Politik

Beirut: ein Jahr nach Explosion "Es gibt nicht viel Raum für Optimismus"

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Dem Libanon stehen schwierige Monate und Jahre bevor.

(Foto: picture alliance / AA)

Vor einem Jahr explodierten fast 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut. Heute steckt der Libanon in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen aller Zeiten. Viele haben die Hoffnung aufgegeben, doch eine Frau wagt noch immer, an eine rosige Zukunft zu glauben.

Alle paar Tage muss Cyrene Bader in ihrem Auto unter der prallen Beirut-Sonne stundenlang auf Sprit warten. Das Auto bewegt sich im Schneckentempo in der kilometerlangen Schlange vor der Tankstelle. Als sie endlich vorne ankommt, erhält sie nicht einmal einen vollen Tank - wer Benzin hat, rationiert es, in der Hoffnung, morgen mehr dafür verlangen zu können.

Dann geht die Friseurin zur Arbeit, wo sie jede Woche den Preis für einen Haarschnitt erhöhen muss. Die Inflation im Land liegt inzwischen bei 100 Prozent. Auf dem Heimweg hält sie kurz am Supermarkt an und merkt erst an der Kasse, wie teuer die Lebensmittel geworden sind. Preisschilder lohnen sich nicht mehr, weil sich die Preise zu schnell ändern. Bei Lebensmitteln liegt die Inflation derzeit bei 200 Prozent. "Ich habe jeden zweiten Tag eine Panikattacke, wenn ich in den Supermarkt gehe", sagt sie. "Heute kostet etwas 9000 Lira. Keine 24 Stunden später kostet es 24.000 Lira."

Zu Hause wartet Bader auf den Strom. In ihrem Stadtteil kommt er meist erst gegen 20 Uhr. Strom vom Staat gibt es schon lange nicht mehr, und das Benzin für den Generator wird auch knapp. In der Zwischenzeit macht sie sich etwas zu essen. In ihrer Küche gibt es nur noch unverderbliche Lebensmittel. Denn ohne Strom wird ein Kühlschrank auch nicht kalt.

Nicht immer war der Alltag in Beirut so schwierig. Doch vor fast zwei Jahren begann das Wirtschaftssystem, das aus Schulden und Auslandsinvestitionen besteht, auseinanderzufallen. Damals schleichend, heute mit rasanter Geschwindigkeit. "Ich habe das Gefühl, wir leben in einem bizarren Science-Fiction-Film", sagt Bader über das Leben im Libanon.

Eine Geldpolitik, die tötet

Der Beginn dieses "Films" liegt bereits 30 Jahre in der Vergangenheit, als die libanesische Währung an den US-Dollar gekoppelt wurde. Damals, kurz nach dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs, sollte die Stabilität des Dollars die Inflation der Lira abmildern. Anfang der 1990er-Jahren mag das eine gute Strategie gewesen sein. Aber "es wurde sehr bald klar, dass die Kopplung an den Dollar nicht überleben würde", sagt Sibylle Rizk, Direktorin für öffentliche Politik bei Kulluna Irada, einer zivilgesellschaftlichen Organisation für politische Reformen.

Dennoch wurde die Kopplung künstlich am Leben erhalten. Mit enormen Zinssätzen hat das Land massive Anreize geschaffen, um Investitionen aus dem Ausland anzukurbeln. Spekulanten, die bei der Zentralbank im Libanon anlegten, erhielten dafür teilweise bis zu 20 Prozent Zinsen - zum Vergleich: Einleger in Deutschland haben in den letzten 20 Jahren nie mehr als 5 Prozent erhalten.

Das Geld wurde jedoch nicht in eine nachhaltige Wirtschaft investiert, sondern für Importe ausgegeben. Denn der Libanon hat de facto keine eigene Produktion. Schätzungen zufolge werden mehr als 60 Prozent der Waren importiert. "Wir lebten wie ein ölproduzierendes Land - aber wir hatten kein Öl", sagt Rizk. "Wir hatten nur Geldzuflüsse aus dem Ausland."

Ein Schneeballsystem kollabiert

Jede neue Investition aus dem Ausland wurde zur Begleichung früherer Schulden verwendet. Dann mussten die neuen Schulden abbezahlt werden, also wurde neues Geld gesucht. Das ging 30 Jahre so weiter. Doch irgendwann musste dieses Schneeballsystem zusammenbrechen. Und im März vergangenen Jahres war es so weit: Zum ersten Mal geriet das Land in Verzug und war nicht mehr in der Lage, einen Eurobond in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar zurückzuzahlen. "Je länger dieses Schneeballsystem anhielt, desto teurer wurde es", sagt Rizk. Inzwischen sind nur wenige Länder so verschuldet wie der Libanon. Schätzungen zufolge liegt der Schuldenstand des Landes bei fast 160 Prozent des BIP.

Heute zahlt nicht nur die Regierung die Kosten für diese Geldpolitik, sondern auch jeder und jede, die Geld auf einer libanesischen Bank hat. Anastasia Elrouss, eine Architektin in Beirut, bekommt das besonders zu spüren. Nach der Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt vor einem Jahr musste zwar ein Teil der libanesischen Hauptstadt wieder aufgebaut werden. Doch mit einer Währung, die inzwischen 90 Prozent ihres Wertes verloren hat, ist das kaum möglich. Die Hälfte der Aufträge, die Elrouss im vergangenen Jahr beginnen wollte, konnte nicht bezahlt werden.

