheiterte aber zum Glück kläglich", berichtet Jeremias.

"Das ist alles Theorie"

In einem Interview mit der Initiative "Gesichter des Friedens" hatte sich der Hamburger Wissenschaftler kürzlich zur Gefahr geäußert, dass hochansteckende Erreger aus zivilen oder militärischen Anlagen unbemerkt in die Umwelt gelangen könnten. Er sprach von wenigen Vorfällen, die bekannt wurden. "Nach dem folgenreichsten, einer Panne in einer sowjetischen Biowaffenproduktionsanlage in den späten 1970er Jahren, starben 14 Anwohner an Milzbrand." Aus der zivilen Sphäre gebe es eine geringe Zahl an Berichten über Freisetzungen, "die aber alle glimpflich ausgingen".

Jeremias schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen eine Biowaffe herstellen können, durchaus größer ein, als sie es vor 20 Jahren war. "Die Technik hat sich seither verbessert, ist leichter und billiger zu beschaffen. Aber das ist alles Theorie. Wir haben bisher keine Anhaltspunkte, dass das versucht wird. Es gibt keine effektiven, auf Krankheitserregern basierenden Waffen in Terroristenhand - und sehr schnell dürfte sich daran nichts ändern."

Für die Äußerungen von Guterres hat Jeremias denn auch nur begrenztes Verständnis. Er geht davon aus, dass der Portugiese "allgemein formulierte" und bescheinigte ihm "missglückte Krisenkommunikation". Der Friedensforscher warf die Frage auf, "warum ein UN-Generalsekretär in einer Zeit, wo die Menschen sowieso schon verunsichert sind, mit einer Aussage über eine abstrakte Bedrohung für Angst sorgt". Er hält es für "kaum vorstellbar", dass wenige Terroristen Fähigkeiten und Erkenntnisse hätten, "die Hunderte seröse Wissenschaftler nicht besitzen".

Quelle: ntv.de