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Flüchtlingslager auf Lesbos "Europa? Das hier ist die Hölle"

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Tausende Flüchtlinge leben im Camp Moria auf Lesbos.

(Foto: Nadja Kriewald)

Rund 17.000 Menschen leben im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Die Bedingungen sind katastrophal. Die Menschen leiden zudem unter Krankheiten und Gewalt.

"Willkommen im Dschungel von Moria", ruft ein Mann. Dschungel, so nennen die Flüchtlinge hier ihr Lager, weil sie ihre Zelte mitten im Olivenhain aufgeschlagen haben und es nachts so gefährlich ist wie im richtigen Dschungel. Der Weg führt vorbei an kleinen Läden. Obst und Gemüse, Zigaretten und Getränke werden verkauft, ein paar Meter weiter gebrauchte Jacken und Schuhe. Rund um das eigentliche Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos haben sich in den vergangenen Monaten Tausende Migranten angesiedelt.

"Als wir vor zwei Monaten angekommen sind, da standen hier die ganzen Zelte noch nicht", sagt Sahin Nabizada. Der 16-Jährige kommt aus Afghanistan, aus Mazar-I-Sharif. Er sieht viel älter aus, spricht fließend Englisch. Das habe er in der Schule gelernt, erzählt er. Sahin trägt ein grünes Sweatshirt mit einem Rentier darauf, Jeans und an den Füßen nur Badelatschen, wie viele hier. Seine Schuhe hat er bei der Überfahrt verloren. Vor vier Monaten hat er sich mit seiner Familie auf den Weg gemacht, über den Iran in die Türkei. Und dann ging es weiter mit dem Boot. "1000 Dollar haben wir für die Überfahrt nach Lesbos bezahlt. 20 Leute waren auf dem Boot", erzählt Sahin.

Zwei Zelte, sechs Decken und jede Nacht Kämpfe

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Kalt, kein Strom, kein Wasser - Sahins Mutter mit ihrer Tochter.

(Foto: Nadja Kriewald)

Probleme mit der türkischen Küstenwache habe es nicht gegeben, sagt er. Die Schmuggler wüssten, wie und wo man durchkommt. Aber so ein Lager wie Moria, das hatten sie nicht erwartet. "Das hier ist doch Europa", meint Sahin. "Als wir ankamen, merkten wir, dass es die Hölle ist."

Zwei kleine Zelte haben Helfer der sechsköpfigen Familie gegeben und sechs Decken. Auf den Decken würden sie schlafen, mit ihren Jacken decken sie sich zu. Nachts sinken die Temperaturen auf sieben Grad Celsius und durch die dünnen Zeltplanen dringt die Feuchtigkeit. "Wir haben so viele Probleme", sagt Sahins Mutter. "Es ist so kalt, wir haben keinen Strom, kein Wasser. Und dazu gibt es immer Kämpfe. Jede Nacht wird hier gekämpft. Das macht uns Angst. Und dann die vielen Krankheiten."

Zu dritt auf die Toilette

In Afghanistan hat Nazifa Nabizada als Lehrerin gearbeitet, sie hatten ein Haus mit einer richtigen Küche. Jetzt kocht die 47-Jährige am offenen Feuer Reis mit Gemüse. Die Bedrohung durch die Taliban wurde immer schlimmer, dazu kam die Angst vor Entführungen. Deshalb seien sie geflohen.

Die meisten der Neuankömmlinge hier stammen aus Afghanistan. Auch Sahins Nachbarin Samira Nuri. "Ich bin allein mit meinen zwei Kindern, drei und vier Jahre alt. Mein Mann ist noch in der Türkei. Ich habe solche Angst um meine Kinder. Es ist so gefährlich hier", sagt sie und fragt: "Warum bringt man uns nicht woanders hin?"

Weg wollen sie hier alle. Zahra Rezayi ist erst seit fünf Tagen hier. "Nachts gehen wir immer nur zu dritt auf die Toilette, weil wir solche Angst haben", erzählt sie und zeigt ihre Enkeltochter. Die Vierjährige hat eitrige Pusteln am ganzen Hals. Viele Kinder hier haben Infektionen. Die einzige Kinderklinik hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schräg gegenüber vom Camp Moria eingerichtet. Zwei Ärzte, sechs Schwestern für bis zu 6000 Kinder. Das überfordert alle.

Epilepsie, Diabetes, Leukämie

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Marco Sandrone arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in dem Lager.

(Foto: Nadja Kriewald)

"Manche Kinder kommen hier mit einfachen Erkrankungen, mit Schnupfen oder Hautinfektionen" sagt Koordinator Marco Sandrone. "Mehr und mehr sehen wir Kinder mit chronischen oder auch schweren Erkrankungen. Ich spreche hier über Epilepsie, Diabetes, Leukämie - komplizierte, teils angeborene schwere Krankheiten. Diese Kinder kann unser Team - mit der Struktur, die wir hier haben, nicht richtig versorgen."

Das Lager sei für alle hier gefährlich, aber besonders für die Kinder. Etwa 1000 Minderjährige seien unbegleitet hier, erzählt Sandrone weiter. "Diese Kinder haben niemanden, der auf sie aufpasst. Diese Kinder sind jeder Gewalt ausgesetzt, das heißt, auch sexueller Gewalt." Zumindest diese Kinder müssten von hier weggebracht werden, fordert Sandrone. Aber danach sieht es nicht aus. Mehr als 17.000 Menschen leben hier. Und es kommen immer mehr.

Nur der erste Schritt?

Die Flüchtlinge wissen nicht, dass die Regierung in Athen beschlossen hat, dass das hier alles weg soll. Dass Migranten mit Aussicht auf Asyl in Lager aufs Festland sollen und die anderen in geschlossene Camps. Hier weiß niemand davon. Selbst bei der Stadtverwaltung in der Inselhauptstadt Mytilene herrscht Unsicherheit. Die genauen Pläne aus Athen kennt auch Tasos Balis von der Stadtverwaltung noch nicht. Er weiß nur, dass viele Bewohner von Lesbos die Flüchtlinge einfach weghaben wollen.

Und er befürchtet, dass hier am Ende noch viel mehr leben könnten: "Die Flüchtlinge sollen ein richtiges Dach über dem Kopf haben, so lange ihr Status geprüft wird. Aber was die Menschen auf Lesbos hier beunruhigt, ist, dass es vielleicht nur der erste Schritt zu einem größeren Lager sein wird", sagt er. "Also statt 2000 Leute in ordentlichen Unterkünften zu haben, werden es vielleicht in Zukunft 50.000 oder 100.000 sein."

Zurück im Lager. Sahin hofft auf Asyl und er will nach Österreich, dort leben schon seine beiden älteren Brüder. Und er möchte wieder zur Schule gehen und seinen Abschluss machen, erzählt er. Er ist ja erst 16 Jahre alt.

Bei Einbruch der Dunkelheit verschwinden Frauen und Kinder in den Zelten. Viele haben Angst vor Überfällen und Vergewaltigungen. Denn hier im Dschungel ist es nachts stockdunkel und gefährlich.

Das RTL Nachtjournal berichtet heute um Mitternacht aus dem Camp Moria, ebenso wie der n-tv Auslandsreport am Freitag um 17.30 Uhr.

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Quelle: n-tv.de

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