Während ihr Architekturbüro weniger Aufträge als üblich erledigt, steckt Elrouss ihre Energie in ihre NGO, die Frauen als Bauarbeiterinnen ausbildet. "Die Wirtschaftskrise hat einige kulturelle Barrieren, dass Frauen nicht alles machen können, niedergerissen", sagt sie. Elrouss will mit der NGO eine lokale Produktion aufbauen, um nicht auf Importe angewiesen zu sein. Sie sieht die Wirtschaftskrise als eine Chance für einen Neuanfang.

Ein Neuanfang

Vor einem Jahr musste Elrouss selbst, wie viele Bewohner der Hauptstadt, neu anfangen. Am 4. August 2020 war sie mit ihrem kleinen Sohn auf dem Weg zum Sportunterricht. Ihr Mann hatte gerade das Haus verlassen, um eine Runde durch die Nachbarschaft zu drehen. Dann stieg die Rauchwolke auf, und um 18:08 Uhr war von ihrer Wohnung in Gemmayzeh, nicht einmal zwei Kilometer vom Hafen entfernt, nichts mehr übrig. Das Dach war verschwunden, den Inhalt ihres Kühlschranks fanden sie bei Nachbarn auf der anderen Straßenseite. "Wenn jemand in der Wohnung gewesen wäre, wäre sie zu Staub geworden", sagt die 39-jährige Libanesin.

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Anastasia Elrouss ist "süchtig nach Hoffnung".

(Foto: Privat)

Heute lebt Elrouss mit ihrer Familie außerhalb von Beirut. Seit der Explosion kann sie die Stadt nicht mehr betreten. Sie, ihre Familie und ihr Team kamen körperlich unversehrt davon, aber die fast 2750 Tonnen Ammoniumnitrat hinterließen tiefe psychische Wunden. Und trotzdem trägt sie heute ein T-Shirt mit den Worten: "Ich bin süchtig nach Hoffnung".

Vor einem Jahr hätte Bader auch ein solches T-Shirt tragen können. Damals war die Protestbewegung nicht mehr so groß wie im Oktober 2019, aber Bader glaubte immer noch an ein Land, in dem ihr 15-jähriger Sohn ein gutes Leben haben könnte. Heute ist sie fast erleichtert, dass die Mutter ihres Freundes Anfang des Jahres an Corona starb. "Denn so muss sie wenigstens nicht miterleben, wie das Land jetzt auseinanderfällt", sagt die 41-Jährige in Beirut.

Die alleinerziehende Mutter bangt nun um die Zukunft ihres Sohnes und hat ihren Aktivismus aufgegeben. "Ich kann den Eltern der verstorbenen Kinder nicht in die Augen sehen. Ich fühle mich so hilflos", sagt sie mit Tränen in den Augen. "Es wird keinen Unterschied machen, wenn ich auf die Straße gehe. Ich habe aufgegeben."

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Cyrene Bader bei einer Demonstration in der libanesischen Hauptstadt im Oktober 2019.

(Foto: Privat)

Eine düstere Zukunft

Obwohl die beiden Frauen die Zukunft des Landes unterschiedlich sehen, sind sie sich in einem Punkt einig: Die Regierung ist für nichts mehr zu gebrauchen. Und das, sagt Heiko Wimmen von der International Crisis Group, glauben auch die Europäische Union (EU) und der Internationale Währungsfonds (IWF). Für das kleine Land mit seinen vier Millionen Einwohnern steht reichlich internationales Geld zur Verfügung. Der IWF hat sogar bis zu vier Milliarden Dollar zugesagt - unter einer Bedingung: Die Regierung muss bestimmte Reformen in die Wege leiten. Seit mehr als einem Jahr gibt es jedoch keine Regierung mehr. Die großen Parteien können sich nicht auf eine Koalition einigen.

Eine der Bedingungen wäre eine Prüfung der Zentralbank. Bislang herrscht Unklarheit darüber, wie viel Geld überhaupt noch vorhanden ist. "Solange nicht klar Schiff gemacht wird, wissen wir nicht einmal, wie tief der Sumpf ist", sagt Wimmen. Die Wirtschaftskrise lasse sich nicht mit ein paar Milliarden vom IWF beheben. Solange die Regierung keine entsprechenden Reformen durchführt, "ist alles, was die EU oder der IWF hineinpumpen, verlorenes Geld".

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Wenn es um Hoffnungen für die Zukunft geht, ist Wimmen eindeutig auf der pessimistischen Seite. "Es gibt nicht viel Raum für Optimismus", sagt er. Früher oder später werde der Libanon die schmerzhaften Schritte gehen und das System ändern müssen. Doch angesichts der bevorstehenden Wahlen will kein Politiker die Subventionen streichen, geschweige denn die Wahrheit über die finanzielle Situation offenlegen. "Es wird noch eine ganze Weile schlechter werden, bis es besser wird", so Wimmen.

Doch Elrouss sieht das anders. Sie sagt ihrem Team jeden Tag: "Wir haben keine andere Möglichkeit, als süchtig nach Hoffnung zu sein." Sie will die Stadt und das Land wiederaufbauen. Der Libanon habe ihr schon so viel gegeben, nun müsse sie auch etwas zurückgeben. "Es ist wie eine Beziehung", erklärt sie, "man darf nicht gehen, wenn es schwierig wird."

Quelle: ntv.de

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